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Kronprinz der bunten Pullover

Von Katharina Kort
Smart, ein wenig schüchtern, aber sympathisch. So sind Kronprinzen der angenehmeren Sorte. Und Alessandro Benetton ist ein Kronprinz. Zwar nicht eines Adelsgeschlechts, aber doch einer Familie, die weltweit bekannt ist.
MAILAND. Künftig soll er die Interessen der Familie bei dem für seine bunten Pullover bekannten Kleidungsunternehmen vertreten, das die vier Geschwister Benetton unter der Führung von Luciano in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben.Am 25. April, dem italienischen Nationalfeiertag, hat der Firmengründer Luciano Benetton dieses Jahr seine Staffelübergabe an den Zweitältesten seiner vier Kinder offiziell verkündet: ?Mein Sohn Alessandro wird nach mir die Familie in Benetton vertreten?, machte der Benetton-Präsident klar.

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Weniger als einen Monat später berief der Verwaltungsrat den Junior zum Vizepräsidenten der Benetton SPA. Er ist damit der einzige Vertreter der zweiten Generation des Clans im Board des Kleidungsunternehmens ? obwohl es 14 Nachkommen gibt. In seiner neuen Funktion soll er zunächst vor allem das Geschäft in China und Asien ausbauen. Silvano Cassado bleibt dagegen Vorstandsvorsitzender.Alessandro Benetton sieht sich vor allem als Mann in der zweiten Reihe. Er hat nach eigenen Angaben keine Bestrebungen, aktiv das Steuer zu übernehmen. ?Ich will ein Unternehmen, das von professionellen Managern geführt wird?, sagt er mit ruhiger Stimme.Beobachter spekulieren schon, ob er sich in Zukunft von 21 Investimenti trennen wird, der von ihm gegründeten Private-Equity-Gruppe, an der die Benetton-Familienholding 56 Prozent hält.Als 21 Investimenti jüngst eine Beteiligung an der IT-Firma Sword für 48 Millionen Euro mit einem Plus von 40 Millionen Euro verkauft hatte, war das für viele Beobachter ein klares Signal, dass sich Alessandro aus dem Private-Equity-Geschäft zurückzieht. Auch der Eintritt in das Führungsgremium der Confindustria ? dem italienischen Industrieverband ? wird als Zeichen gewertet, dass er sich stärker als Industrieunternehmer, denn als Finanzier profilieren will.Der grau mellierte, schlanke Manager, der das verschmitzte Lächeln von seinem Vater geerbt hat, schließt einen Ausstieg aus dem Beteiligungsgeschäft aber kategorisch aus. ?21 Investimenti ist für mich fast wie ein Kind.? Und so blüht er auf, wenn er über die verschiedenen Beteiligungsfonds erzählt, oder wie er den Stofftierhersteller Trudi mit einem neuen Management wieder auf Kurs gebracht und Gewinn bringend weiterverkauft hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bestens verdrahtetDie Finanzen werden wohl in seinen Genen bleiben. Immerhin hat er als Vorbereitung auf die Erbfolge im Unternehmen lange Erfahrung in diesem Sektor gesammelt. Gleich nach dem Uniabschluss in Boston heuerte er bei Goldman Sachs an. Gern kokettiert er damit, dass er im Londoner M&A-Büro nur für Fotokopien und Kaffeekochen zuständig war und nach zwei Jahren auch Cappuccino bereiten durfte. An den Amerikanern bewundert er vor allem, ?dass sie sich ständig bewegen?. Auch Goldman Sachs habe das gezeigt, als sie Ende der 90er-Jahre nach Europa kamen und heute zu den größten Spielern gehören: ?Die Amerikaner haben es raus, Menschen zu führen und Teams zu bilden.?In Zukunft steht für Alessandro Benetton jedoch der Verkauf von Pullovern und Hosen auf dem Programm. Keine leichte Aufgabe in diesen Zeiten. Seit 2001 sind die Umsätze des Konzerns von mehr als zwei Milliarden auf 1,7 Milliarden Euro gesunken. Und für dieses Jahr hat das Unternehmen bereits einen weiteren Rückgang prophezeit. Vor allem Textilketten wie H&M und Zara machen Benetton zu schaffen, sogar auf dem Heimmarkt. Denn sie gelten als hip ? ein Image, das Benetton schon lange nicht mehr genießt.?Alessandro Benetton hat bisher kaum Produkterfahrung?, mahnt deshalb auch ein Analyst an. In seinem neuen Job müsse er jedoch ein Gespür dafür mitbringen, was die Kunden wollen. ?Er wird nicht wie sein Vater sein, der in die Läden geht und die Pullover anfasst. Er wird sich mehr um die Strategie und die internationalen Kontakte kümmern?, prophezeit ein enger Mitarbeiter, der ihn als informell, aber extrem fordernd beschreibt.Kontakte konnte der Sohnemann, der Entscheidungen am liebsten allein fällt, in den vergangenen Jahren zuhauf sammeln. Er gilt als bestens verdrahtet in der italienischen Finanz- und Unternehmenswelt. So hat sich Marina Berlusconi, die Präsidentin der Fininvest-Holding, an 21 Investimenti beteiligt. Der Agnelli-Enkel John Elkahn ist Taufpate seines Sohnes.Der italienischen Öffentlichkeit ist der Kronprinz nicht nur als Manager bekannt, sondern auch als Partner des Ski-Idols Deborah Compagnoni ? was ihm eindeutig Sympathiepunkte bringt. Gemeinsam haben die beiden zwei Kinder: Agnese und Tobias. Alessandro gilt als strenger Vater, der mit seinen Kindern nur Englisch spricht, damit sie zweisprachig aufwachsen.Gemeinsam mit Compagnoni ist er im Winter auf den Pisten der Berge nördlich seiner Geburtsstadt Treviso zu finden. Mit seiner Partnerin kann Alessandro wohl nicht mithalten, auch wenn er sich zu Hause im eigenen Fitnessstudio und im Sommer mit Kite-Surfing fit hält. Aber immerhin gehört er mit über 40 Jahren noch zu den angeblich 100 besten Skifahrern Italiens. In der Beziehung scheinen sie sich gegenseitig zu ergänzen: ?Ich habe Alessandro Geduld beigebracht, und er hat mir beigebracht, nicht egozentrisch zu sein?, sagt Compagnoni.Benetton nennt auch seinen Vater als wichtigen Lehrmeister. Von ihm hat er sich wichtige Eigenschaften abgeschaut: ?Einsatz, Seriosität und niemals aufzugeben.?
Dieser Artikel ist erschienen am 10.11.2005