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Labormäuse

Hans-Martin Barthold
Als Natur- und Umweltschützer arbeiten: Mit diesem Ziel starten viele ins Biologiestudium. Später im Berufsalltag kommt das Wort ökologisch allerdings weniger vor - Umweltschutz ist trotz anders lautender Prognosen nicht gerade ein Jobmotor. Dagegen profitieren Biologen vom Boom in der Genomforschung und der Biotechnologie.
Als Natur- und Umweltschützer arbeiten: Mit diesem Ziel starten viele ins Biologiestudium. Später im Berufsalltag kommt das Wort ökologisch allerdings weniger vor - Umweltschutz ist trotz anders lautender Prognosen nicht gerade ein Jobmotor. Dagegen profitieren Biologen vom Boom in der Genomforschung und der Biotechnologie. Die meisten Absolventen verdienen ihr Brot in der chemischen oder pharmazeutischen Industrie, ihr Arbeitsplatz ist im Labor.

Der Bremer Professor Horst Grimme hält die Biologie dennoch für die "lebensnächste, faszinierendste und dynamischste Naturwissenschaft". Und sie werde immer bedeutender: "Biologisches Wissen ist nötig, um Probleme in unterschiedlichen Lebensbereichen zu lösen." Tatsächlich hat sich die Biologie zunehmend zur "Life Science" entwickelt: Während die klassischen Disziplinen der Zoologie und Botanik - nämlich die Systematik und die Morphologie - in den Hintergrund getreten sind, hat mittlerweile die angewandte Biologie Priorität; dazu zählt beispielsweise die Biochemie, Gentechnologie, Mikrobiologie und Immunologie.

Die besten Jobs von allen


Die Folge: Die seit jeher nicht ganz scharfen Übergänge zwischen der Biologie und ihren Nachbarfächern Chemie, Physik, Medizin, Pharmazie, Mathematik, Informatik und den "grünen" Ingenieurdisziplinen verwischen völlig. Die Hoffnung auf ein eigenes Berufsprofil können Biologen endgültig begraben. Bei der Stellensuche konkurrieren sie mit den Absolventen anderer Studiengänge - und ziehen dabei oft den Kürzeren.

Worauf Studienanfänger sich einstellen müssen: Mit der vorwiegend beschreibenden Verhaltensbiologie, die sie aus dem Schulunterricht kennen, haben weder Studium noch Job viel zu tun. "Ohne in Mathe, Physik und vor allem Chemie fit zu sein, kann man in der modernen Biologie keinen Blumentopf mehr gewinnen", sagt Tom Wiegand, Student im zwölften Semester an der Uni Düsseldorf. Im Grundstudium, das bundesweit einheitlich ist, machen diese Fächer zwei Fünftel des voll gestopften Lehrplans aus.

Die ersten vier Semester sind stark verschult - über 90 Prozent der Seminare und Vorlesungen sind Pflichtveranstaltungen. Die Themen reichen von der Pflanzenanatomie über die Arten des Tierreichs bis zur Genetik.

Das Hauptstudium bietet dann größere Wahlfreiheit und eine Menge Spezialisierungsmöglichkeiten. An den meisten Unis müssen die Studenten ein biologisches Hauptfach und zwei Nebenfächer belegen. Eines davon soll in der Regel ein so genanntes organismisches Fach sein - etwa Anthropologie, Botanik, Mikrobiologie oder Zoologie. Die Fächerpalette ist von Uni zu Uni sehr unterschiedlich, abhängig von deren Forschungsschwerpunkten.

Aber egal, welche Hochschule und Fächerkombi: Überall wird massig Theorie gepaukt. Hinzu kommen ebenso viele praktische Veranstaltungen. Oft werden sie als Blockpraktika in die vorlesungsfreie Zeit oder auf die Wochenenden verlagert. Diese Laborarbeit kann bis in die Nacht dauern. Versuche mit lebenden Organismen lassen sich eben nicht nach Belieben unterbrechen. Was viele Studenten bemängeln: Ethik ist nirgendwo Pflichtfach.

Alle Absolventen verlassen die Hochschule schließlich als Diplom-Biologen, aber keiner gleicht dem anderen. Wie auch, bei rund 100 Teildisziplinen der allgemeinen, speziellen und angewandten Biologie? Um so sorgfältiger sollten Studenten das Thema ihrer Abschlussarbeit wählen - am besten schon mit den Wunscharbeitgebern im Blick. Die meisten Unternehmen bevorzugen experimentelle Themen. Für das Urteil der künftigen Vorgesetzten, die oft engen Kontakt zur Hochschulszene haben, ist auch maßgeblich, wie angesehen der betreuende Professor in der "Scientific Community" ist.

Ein nahtloser Übergang in das Berufsleben ist bei Biologen eher selten. Befristete Arbeitsverträge sind die Regel. Die besten Karten haben derzeit Bio-Informatiker. Die wachsende Biotechnologie-Landschaft ist auch der Grund dafür, dass Forschung und Entwicklung die Haupttätigkeiten der Biologen bleiben. Während in der Gen- und Biotechnologie oft Spezialisten gesucht werden, die promoviert und eventuell noch eine Post-Doc-Phase im Ausland eingelegt haben, sind in Ökologie und Umweltschutz eher Generalisten gefragt.

In der Pharma-Industrie können Biologen in Forschung, Produktion und Qualitätssicherung oder aber in Marketing und Vertrieb einsteigen. Hierfür müssen sie allerdings BWL-Kenntnisse mitbringen. Mehr denn je werden Biologen auch als Patentanwälte gebraucht. Wie alle Absolventen aus naturwissenschaftlichen und technischen Studiengängen können sie sich in einer dreijährigen Zusatzausbildung für diesen juristischen Beruf qualifizieren.

Wer in die Forschung möchte, sollte unbedingt Initiativbewerbungen schreiben - aktuelle Forschungsthemen werden nicht auf Internet-Seiten ausgebreitet. Über eines sollten sich Biologen jedoch keine Illusionen machen: Ein Forscherleben führt nur selten zum Nobelpreis und ist wenig glamourös. Meist bedeutet es, lange Arbeitszeiten und ständige Weiterbildungen mit dem Privatleben unter einen Hut zu bringen.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2001