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Kunst des Hämmerns

Von Matthias Thibaut
Der Österreicher Tobias Meyer ist der Superstar unter den Auktionatoren. Auch bei der Versteigerung von ?Dora Maar mit Katze?, des zweitteuersten Bildes der Auktionsgeschichte, wurde er seinem Ruf gerecht. Der Mann mit der hohen Stirn und dem langen, schwarzen Haar hat immer eine tadellos aufrechte Haltung. ?Noch nackt würde er stilvoll aussehen?, sagte sein Freund Tom Ford, der Ex-Gucci-Designer.
LONDON. Schnell lässt der Mann auf dem Podium den Blick noch einmal durch den mit 1 200 Menschen voll besetzten Saal gleiten. Unwahrscheinlich, dass sich nach dem langen Bietgefecht zwischen einem Interessenten am Telefon und dem mysteriösen Bieter im beigefarbenen Hemd hinten im Saal noch ein neuer Interessent für Picassos Gemälde ?Dora Maar mit Katze? meldet ? aber man kann ja nie wissen. ?85 Millionen Dollar?? Dann knallt der Holzhammer auf das Auktionatorenpult: ?Sold!?Sotheby?s Starauktionator Tobias Meyer hat soeben das zweitteuerste Bild der Auktionsgeschichte verkauft. Der Mann mit der hohen Stirn und dem langen, schwarzen Haar hat immer eine tadellos aufrechte Haltung. ?Noch nackt würde er stilvoll aussehen?, sagte sein Freund Tom Ford, der Ex-Gucci-Designer. Aber nun ist es doch, als müsse er sich ein wenig strecken. Nie würde sich Meyer, der ?coole Teutone?, innerliche Spannung anmerken lassen. Je aufgeregter und aufgedrehter die anderen werden, desto mehr gediegene Würde strahlt der in Frankfurt geborene 43-jährige Österreicher aus.

