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Krisenmanager

Lucy Braun
Wenn Robert Lehrenfeld in ein neues Projektgebiet fliegt, weiß er meist nicht, was ihn erwartet. Nur eines ist so gut wie sicher: Wo er ankommt, wird Chaos herrschen. Wasser, Strom? Infrastruktur, Personal? Fehlanzeige! Start bei null.
Und von null auf hundert in kürzester Zeit. Den 39-Jährigen schreckt das nach zehnjähriger Katastrophenhilfe nicht mehr: "In dem Augenblick, wo ich das Gefühl habe, dass wir vor Ort etwas Sinnvolles bewegen können, ist das Chaos nicht mehr unbedingt erschreckend, sondern eher motivierend.

Nach einem ersten Freiwilligeneinsatz im Irak, zu dem ein Freund ihn überredet hatte, hängte Lehrenfeld Anfang der 90er-Jahre sein BWL-Studium an den Nagel: Er fand es "spannend", in einer Hilfsorganisation arbeiten, für ihn "genau das Richtige". Und er stellte fest: "Dafür brauche ich kein Studium." Seither ist er unterwegs für die Humanität. Zunächst für den Malteser Hilfsdienst, heute für die Diakonie Katastrophenhilfe. Er koordiniert alle Aktionen dieser Hilfsorganisation in der Balkan-Region, seit Ende letzten Jahres betreut er zusätzlich Afghanistan

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Zehn Jahre Leid, Elend, Verzweiflung, Tod. Wie geht man als Helfer damit um? Stumpft man ab? Wie viel bleibt übrig vom Idealismus der ersten Zeit? Vom Wunsch und der Hoffnung, wirklich und direkt helfen zu können? Für Robert Lehrenfeld ist die Antwort eindeutig: Mitleid und Idealismus helfen wenig. "Natürlich fehlt es an allen Ecken und Enden", sagt Lehrenfeld. "Das Wichtigste ist, dass man sich darauf konzentriert, was man fachlich wirklich gut kann.

Lehrenfeld begreift sich mehr als Manager denn als Helfer, mit einer klaren Aufgabe: "Innerhalb weniger Tage müssen wir vor Ort ein voll funktionsfähiges Dienstleistungsunternehmen aufbauen, und das in der Regel unter höchst schwierigen Umfeldbedingungen." Ob eine Großküche während des Moskauer Hungerwinters, ein Flüchtlingslager in Afghanistan oder ein Krankenhaus auf dem Balkan: Viele der Vorhaben erscheinen vor wie logistische Wunderwerke. "Wenn jemand sagt, dass etwas unmöglich ist, dann laufe ich erst richtig warm.

Kurzbiografie
Die "humanitäre Laufbahn" von Robert Lehrenfeld, 39, begann vor zehn Jahren mit einem Einsatz im Irak. Seit 1993 ist er für die Diakonie Katastrophenhilfe, die Soforthilfe anbietet, im Einsatz. 80 Prozent des Jahres verbringt er im Ausland. Er koordiniert die gesamten Aktionen der Diakonie auf dem Balkan.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2002