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Lange Finger in den eigenen Reihen

Von Claudia Tödtmann
Jeder zweite Wirtschaftskriminelle bleibt zum Stehlen gleich am Arbeitsplatz. Das zeigt eine Studie des Handelsblatts und der Münchener Sicherheitsberatung Result Group. Und: Obwohl das Risiko zunimmt, schützen sich Unternehmenslenker kaum.
Dem Unternehmer greift meist der eigene Mitarbeiter in die Tasche. Foto: dpa
Dass ein Erzrivale dem anderen hilft, ist selten. Dass ein Erzrivale das tut, damit der Konkurrent sein Betriebsgeheimnis - das A und O seines Unternehmenserfolges - bewahrt, das ist kaum vorstellbar. Und noch weniger, dass dies alles die Manager eines Unternehmens machen, das die Nummer zwei im Markt ist, und sie somit der Nummer eins helfen. Doch genau das passierte kürzlich: Pepsi-Managern waren vertrauliche Informationen über die Coca-Cola-Rezeptur mitsamt der Probe einer Neuentwicklung für rund 1,5 Millionen Dollar zum Kauf angeboten worden. Von Dirk, angeblich eine Führungskraft von Coca-Cola. Doch statt zuzugreifen und eins der bestgehütetsten Geschäftsgeheimnisse der Welt zu erfahren, informierten die Pepsi-Manager die Coca-Cola-Zentrale in Atlanta. Die schaltete das FBI ein und dank Video-Überwachung erwischten sie eine Verwaltungsangestellte, wie sie Akten durchsuchte, Dokumente aussortierte und zusammen mit einer Produktprobe in Taschen und Tüten versteckte.Dass Pepsi den Schulterschluss mit Coca-Cola wagte, war untypisch. Typisch war dagegen, dass ausgerechnet die eigenen Mitarbeiter ihr Unternehmen betrügen oder sich der Untreue strafbar machen: 36 Prozent der Täter, die aus den eigenen Reihen kommen, stammen aus der Führungsetage, und 54 Prozent sind eigene Mitarbeiter. Dieses erschreckende Fazit ist das Ergebnis einer Studie der Sicherheitsberatung Result Group in Grünwald bei München zusammen mit dem Handelsblatt. Befragt wurden 3 870 Unternehmen aus allen Branchen und jeder Größe ? vom Großkonzern bis zum Kleinbetrieb.

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Von den Befragten gaben immerhin 37 Prozent zu, in den vergangenen zwei Jahren Opfer eines Wirtschaftsdelikts geworden zu sein. Weitere 20 Prozent vermuten zwar, dass sie Opfer von Wirtschaftkriminalität wurden, können es aber nicht zweifelsfrei belegen. Weil die Kontrollstruktur in Konzernen umfassender ist, fliegen dort solche Straftaten sehr viel eher auf: 71 Prozent der Konzerne, aber nur 31 Prozent der Mittelständler kamen Wirtschaftsdelikten auf die Schliche. Jedoch: ?Nur jedes fünfte geschädigte Unternehmen erstattet daraufhin Strafanzeige oder verklagt den kriminellen Mitarbeiter auf Schadensersatz?, berichtet Christian Schaaf, Studienverantwortlicher bei Result Group. Denn: ?Die Unternehmen wollen diese Fälle nicht an die große Glocke hängen. Sie beenden lieber schnell das Arbeitsverhältnis, zumal der Ex-Mitarbeiter das Geld fast nie zurückbezahlen kann?, beobachtet Anja Breitfeld, Anwältin bei Allen & Overy.Bemerkenswert ist, wie sicher sich die Unternehmenslenker fühlen: ?Sie unterschätzen ihr Risiko enorm?, urteilt Schaaf. Bei den mittelständischen Unternehmen glauben zwar 62 Prozent der Firmen, dass das Risiko, Opfer von Wirtschaftskriminalität zu werden, steigt ? aber nur 33 Prozent sehen auch eine steigende Gefahr für ihr eigenes Unternehmen. Frei nach dem Motto: Alle ? nur wir nicht. Zwar haben 