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Lady in Red

Florian Willershausen
Zur WM 2006 macht die Deutsche Bahn ihren Weltmeister-Sonderzug aus dem Jahr 1954 wieder flott. Der Paradezug der 50er Jahre, der einst die "Helden von Bern" nach Hause kutschierte, freut sich auf seinen zweiten Frühling.
Auch Eisenbahnen haben Mimik und Gestik. Cool triumphiert der ICE, wenn er wieder der Schnellste im Schienensprint war. Mürrisch faucht die Dampflok, die nach Jahrzehnten treuer Diensterfüllung immer noch Touris den Harz hinaufziehen muss. Dem Dieseltriebzug VT 08 ist ein Dauergrinsen ins Blechgesicht geschrieben. Der Paradezug der 50er Jahre, der einst die "Helden von Bern" nach Hause kutschierte, freut sich auf seinen zweiten Frühling

Milchbubis im Speisewagen
Ganz Süddeutschland war auf den Beinen, als die Nationalelf mit Trainer Sepp Herberger im purpurroten Sonderzug vom schweizerischen Spiez nach München fuhr. Die Champions steckten ihre Milchbubigesichter aus den Fenstern des Speisewagens, auf den die Bahn den Schriftzug "Fußball-Weltmeister 1954" geklebt hatte.

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Der sportliche Erfolg beflügelte die Deutschen nach dem Krieg. Nun schickt die Bahn ihren eleganten Dieseltriebzug noch einmal auf die Schienen. Zur Weltmeisterschaft 2006 soll er das Wunder-von-Bern-Gefühl quer durch Deutschland karren. Promotion-Aktionen von Hamburg bis München sind geplant. Doch erst einmal muss der betagte Zug von Grund auf hochgepäppelt werden


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Lokführer Carsten Begemann und Manfred Kühn von der Freizeitgruppe "VT 08" haben ihn nach Meiningen/Thüringen ins Dampflokwerk gefahren. Hier kümmern sich Techniker der Bahn um Oldtimer aus ganz Europa. Mit ihren 51 Lenzen ist die Lady in Red, die neben einer alten Güterzug-Dampflok parkt, der reinste Backfisch. Doch der Lack bröckelt, ein paar Scheiben sind angelaufen, die Bremsbeläge hinüber. Die vielen Beulen waren immer schon im Blech, da die Walztechnik im Baujahr 1954 noch zu wünschen übrig ließ. Nun schrauben die Techniker unter der Frontverkleidung an den Innereien des Prachtzugs, in den Waggons sind Sattler zu Werke, ein Lackierer pinselt an der Außenhaut, beißender Farbgeruch hängt in der Halle. Gestern hat der VT 08 die wichtigsten Funktionstests bestanden. "Von der Sicherheitstechnik her", verspricht Lokführer Begemann, "ist unser Baby so fit wie ein ICE-II." Der Zug wird ausgebremst, wenn er an einem Haltesignal vorbeisaust, Streckenanweisungen kommen digital in die Führerkabine, per Funk kann der Lokführer mit den Stellwerken Kontakt aufnehmen.

So muss das sein - schließlich fährt der Dieselzug seit seinem Abschied aus dem Linienverkehr im Jahr 1985 als Freizeit-Oldtimer im europäischen Schienennetz - allerdings mit 120 statt 390 Sachen. Die Braunschweiger Freizeitgruppe "VT 08" um die Vorsitzenden Begemann und Kühn übernimmt bei solchen Fahrten die Bewirtung.

Sonderfahrt fürs Kino
Die beiden Chefs haben auch die Lizenz zum Fahren. Kühn steuerte den Weltmeister-Zug im Kinofilm "Das Wunder von Bern". Begeistert erinnert er sich an die Dreharbeiten in Bochum-Dahlhausen: "Da standen Hunderte Statisten in zeitgenössischer Kleidung am Bahnsteig", erzählt Kühn. "Ich fühlte mich total in die 50er Jahre versetzt."

Die Nostalgie ist Programm. Marketingkoordinator Steffen Straub war neulich dabei, als die feine Lady zur "Bambi"-Verleihung im Münchener Hauptbahnhof einfuhr: "Da läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter." Der 33-Jährige steckt hinter dem Pensum, das der VT 08 im Vorfeld der Fußball-WM absolviert: Besichtigungstage in den WM-Städten, Medienreisen mit Promis, Gewinnspiele. Straub hofft, dass die Nationalelf mal mitfahren wird. "Aber die nehmen sicher den ICE." Für alle Fälle hat die Bahn allen Nationalspielern Bahncards geschenkt. Natürlich ist es für sie Werbung, wenn ein Fußballprofi im ICE auftaucht. So wie Teammanager Oliver Bierhoff, der öfter mal Bahn fährt.

