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Kronzeuge als Sündenbock

Von Tobias Moerschen, Handelsblatt
In den späten 90er-Jahren, als Worldcom sich für kurze Zeit zum zweitgrößten Telekomkonzern der Welt aufblähte, galten Bernard ?Bernie? Ebbers und Scott Sullivan als unschlagbares Duo.
NEW YORK. Der ungebildete, hünenhafte Cowboystiefel-Träger als Konzernchef und der gewiefte, kleine Zahlenmensch Sullivan als Finanzvorstand zählten zu den Stars des Internet- und Telekombooms.Heute stehen sich die einstigen Partner vor Gericht als erbitterte Rivalen gegenüber. Im Strafprozess gegen Ebbers sagte Sullivan in den vergangenen Tagen als Kronzeuge der Anklage aus: Sein Ex-Chef Ebbers sei an Worldcoms elf Milliarden schwerem Bilanzbetrug beteiligt gewesen. Weil Ebbers als Worldcom-Chef kaum schriftlich mit seinen Mitarbeitern kommunizierte, stützt sich die Anklage auf Sullivans Kronzeugen-Aussage. Der Ex-Finanzchef hat schon zugegeben, dass er selbst den größten Bilanzbetrug der Wirtschaftsgeschichte mit initiierte.

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Ebbers? Verteidiger versuchen, den Kronzeugen im Kreuzverhör als Lügner, Drogenkonsumenten und Ehebrecher hinzustellen, der den Bilanzbetrug ohne Wissen seines Chefs ausführte und nun versucht, seine Haut zu retten.?Hat die Staatsanwaltschaft Ihnen versprochen, sich für eine mildere Strafe einzusetzen, wenn Sie gegen Bernard Ebbers aussagen?? fragt Verteidiger Reid Weingarten den Ex-Finanzvorstand Sullivan am Mittwoch zu Beginn des Kreuzverhörs im vollen Saal 318 des US-Bundesgerichts für das südliche Manhattan in New York. ?Ja, eine solche Vereinbarung gibt es, aber sie hat nach meinem Verständnis nichts mit dem Ausgang dieses Prozesses zu tun?, antwortet Sullivan.In der Ära Ebbers/Sullivan manipulierte Worldcom jahrelang seine Bilanz. Nur so konnte der aus Dutzenden von Übernahmen entstandene Telekomkonzern die optimistischen Wachstumsprognosen der Wall-Street-Analysten erfüllen. Als der Betrug aufflog, stürzte Worldcom im Sommer 2002 in die Pleite.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jahrelange Ermittlungen gegen EbbersDer Marktwert aller Worldcom-Aktien schrumpfte von 180 Milliarden Dollar auf null. Nach einer Radikalkur kam die Gesellschaft, umgetauft in MCI, erst 2004 aus dem Insolvenzverfahren heraus. Vergangene Woche übernahm der US-Konzern Verizon den einstigen Riesen für nur 6,75 Milliarden Dollar.Dem 63-jährigen Ebbers drohen bis zu 85 Jahre Gefängnis, wenn die Geschworenen ihn in allen Anklagepunkten von Beihilfe zum Bilanzbetrug über Bilanzbetrug bis zu falschen Angaben gegenüber der Wertpapieraufsicht schuldig sprechen sollten. Dem 43-jährigen Sullivan drohen 25 Jahre Haft, die aber wegen seiner Kronzeugen-Aussage womöglich zur Bewährung ausgesetzt werden können. Neben dem Bundesgerichtsverfahren gegen Ebbers laufen Strafverfahren gegen beide Ex-Manager in den Bundesstaaten Mississippi und Oklahoma, die zu weiteren Haftstrafen führen können.Die Bundesstaatsanwaltschaft ermittelte jahrelang gegen Ex-Worldcom-Chef Ebbers. Sie erhob erst Anklage, nachdem Ex-Finanzchef Sullivan seine Schuld eingestanden und sich als Kronzeuge zur Verfügung gestellt hatte. Falls Staatsanwaltschaft und Verteidigung nicht noch im letzten Moment neues Beweismaterial vorlegen, entscheidet das Kreuzverhör über den weiteren Prozessverlauf. ?Wie die Jury Sullivans Aussage bewertet, hängt von seiner Reaktion im Kreuzverhör ab?, sagte Bilanzrechtsexperte Michael Proctor der Agentur Associated Press.Ebbers-Verteidiger Weingarten versucht, Sullivan als gerissenen Kopf des Bilanzbetrugs darzustellen. ?Er ist klein, clever und brillant. Er hat im kleinen Finger mehr Bilanzexpertise als ich und mein Mandant je haben werden.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Kronzeuge ist kein MusterknabeZum Auftakt des Kreuzverhörs fragt Verteidiger Weingarten ihn am Mittwoch, wie er in den Jahren 2000 bis 2002 den Worldcom-Aufsichtsrat und außen stehende Investoren belogen habe. Weingarten spielt ein Video einer Analystenkonferenz vom ersten November 2001 ab, auf dem Sullivan versichert: ?Worldcom hat die stärkste Bilanz in der gesamten Telekombranche?, und: ?Wir erwarten ein Wachstum des Gewinns je Aktie von zwölf bis fünfzehn Prozent.? Sullivan gibt zu, dass er die Aussagen wider besseres Wissen gemacht habe. ?Wenn es Ihren Interessen dient, sind Sie also willens und in der Lage zu lügen?? setzt Verteidiger Weingarten nach. ?An diesem Tag habe ich gelogen, ja.?Dass der Kronzeuge kein Musterknabe ist, stellte sich schon bei der fünftägigen Befragung durch die Kläger heraus. Zum Prozessauftakt ließ Staatsanwalt William Johnson Sullivan über seinen Konsum von Marihuana und Kokain sprechen. Damit wollte er den Attacken der Ebbers-Verteidiger vorab die Spitze nehmen. Auch eine angebliche außereheliche Affäre von Sullivan kam bereits zur Sprache.Sullivan, der gerissene Betrüger, Ebbers, der getäuschte Konzernchef? Das sieht der Ex-Finanzvorstand anders. Fünf Tage lang schildert Sullivan im Zeugenstand zahllose Gespräche mit Ebbers, in denen der Ex-Worldcom-Chef als bilanziell versierter, detailversessener Manager auftrat. Sullivan warnte nach eigener Aussage Ebbers immer wieder, dass Worldcom die Prognosen der Analysten ? kurz: ?unsere Zahlen? ? nur durch unzulässige Bilanztricks erfüllen könne.Ebbers habe immer die gleiche Antwort gegeben: ?Wir müssen unsere Zahlen einhalten?, sagte Sullivan. Der Konzernchef hatte privat kräftig in Worldcom-Aktien investiert und drohte laut Sullivan mit Rauswurf, wenn Mitarbeiter sich für eine Gewinnwarnung aussprachen, die den Kurs belastet hätte.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.02.2005