Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Langer Urlaub schadet nur

Von Julia Leendertse
Weniger ist manchmal mehr. Sogar beim Urlaub. Experten der US-Weltraumbehörde Nasa fanden jetzt Unerwartetes heraus: Wer lange Urlaub macht ? also mehr als 20 Tage am Stück ? kommt viel gestresster an seinen Arbeitsplatz zurück als derjenige, der höchstens 13 Tage wegbleibt.
"Das Problem ist, dass jeder aus seinem Urlaub irgendwann an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt", sagt Norbert Herrmann. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Mit ihrem Forschungsergebnis stellen die Nasa-Experten eine alte Faustregel der Arbeitsmedizin in Frage: Und zwar, dass der Mensch erst nach 14 Tagen wirklich abschaltet. Die freien Tage durch viele Kurzurlaube abzufeiern, galt bisher als weniger gesundheitsfördernd. Doch der Knackpunkt ist der Stressfaktor, der mit langen Abwesenheiten verbunden ist. Denn im Prinzip bestätigten die Nasa-Forscher bei ihrer Untersuchung von 1 200 amerikanischen Neuseeland-Touristen, dass das gesundheitliche Befinden mit der Dauer des Urlaubs steigt. Langzeiturlauber hatten zum Ende der Ferien ihre physische und psychische Leistungsfähigkeit viel stärker verbessert als Kurzurlauber. Die Tests ergaben, dass die Urlauber am letzten Tag ihrer Ferien im Schnitt 82 Prozent leistungsfähiger waren als bei Urlaubsantritt. Auch nach mehreren Arbeitstagen fühlten sie sich noch 25 Prozent fitter als vor den Ferien. Bei Urlaubern, die 45 Jahre oder älter waren, lag dieser Wert sogar bei 50 Prozent.?Das Problem ist nur, dass jeder aus seinem Urlaub irgendwann wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt?, sagt Norbert Herrmann, koordinierender Betriebsarzt bei der Deutschen Post. ?Wer mehr als 14 Tage wegbleibt, kann besser abschalten und sich wahrscheinlich auch besser regenerieren?, so Herrmann. ?Dafür aber hat er seinen Rhythmus vollkommen umgestellt und muss sich erst einmal wieder an den Tagesablauf im Job gewöhnen?, erläutert der Arbeitsmediziner. ?Wer aber nur 13 Tage oder weniger Urlaub macht, hat bei seiner Rückkehr in den Job den Arbeitsrhythmus noch im Kopf und kann sich deshalb stressfreier wieder darauf einstellen.? Bei der Nasa-Befragung gaben denn auch 57 Prozent der untersuchten Urlauber an, dass der Erholungseffekt schon nach wenigen Tagen verflogen war ? sobald sie wieder ihrer Arbeit nachgingen. Sie fühlten sich so, als ob sie nie frei gehabt hätten.

Die besten Jobs von allen


» MBA-Newsletter:
Alle 14 Tage die neuesten Nachrichten
aus den wichtigsten Business Schools

?Um gegenzusteuern, müssen Langzeiturlauber ihre Abwesenheit gut vorbereiten?, empfiehlt Herrmann. Statt Hunderte oder Tausende von E-Mails auflaufen zu lassen, kommen viele besser damit klar, in der letzten Woche ihre Mails schon mal durchzukämmen und Prioritäten für die ersten Tage zu setzen. Damit die getankten Energien nicht gleich verpuffen, ist es zudem sinnvoll, einen fähigen Stellvertreter aufzubauen ? damit jener in der Zeit die Geschäfte führt. Oder ein Netzwerk von Leuten zusammenzustellen, die einzelne Aufgaben übernehmen. Maßnahmen, vor denen aber vor allem viele Manager zurückschrecken ? aus Angst, dass jemand während ihres Urlaubs an ihrem Stuhl sägt.?Besonders die gut ausgebildeten Angestellten, die in der Hierarchie höher stehen, stückeln immer öfter ihren Urlaubsanspruch und verzichten sogar auf Urlaubstage?, beobachtet Markus Promberger, Arbeitszeitforscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Aber auch die immer knapper kalkulierten Zeit- und Kapazitätspläne erschweren es, das Büro zu verlassen.Grundsätzlich auf längere Ferien zu verzichten, ist jedoch kontraproduktiv. ?Wer seine Batterien aufgebraucht hat, benötigt auch eine längere Regenerationsphase?, weiß Arbeitsmediziner Herrmann. Aus der Nasa-Studie zu schließen, dass Unternehmen mehr Produktivität und Leistungsfähigkeit erreichen, wenn sie ihre Mitarbeiter nie mehr als zwei Wochen Urlaub am Stück machen lassen, ist daher völlig falsch. Machen doch die Ergebnisse deutlich, wie wichtig es ist, überhaupt Urlaub zu machen und sich zumindest zwischendurch eine 14-tägige Auszeit zu gönnen ? ohne Telefonklingeln, Konferenzen und den Anspruch ständiger Verfügbarkeit.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.01.2007