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Lachen unter Spannung

Von Holger Alich
Anne Lauvergeon weiß sich gut zu verkaufen. Die Chefin der französischen Nuklearholding Areva gilt als Liebling der Medien, obwohl ihre Managementqualitäten von Seiten der Politik in letzter Zeit öfters angezweifelt wurden.
Präsentiert sich stets im rechten Licht: Anne Lauvergeon. Foto: dpa
PARIS. Vergleichbare Schwierigkeiten können für das Topmanagement höchst unterschiedliche Konsequenzen haben. Ein Beispiel dafür liefern derzeit zwei deutsch-französische Vorzeigeprojekte, bei denen es hakt. Airbus fliegt wegen der Probleme beim doppelstöckigen Superairbus A380 in diesem Jahr in die roten Zahlen. Topmanager wie Noël Forgeard und sein Stellvertreter Gustav Humbert mussten daher gehen.Ganz anders sieht es dagegen bei Frankreichs Nuklearholding Areva und ihrer Chefin Anne Lauvergeon aus, die heute neue Umsatzzahlen präsentieren: Zwar hinken Areva und ihr deutscher Partner Siemens beim Bau des neuen Atomkraftwerks im finnischen Olkiluoto stolze 18 Monate dem Zeitplan hinterher, was Schleifspuren in der Areva-Bilanz hinterlassen wird.

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Doch die selbstbewusste Konzernchefin Lauvergeon hat nicht nur im Juni ihre Vertragsverlängerung um fünf Jahre bekommen ? sie wurde gar noch ausgezeichnet: Die Hörer des Wirtschaftssenders BFM vergaben ihr den ?BFM Award 2006?.Unumstritten ist Frankreichs Nuklearkönigin aber nicht. Im Gegenteil. Das Verhältnis zu ihrem Großaktionär, vertreten durch Finanz-Minister Thierry Breton, darf als gespannt bezeichnet werden. Die jüngsten Misserfolge geben den Kritikern von Lauvergeon neue Munition: Denn trotz Verkaufshilfe durch Staatspräsident Jacques Chirac zog es die chinesische Regierung vor, vier neue Atomkraftwerke beim US-Konkurrenten Westinghouse zu ordern.Doch Lauvergeon gilt als machtbewusst und zielstrebig. Sie weiß, dass sie als Chefin der strategisch wichtigen Nuklearholding stets von Neidern und Heckenschützen umzingelt ist: ?Als Frau an der Spitze eines solchen Unternehmens zu sein, das löst Spannungen aus?, sagte sie einmal.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Im Finanzministeriums ärgert man sich über den Medienrummel um Lauvergeon.Die Medien dagegen lieben die 47-Jährige ? vor allem jenseits des Atlantiks. Die US-Wirtschaftsmagazine ?Forbes? und ?Fortune? zählen die ehemalige Beraterin von Staatspräsident François Mitterrand zu den ?einflussreichsten Frauen der Welt? und widmen ihr Titelgeschichten. ?Dabei ist es ihr zuwider, dass es ständig thematisiert wird, dass der Boss von Areva eine Frau ist?, heißt es aus ihrem Umfeld.Daher gibt sie Interviews eher in behutsamen Dosen. Im Finanzministerium sorgen die zahlreichen Porträts über Lauvergeon dennoch für Verärgerung. Sie solle sich vor allem um den Verkauf des Reaktors der dritten Generation, des so genannten EPR (European Pressurised Water Reactor), kümmern, tönt es von dort. Denn bisher gibt es für den EPR nur zwei Kunden: die finnische TVO und Frankreichs Stromriese EdF.Da wirkt es fast wie Trotz, dass vor einigen Tagen Areva ein Übernahmeangebot für die ausstehenden Aktien des deutschen Windmühlenherstellers Repower vorgelegt hat. ?Sie mag es überhaupt nicht, abhängig zu sein?, erklärt ein enger Mitarbeiter.Ein Grund, warum die zweifache Mutter bei den Medien so gut und bei manchen französischen Wirtschaftskapitänen so schlecht ankommt, sehen Beobachter in Lauvergeons unfranzösischer Art, Klartext zu reden. Gerade das soll indes einem ihrer ersten Arbeitgeber besonders gut gefallen haben: Staatspräsident François Mitterrand. Er machte die Absolventin der Eliteschmiede Ecole de Mines zu seinem ?Sherpa?, also zu jenem Berater, der den Präsidenten durch die diplomatischen Untiefen der Wirtschaftsgipfel wie denen der G7 führt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Niemand kann ihre Managerfähigkeiten in Frage stellen.?Ihre Freunde, wie etwa der scheidende Chef des Baustoffriesen Saint-Gobain, Jean-Louis Beffa, heben die intellektuellen Fähigkeiten der Ingenieurin hervor. ?Niemand kann ihre Managerfähigkeiten in Frage stellen?, sagte Beffa einmal über die Areva-Chefin. Auf ihrer Habenseite: die erfolgreiche Fusion der drei französischen Nuklearplayer CEA Industrie, Framatome und Cogema zum staatlichen Atomgiganten Areva. Das Unternehmen setzt heute rund zehn Milliarden Euro um und macht etwa eine Milliarde Euro Gewinn.Ihre Kritiker wenden dagegen ein, dass bei aller Brillanz die Areva-Chefin sich zuweilen beratungsresistent zeige. So habe sie darauf verzichtet, den Stromriesen EdF in das Gebot für die chinesischen Reaktoren mit einzubeziehen, dabei betreibt EdF seit Jahren 58 Areva-Reaktoren. Wegen solcher Fehler und der peinlichen Verzögerung beim Reaktor in Finnland hätten die Chinesen dem Westinghouse-Reaktor den Vorzug gegeben, heißt es in Paris.Doch der Areva-Chefin sind solche klein-französischen Industrie-Spielchen, bei der stets die heimischen Anbieter bevorzugt werden sollen, ein Graus. Daher geriet sie mit dem damaligen Wirtschaftsminister Francis Mer aneinander, als dieser im Sommer 2003 die profitable Areva mit Alstom verheiraten wollte, um den Hersteller von TGV-Schnellzügen und Gasturbinen vor dem Zusammenbruch zu retten. ?Kommt nicht in Frage, hier den Banker zu spielen!? schleuderte die streitbare Lauvergeon ihrem Minister entgegen und drohte sogleich mit Rücktritt, sollte dieser auf seiner Idee beharren. Seit dieser Episode gilt das Tischtuch zwischen ihr und dem Alstom-Chef Patrick Kron als zerschnitten.Doch der hat inzwischen einen mächtigen Verbündeten im Bau-Unternehmer Martin Bouygues; er ist mit 25 Prozent größter Einzelaktionär bei Alstom. Und Bouygues hat mehrmals klar gemacht, dass ihn die Nukleartechnik von Areva interessiert. Sollte er sich beim künftigen Staatspräsidenten mit der Idee der Schaffung eines ?nationalen Champions? inklusive Alstoms Turbinentechnik durchsetzen, könnte Lauvergeons Stuhl doch noch ins Wanken geraten.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.01.2007