Würstchen-Logistik
Der WM-Sponsor Deutsche Bahn hat nicht wie die anderen nationalen Förderer 12,9 Millionen Euro an die Fifa überwiesen, sondern zahlt einen Teil in Dienstleistungen: Stadion-Sonderzüge, Freifahrten für Journalisten und Service-Angebote im Bahnhof. Als Logistik-Partner kümmert sich der Mehdorn-Konzern darum, dass Bier, Würstchen und saubere Fußballschuhe rechtzeitig in die Stadien kommen. "Wir wollen uns der Öffentlichkeit als Mobilitäts- und Logistik-Dienstleister präsentieren", kündigt Straub an.

Doch Logistik ist nicht wirklich sein Job. Der Marketing-Mann sorgt für das WM-Feeling, das im 54er Sonderzug über die Gleise rollen soll. Deswegen fährt er selbst ab und zu ins Meininger Dampflokwerk und schaut, wie die Restaurierungsarbeiten vorangehen. "Wichtig ist, dass der Zug seine Urigkeit behält", sagt Straub, "dann ist das ein absoluter Knaller." Das war der VT 08 schon, als er mit 140 Stundenkilometern Kurs auf Amsterdam, Wien und Paris nahm. Als "Schauinsland" war er einst der schnellste Zug im innerdeutschen Fernverkehr und Aushängeschild der Bundesbahn - der ICE der 50er Jahre.

Die legendäre Fahrt mit den "Helden von Bern" war lange vor der Zeit des Event?managers. Doch seinetwegen dürfen sich die Jubelszenen gern wiederholen. Die Oldtimer-Fans Carsten Begemann und Manfred Kühn würden ausknobeln, wer dann die "Lady in Red" fahren darf.

Doch erst einmal muss Deutschland Weltmeister werden. Begemann, an sich gar kein Fußballfan, ist ein wenig skeptisch: "Hoffentlich scheiden die nicht wieder in der Vorrunde aus", sagt er mit Blick auf den Schriftzug "Fußball-Weltmeister" am Speisewagen, "sonst blamieren wir uns ja bis auf die Knochen."

karriereurteil > Deutsche Bahn

Geschäftsfeld: Personenverkehr, Transport/Logistik, Infrastruktur/Dienstleistungen
Umsatz: 23,9 Mrd. Euro
Mitarbeiter: 225.000
Einstellungen: 220
Qualifikationen: Elektrotechnik, Maschinenbau, Bauingenieurwesen, Wirtschaftsingenieurwesen, Wirtschaftswissenschaften, Psychologie
Einstiegsgehalt: k.A.
Kontakt: Deutsche Bahn AG, Nachwuchsgewinnung, Lennéstraße 5, 10785 Berlin, 030.297-0, www.bahn.de

Marktführer
Im Personenverkehr liegt der Ex-Staatsmonopolist nach wie vor unangefochten vorn. Wettbewerber gibt es nur auf Teilstrecken. Über die Tochter Stinnes mischt die Bahn im Logistikgeschäft mit, ist dort aber nicht tonangebend. Im Schienen-Güterverkehr nimmt die Konkurrenz zu.

Kuschelfaktor
Das Unternehmen fährt dem Börsengang entgegen, deshalb zieht es die Leistungsschraube an. Aus früheren Zeiten sind teilweise starre Strukturen und viele Vorschriften übrig geblieben - dazu 49.000 privilegierte Beamte, die die Bahn wie eine Zweiklassengesellschaft ausschauen lassen.

Entwicklung
Im Schnitt investiert ein Bahner 30 Stunden pro Jahr in Qualifizierungsmaßnahmen - das kann sich sehen lassen. Individuelle Entwicklungsmaßnahmen werden in Jahresgesprächen geplant. Allerdings ist das Kompetenzmanagement, das konzernweit erst 2004 eingeführt wurde, noch nicht ausgereift.

Jobsicherheit
Ein Beschäftigungsbündnis sichert die Arbeitsplätze bis 2010. Ob dann der große Kahlschlag folgt, hängt davon ab, wie die Modernisierung vorankommt. Die Zahl der Neueinstellungen entwickelt sich positiv. Allerdings sind 220 Akademikerjobs keine große Hausnummer in einem 225.000-Mitarbeiter-Laden.
Work-Life-Balance
Die Bahn gibt sich familienfreundlich: Für Mitarbeiter im Schichtdienst oder auf Geschäftsreise wird Kinderbetreuung organisiert, individuelle Programme erleichtern den Wiedereinstieg nach der Elternzeit . Auch bei der Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger hilft die Bahn. Gleit- und Teilzeit für alle Mitarbeiter.

Gehalt*
Zum Jahr 2006 will die Bahn alle Ost-Löhne auf West-Niveau hieven. Schon seit längerem bestehen leistungs- und erfolgsabhängige Gehaltskomponenten. Über die konkrete Höhe der Vergütungen schweigt allerdings das Unternehmen, es verspricht lediglich "marktübliche Preise".

*(Keine Bewertung möglich, weil das Unternehmen keine Gehaltszahlen genannt hat.)
Dieser Artikel ist erschienen am 31.01.2006