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Kritik

Kritik erbitten ist in jeder Lebenslage ein kluger Schachzug. "Was halten Sie davon?", "Was denkst Du über meinen Vorschlag?", "Ihre Meinung interessiert mich sehr", "Bitte nimm' kein Blatt vor den Mund" - mit solchen Aufforderungen schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie zeigen erstens, wie ernst Sie den anderen nehmen, und tun damit etwas für die Qualität der Beziehung.
Kritik erbitten ist in jeder Lebenslage ein kluger Schachzug (siehe Feedback). "Was halten Sie davon?", "Was denkst Du über meinen Vorschlag?", "Ihre Meinung interessiert mich sehr", "Bitte nimm' kein Blatt vor den Mund" - mit solchen Aufforderungen schlagen Sie zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie zeigen erstens, wie ernst Sie den anderen nehmen, und tun damit etwas für die Qualität der Beziehung. Und Sie entreißen zweitens mit geschickten Fragen selbst Superdiplomaten eine persönliche Meinung, die sonst aus Diskretion oder Angst immer hübsch im Schrank geblieben wäre. Merke: Wer Kritik erbittet, erfährt mehr. Auch über sich selbst.Kritik äußern ist eine so heikle Angelegenheit, dass man dabei theoretisch immer Samthandschuhe tragen sollte. Warum sich manche Leute trotzdem für Boxhandschuhe entscheiden, gehört zu den großen Rätseln des Lebens. Für all diejenigen, die andere mit ihrer Kritik nicht mit einem Hieb auf die Bretter schicken wollen, sondern auf Einsicht und Besserung hoffen, hier die wichtigsten Kritik-Regeln auf einen Blick:

Die besten Jobs von allen

  • Die Kritik immer möglichst sachlich und möglichst konkret formulieren. Das bedeutet: Bitte keine Killersätze und keine Verallgemeinerungen. Wer zur Begrüßung mit Sätzen wie "Deine ewige Unpünktlichkeit geht mir so was von unglaublich auf den Geist!" loslegt, wenn der andere sich zum zweiten Mal in drei Jahren verspätet hat, der verabschiedet sich am besten gleich wieder.


  • Kritik immer möglichst kurz formulieren. Ganz daneben ist es, grundsätzlich bei Adam und Eva anzufangen und dann ausführlich das ganze Sündenregister der Vergangenheit runterzubeten, obwohl das doch eigentlich längst hinreichend ausdiskutiert, vergeben und vergessen sein sollte. Ebenso beliebte wie nervtötende Klassiker sind "Wie oft muss ich Dir eigentlich noch sagen, dass Du...", "Schon seit Monaten weise ich Sie immer wieder vergeblich darauf hin, dass..." oder, besonders pingelig, "Damals vor fünf Jahren in Rom hast Du Dich doch schon genauso daneben benommen!". Wer so redet, der darf sich nicht wundern, wenn der Kritisierte sich irgendwann weigert, überhaupt weiter zuzuhören.


  • Kritik immer nur an der Sache, um die es gerade geht, nie an der Person. Klar können Sie auch Ihren Mitarbeiter Maier als Mensch zur Schnecke machen, wenn er in einer Abrechnung einen größeren Fehler gemacht hat. Aber der Mitarbeiter Maier wird ein einigermaßen sachliches "Herr Maier, mit Ihrem Fehler bekommen wir ein Problem" besser verkraften als ein "Mensch Maier, haben Sie eigentlich auf der Baumschule Rechnen gelernt????"


  • Ruhiger Ton: Wer rumschreit, hat schon verloren. Auch die gerechtfertigtste Kritik wird auf der Stelle zu Schall und Rauch, wenn sie in Form von Schreiereien und Wutanfällen geäußert wird. So kann man höchstens "Dampf ablassen". Aber wirklich erreichen kann man damit rein gar nichts. Der andere lässt nämlich bei dieser Behandlung innerlich die Jalousien runter und schaltet auf stur, anstatt sich einsichtig zu zeigen. Wenn er nicht sogar mit süffisantem Lächeln seinerseits eine Breitseite abfeuert: "Sie können Kritik jederzeit äußern, aber bitte nicht in diesem Ton." Eins zu null für ihn.


  • Kritik nicht vor anderen, sondern am besten nur unter vier Augen. Alles andere ist ein gefundenes Fressen für die Kollegen aus der Abteilung Klatsch & Tratsch unter den Zeugen. Ihr Gegenüber würde Ihre öffentlich geäußerte Kritik daher (zu Recht) als Bloßstellung ansehen und sich entsprechend heftig wehren. Das gilt nicht nur für den Beruf, sondern vor allem fürs Privatleben. Dort wird nämlich nach dem (in diesem Fall falsch verstandenen) Motto "Wir haben keine Geheimnisse voreinander" viel zu viel Kritisches viel zu offen verbreitet.


  • Den anderen Stellung nehmen lassen. Kritikgespräche sind keine Mülleimer, in die man alles reinwirft und dann den Deckel zuklappt. Der Kritisierte hat möglicherweise etwas zu Ihrer Kritik zu sagen, das möglicherweise für Sie interessant sein könnte. Und selbst wenn nicht: Zuhören und Ausredenlassen sind trotzdem Pflicht. Mindestens aus Höflichkeit.


  • Lächeln! Es ist geradezu unglaublich, wie sehr man durch ein freundliches Lächeln selbst unangenehme Wahrheiten so verpacken kann, dass der andere sie annimmt. Es ist zwar situationsbedingt nicht immer leicht, sich dazu durchzuringen. Aber schon die ersten Versuche führen in der Regel zu absolut traumhaften Ergebnissen. Es lohnt sich also unbedingt, Kritik-Lächeln so lange zu trainieren, bis es sitzt.


  • Nicht allzu viel erwarten. Kritik bleibt in den seltensten Fällen völlig folgenlos. Auch wenn der andere heftig abblockt - irgendwas bleibt meistens trotzdem hängen. Ein Erfolg, der für den Kritiker auch irgendwann sichtbar oder wenigstens spürbar wird. Aber unabhängig davon gilt: Kritik ist keine Wunderwaffe, mit der sich Menschen völlig umkrempeln lassen, wenn man sie nur lange genug kritisiert. Kritik bewegt nur Kleinigkeiten, arbeitet nur an der Oberfläche. Wirklich ändern kann man letztlich niemanden außer sich selbst.


  • Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2004