80 Prozent mit ihren Mitarbeitern in den Arbeitsverträgen Geheimhaltungspflichten geregelt. Aber nur 68 Prozent der Befragten achten darauf, dass sie alle Geschäftsunterlagen zurückbekommen, wenn ein Mitarbeiter ausscheidet. Bei Neueinstellungen gehört es nur bei sieben Prozent der Firmen zum Standard, sich über die Vergangenheit des Kandidaten ein Bild zu machen, indem sie ein polizeiliches Führungszeugnis verlangen, eine Agentur mit einem Check beauftragen, ihn im Internet googeln und vor allem bei seinen früheren Arbeitgebern anrufen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Das größte Risiko für Ideenklau sind unzufriedene Mitarbeiter.? Die Studie im Detail: Nur 2,5 Prozent der Firmen haben ein anonymes Online-Hinweisgeber-System für Tipps von Kollegen auf mögliche Täter. Nur elf Prozent der Unternehmen bieten einen Ansprechpartner für solche Hinweise an. Dabei: Die Mitarbeiter sind die wertvollste Hilfe, da in 34 Prozent der Fälle ihre Tipps zur Aufklärung führten.Bei 30 Prozent der Unternehmen lag die Schadenshöhe zwischen 20 000 und 100 000 Euro, bei acht Prozent bis zu einer Million Euro und in vier Prozent der Fälle über einer Million Euro. Immerhin 40 Prozent der Befragten wollten nicht verraten, wie hoch ihr Schaden war. Oder sie konnten ihn womöglich nicht einmal genau beziffern. Der typische Wirtschaftsstraftäter ist ein Mann, sozial unauffällig, überdurchschnittlich gebildet, nicht vorbestraft, schon länger im Unternehmen, zwischen 31 und 50 Jahren alt und genießt durchaus Vertrauen.
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Bei welcher Gelegenheit Betrügereien meist ans Tageslicht kommen? Etwa beim Wechsel des Finanzvorstands, Geschäftsführers oder Finanzabteilungsleiters, beobachtet Juristin Breitfeld. Typischerweise zweigt der Täter ? oder mehrere, womöglich auch zusammen mit Externen wie Geschäftspartnern ? Geld ab. Oder er nimmt Leistungen auf Kosten der Firma wie Reparaturen am Eigenheim oder Privatwagen an. Oder er rechnet private Anschaffungen wie teures Geschirr, aber auch Lebensmittel, Kosmetik oder die Reisekosten der ihn bei seiner Dienstreise begleitenden Ehefrau auf Firmenkosten ab. Breitfeld: ?Je länger solche Betrügereien gut gehen, umso gieriger werden die Täter und umso leichtsinniger werden sie.? Allzu arglos sind die Firmen beim Thema Know-how-Abfluss, die 13 Prozent der Fälle ausmachen laut Result/Handelsblatt-Studie. ?Ein unterschätztes Risiko stellen Praktikanten, Diplomanden und Leiharbeiter dar, die oft von Konkurrenten eingeschleust sind?, berichtet Schaaf.Auch der menschliche Faktor interessiert die Unternehmenslenker zu wenig. Patentrechtler Joachim Mulch aus der Kanzlei Nörr, Stiefenhofer Lutz: ?Das größte Risiko für Ideenklau sind unzufriedene, wechselwillige Mitarbeiter.? Er schildert: Entweder liefern die Unzufriedenen nach ihrem Jobwechsel dem neuen Arbeitgeber gleich Know-how und Forschungsergebnisse frei Haus, damit jener etwa noch vor dem Ex-Arbeitgeber ein Patent anmelden kann. Oder der Mitarbeiter meldet das Patent gleich auf seinen Namen an und verwertet es später. Mulch beobachtet: ?Dass ein Mitarbeiter als Maulwurf in eine Firma eingeschleust wird, wird seltener. Lieber zapft die Konkurrenz gleich mit Hackern die Firmennetze der Mitbewerber an.?
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Dieser Artikel ist erschienen am 18.12.2006