Die besten Jobs von allen

Sotheby?s Versteigererprämie eingerechnet, kostete der Picasso 95,2 Millionen Dollar. Bis zum Titel ?teuerstes Gemälde? fehlt noch ein Stück: ?Garçon à la pipe? kostete vor zwei Jahren 104 Millionen Dollar. Auch dies stammt von Picasso, auch dies wurde von Meyer versteigert.?Meyer hat mehr Bilder über fünf Millionen Dollar verkauft als jeder andere Auktionator?, behauptet Sotheby?s Pressestelle. Kunststück: Meyer versteigert seit über zehn Jahren als ?Principal Auctioneer? die teuerste Kunst der Welt, zehn Jahre, in denen der Kunstmarkt eine Ära ungebremst steigender Preise erlebte.New Yorker und Londoner lieben es, wenn Meyer versteigert, seine herrliche Gestalt auf dem Auktionspodium, den sonoren Bariton, der auch ohne Mikrofon die hinterste Saalecke erreicht. Sie lieben den kaum noch hörbaren Wiener Akzent, mit dem er Englisch spricht, die Art, wie er das Tempo forciert, wenn die Auktion schlecht läuft, und die Käufer zur Eile ermahnt. ?Make it a million?, sagt er ermunternd. Oder er warnt: ?Ich verkaufe jetzt.?Dabei ist das Versteigern von Picassos nur sein Nebenjob. Meyers Domäne ist die zeitgenössische Kunst. Seit 1997 ist er Weltweiter Direktor von Sotheby?s Contemporary Department und steht damit in der Liste der Mächtigen des Kunstmarktes ganz oben. Wenige wissen wie er, wo die großen Kunstwerke sind, wer sie besitzt, wer sie gerne haben würde ? und wie viel das kosten würde.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Meyers Glücksmoment kam 1992 in einer Londoner Wohnung Früher als andere erkannte Meyer die neue Konstellation, die den Kunstmarkt im 21. Jahrhundert antreibt. Als ringsum noch gerätselt wurde, ob sich die Kunstpreise von den Krisen der 90er-Jahren erholen würden, schwärmte er schon von zeitgenössischen Werken und den internationalen Geldströmen, die unweigerlich in Kunst fließen würden.Wenige können, nach einer Auktion, mit dem Sektglas in der Hand, die Zusammenhänge von Kunst und Geld so griffig erklären wie er. ?Wie viel Jachten soll sich einer denn kaufen? Wer heute Geld hat, kommt um die Kunst nicht herum?, sagt er: ?Sammler wollen Meisterwerke, die man nirgendwo anders haben kann.? Deshalb spielten die Preise an der Spitze eigentlich keine Rolle.Meyers Glücksmoment kam 1992 in einer Londoner Wohnung am Cheyne Walk an der Themse, wo die damalige Sotheby?s-Contemporary-Chefin Lucy Mitchell-Innes ihm auf den Zahn fühlte. Meyer arbeitete als Nummer drei in ihrer Abteilung und katalogisierte, für geringen Lohn, im Keller minderwertige Kunst. Mit seiner Unzufriedenheit hielt er nicht hinterm Berg. Als Sotheby?s den damals 29-Jährigen zum Chef seiner Londoner Abteilung für Gegenwartskunst machte, sagte er: ?Nun kann ich mir endlich eine schöne Wohnung in Holland Park kaufen.?Meyer nutzte die Chance mit Weitsicht und Risikobereitschaft. Die Auktionshäuser versteigerten damals hauptsächlich Werke der 50er-Jahre und hatten das Potenzial der zeitgenössischen Maler noch gar nicht erkannt. Meyer setzte seine zweite Auktion als Abendauktion an, nahm ein Gerhard-Richter-Gemälde als Star-Stück ? und verkaufte es für einen Rekordpreis: 590 000 Dollar. ?Tobias hat gesehen, wie die Stimmung umschlägt, und gewagt, eine neue Richtung einzuschlagen?, sagt seine Londoner Nachfolgerin bei Sotheby?s, Cheyenne Westphal.Auch als Meyer 1997 nach New York wechselte, begann er mit einem Paukenschlag, seinem bis heute wichtigsten Coup, der zum Signal für den modernen Kunstmarkt wurde. Vom Frankfurter Sammler Karl Ströher besorgte er sich Andy Warhols ?Orange Marilyn? und gab ihr eine Schätzung von damals unerhörten 16 Millionen Dollar. ?Tobias hat ein hervorragendes Auge. Er erkennt nicht nur gute Kunst, sondern auch extrem gute Kunst?, sagt Westphal. Und wenn er ein Bild hat, das aus der Norm fällt, wie die ?Marilyn?, treibt Meyer ohne Zögern den Preis nach oben. Westphal: ?Wenn er an etwas glaubt, hat er keine Probleme, aggressiv zu sein.? Das zahlte sich aus: ?Orange Marilyn? wurde für 17 Millionen Dollar verkauft.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Meine Aufgabe ist es, Kunst teuer zu machen?Doch all das würde nichts helfen, wenn Meyer sich nicht als unmittelbaren Teil der Kunstszene positioniert hätte. Seit er mit seinem Lebenspartner Mark Fletcher, einem Kunstberater, ein spektakuläres 5,3-Millionen-Dollar-Apartment im 66. Stock des Time Warner Centres kaufte und in einem Stil einrichtete, den Designmagazine in langen Artikeln als ?zeitgenössisches Rokoko? beschreiben, sind Meyer und Fletcher das Glamour-Paar der Szene. Im Modemagazin der ?New York Times? führten er und Freund Mark, Hand in Hand, die maßgeschneiderten Anzüge von Edel-Schneider Bill Matthews vor, die sie am liebsten tragen.Ein Europäer in New York, der aktuelle Kunst liebt und sich doch daheim Rokokokommoden vor die unbehandelte Sperrholztapete stellt: Meyer verkörpert die neue Generation der Sammler mit ihrer Lässigkeit, ihrer Verachtung für formale Symbole des Reichtums, ihrer Lust am Sprengen von Normen und Konventionen und ihrem Spaß am Leben in der Szene. Im Flur seiner Wohnung hängt ein glühbirnenblitzendes Dollarzeichen der britischen Künstler Sue Webster und Tim Noble. So ist Meyer die vollendete Synthese von Kunst, Schönheit und Geld. Mr. Kunstmarkt persönlich. Oder wie er sagt: ?Meine Aufgabe ist es, Kunst teuer zu machen.?TOBIAS MEYER1963 wird er in Frankfurt/Main geboren. Mit 14 zieht er mit den Eltern nach Wien um.1981 nach dem Abitur darf er, obwohl erst 18, den ?Art Appreciation?-Kurs von Christie?s absolvieren, der künftige Kunsthändler und Auktionatoren heranziehen soll.1983 arbeitet er neben dem Kunststudium in Wien bei der Wiener Kunsthandlung Czeslaw Bednarczyk. Bednarczyk schickt ihn zu seinem ersten Auktionskauf nach London.1989 geht Meyer nach dem Examen zu Christie?s nach London ? als Trainee.1992 wird er der erste Auktionsexperte, der direkt von Christie?s zum Erzrivalen Sotheby?s wechselt.1997 steigt er auf zum Worldwide Head of Contemporary Art.2004 erhält er den Titel Principal Auctioneer.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.05.2006