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Kunde gegen Investor

Von Caspar Dohmen, Handelsblatt
Die deutschen Lebensversicherer stehen vor zentralen Weichenstellungen. Im Kern dreht es sich dabei um die Frage, welches Stück vom künftigen Altersvorsorgekuchen sich die Branche künftig in Deutschland sichern kann. Dabei bewegen sich die Assekuranzen in schwierigem Gelände: Ihre Aktionäre verlangen höhere Dividenden, die Kunden sichere Vorsorgeprodukte und hohe Renditen.
Die deutschen Lebensversicherer stehen vor zentralen Weichenstellungen. Im Kern dreht es sich dabei um die Frage, welches Stück vom künftigen Altersvorsorgekuchen sich die Branche künftig in Deutschland sichern kann. Dabei bewegen sich die Assekuranzen in schwierigem Gelände: Ihre Aktionäre verlangen höhere Dividenden, die Kunden sichere Vorsorgeprodukte und hohe Renditen. Gleichzeitig drohen deutliche Verschlechterungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Schon wittert die Konkurrenz der Banken mit ihren Fondsprodukten Morgenluft.In den letzten drei Jahren gaben sich die Aktionäre mit relativ bescheidenen Renditen zufrieden. Viele Anleger mischten die Papiere früher ihren Portfolios bei, weil sie als Garanten für stetig sichere Dividendenflüsse galten. Doch dies zieht seit der dreijährigen Börsenkrise nicht mehr. Nun verlangen Investoren fast eine Verdoppelung ihrer Renditen auf gut 15 Prozent, ansonsten drohen sie ihr Kapital in andere Branchen umzuschichten.

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Dies zwingt die Aktiengesellschaften zu einem Umdenken: Statt der Pflege ihrer Kunden rücken nun die Investoren wieder in den Vordergrund, zumal viele Gesellschaften in den nächsten Jahren dringend auf frisches Kapital angewiesen sind. Die Ratingagentur Standard & Poor s spricht bereits von einer Unterkapitalisierung der deutschen Lebensversicherungsbranche.Was also tun? Einige Gesellschaften wollen die gesetzliche Stellschraube verändern, nach der sie bisher mindestens 90 Prozent der Nettokapitalerträge ihren Kundenkonten gutschreiben müssen und zehn Prozent für die Aktionäre übrig bleiben. Hier wünschen sich einige Unternehmen eine Lockerung des Korsetts. Ihnen schwebt ein Verhältnis von 80:20 vor wie in der privaten Krankenversicherung.Doch ein solcher Winkelzug könnte öffentlich schnell als unpopulär gelten, schließlich wurden die Verbraucher in den vergangenen Jahren bereits mit etlichen Negativschlagzeilen konfrontiert: Senkung der Überschussbeteiligung und der Garantiezinsen, Fastpleite der Mannheimer Lebensversicherung, Milliardenabschreibungen der Branche. Um weiteren Imageschaden zu vermeiden, könnten die Unternehmen den Gesetzgeber aber auch zu einer Veränderung der Bezugsgröße drängen. Flexiblere Ausschüttungsmöglichkeiten zu Gunsten der Kunden ließen sich so eher verschleiern.In jedem Fall ist mal wieder die Lobby der Versicherungsindustrie gefragt, die im Moment Schwerstarbeit leistet, um bei der Altersvorsorge zu punkten. Für die Riester-Rente hat sie sich bisher umsonst engagiert. Sie gilt längst als Flop, über dessen Belebungsversuche die Meinungen stark auseinander driften. Und nun steht erneut das Steuerprivileg für die Kapital bildenden Lebensversicherungen auf dem Prüfstand. Sollte die Bundesregierung ihre Pläne umsetzen, dürfte das Produkt nur noch schwer zu verkaufen sein. Denn ein Versicherter könnte sich dann nicht mehr auf einen Schlag seine Lebensversicherung steuerbegünstigt auszahlen lassen. Fällt der Steuervorteil, dann könnte die Versicherungsbranche deutlich Marktanteile auf dem Altersvorsorgemarkt verlieren, der zweifelsohne ein Zukunftsmarkt ist.Bisher bilden die Lebensversicherer in Deutschland beim Thema Altersvorsorge eine fast uneinnehmbar erscheinende Bastion. Knapp drei von vier Haushalten haben eine Lebensversicherung. Für das Policensparen spricht vor allem, dass sie auch ein hohes Vertrauen unter Geringverdienern genießt. So nimmt die Verbreitung von Lebensversicherungen anders als von Wertpapieren mit sinkendem Einkommen von Haushalten nicht signifikant ab. Gegen die Lebensversicherung spricht allerdings, dass Schätzungen zufolge etwa jeder zweite Verbraucher vorzeitig den Vertrag kündigt und dadurch hohe Wertverluste einstecken muss.Angesichts der Herausforderungen hat die deutsche Assekuranz als Schreckgespenst die Entwicklung in den USA vor Augen: Dort verschlief die Branche die Trendwende zu neuen Altersvorsorgeprodukten. In der Folge investierten die Bürger wesentlich weniger Geld für ihr Alter bei den Versicherungen als in Europa und wechselten zu Fondsgesellschaften. Sie waren denn auch der große Gewinner in den USA. Eine ähnliche Entwicklung gab es in Australien.Als nachahmenswert gilt der deutschen Versicherungswirtschaft hingegen der Weg in Österreich. Jeder Bürger kann jährlich einen Betrag von 1800 Euro für sein Alter steuerfrei ansparen und erhält dafür eine staatliche Zulage von 9,5 Prozent. Ein einfaches Modell, von dem vor allem auch die Lebensversicherer profitieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2004