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Kugel dir einen

mse
Wer Kanada bereisen will, aber kein Geld hat, besorgt sich das Working Holiday Visa - um zu jobben. Viel bezahlen die Kanadier nicht. Aber dafür gibt's auch mal ein Eis umsonst.<
Noch einmal für längere Zeit ins Ausland reisen. Einmal noch, bevor sie sich in Deutschland ins Berufsleben stürzt. Das wollte Swantje Riechert. Im März dieses Jahres schloss die 25-Jährige ihr Diplomstudium an der Humboldt Uni in Berlin ab. Und packte ihre Koffer.
Mit ihrem Freund Bernhard, einem 28-jährigen Archäologen, wollte sie vor allem eins: in die Ferne. "Unser Reiseland war schnell gewählt. Da wir beide unser Englisch verbessern wollten, keine großen Fans der USA sind, Australien zu weit war und England zu nah, musste es Kanada werden", meint Swantje. Sie nickt freundlich, dreht sich um und wäscht sich die klebrigen Hände. Dann, zurück an der Theke, setzt die Berlinerin wieder ihr strahlendes Lächeln auf und sagt: "Next please". Im "Piccolo Grande" auf der Murray Street stehen die Leute immer Schlange. In der "besten Eisdiele" von Ottawa war sogar schon Helmut Kohl, als er noch Bundeskanzler war und die Hauptstadt Kanadas besuchte, zu Gast, freut sich Swantjes Chef stolz.

Swantje ist eine von Hunderten von Deutschen pro Jahr, die mit dem Working Holiday Visum Kanada bereisen. Das Visum, das die Kanadische Botschaft in Berlin ausstellt, ist eine so genannte offene Arbeitserlaubnis, mit der man maximal zwölf Monate in Kanada leben darf, ohne auf einen speziellen Arbeitgeber festgelegt zu sein. Es gilt für Deutsche zwischen 18 und 35 Jahren.
Dass Swantje ausgerechnet in Ottawa gelandet ist, hat zwei Gründe: Ihr Freund Bernhard hatte sich in Deutschland über das Internet ein Praktikum im Museum of Civilisations sichern können - auch für ihn war Bedingung, ein Working Holiday Visum zu besitzen. Außerdem wohnt sein Patenonkel in der Hauptstadt. "Das war am Anfang eine sehr gute Hilfe für uns", erklärt Swantje.
Eigentlich wollte auch sie in Ottawa ein Praktikum finden - bei einer Bank. "Hier ist das Angebot im Finanzsektor aber nicht so groß wie zum Beispiel in Toronto. Außerdem muss man bei 70 Prozent der Stellen in Ottawa perfekt bilingual sein", meint Swantje. Französisch spricht sie nicht. Sie entschied sich zunächst für einen Gelegenheitsjob, zog auf der Suche nach einer Möglichkeit von Café zu Café und hinterließ überall ihren Lebenslauf für den Fall, dass man auf sie zurückgreifen wolle. "So geht das in Kanada, wenn man auf Jobsuche ist" - bis sie beim "Piccolo Grande" vorbeilief. "Ich hatte Glück. Der Chef war gerade da und stellte mich sofort ein.

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Die meisten ihrer Kollegen sind jünger als 25 Jahre, manche sprechen Französisch, alle Englisch. Fünf Euro bekommt Swantje die Stunde - "ziemlich wenig", meint sie. Ihr Bonus: Sie darf so viel Eis essen, wie sie will - gratis. Den Betrag von 370 Euro pro Monat warm zur Untermiete bei einer alten Dame teilt sie sich mit ihrem Freund. Das ist zwar noch immer günstiger als die Miete ihrer Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg, dafür lebt sie jetzt aber auf engerem Raum. Richtig billig jedoch wird es für beide schon in wenigen Tagen, wenn sie in ein Haus am Stadtrand ziehen: Anstatt Miete zu zahlen, müssen sie dort nur auf die zwei Katzen der Eigentümerin aufpassen, die für einige Wochen zu Ausgrabungen nach Jordanien reist.
"Für mich ist Kanada wie eine Auszeit. Ich kann mir endlich Gedanken darüber machen, was ich überhaupt mal tun möchte." Zeit dafür hat sie bis Ende des Jahres. Dann läuft das Visum ab. Vorher will sie durch Ontario reisen: Kingston, Toronto und Niagara, im Frühherbst nach Montreal und Quebec-City. Ob sie es bis weit in den Westen nach Vancouver schafft, weiß sie noch nicht. "Das mache ich dann vielleicht in meinem nächsten Urlaub - von Deutschland aus.

Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2005