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Krise, welche Krise?

Interview: Christoph Mohr
Hannes Schill, 27, macht seit September 2007 seinen MBA an der Tuck School of Business at Dartmouth, einer der führenden US-Business Schools. Berufsziel: Investmentbanking. Handelsblatt fragte ihn nach seinen aktuellen Erfahrungen.
Sind Sie ein bisschen verrückt, Herr Schill?Warum das?

Die besten Jobs von allen

Mitten in der Subprime-Krise machen Sie einen MBA mit dem Ziel, ins Investmentbanking zu gehen.Die Subprime-Krise ist sicher ernst zu nehmen. Sie hat sich aber bisher sehr unterschiedlich auf die einzelnen Banken und Bereiche des Investmentbanking ausgewirkt. Somit kann man nicht per se von einer Krise im Investmentbanking sprechen. Nach wie vor sind die Aussichten auf einen Job im Investmentbanking für MBA-Absolventen sehr gut. Ich blicke somit sehr optimistisch in meine berufliche Zukunft.Nicht nur Sie selbst, sondern traditionell auch viele andere MBA-Studenten wollen ins Investmentbanking. Wie stark prägt denn die gegenwärtige Subprime-Krise die Stimmung bei Tuck?Ein Thema wie die Subprime-Krise wird an einer Business School fortwährend diskutiert ? sei es in der Economics Class, beim Vortrag von Gastredenern wie Rick Mishkin von der Federal Reserve oder beim Lunch mit Kommilitonen. Im Allgemeinen leidet die Stimmung keinesfalls unter der Krise. Vor den Bewerbungsgesprächen für die Sommerpraktika war allerdings eine gewisse Unsicherheit spürbar, in wie weit die Subprime-Krise Einfluss auf die Anzahl der Praktikumsplätze haben würde. Wie in den Vorjahren, unterbreiteten die Banken aber auch in diesem Jahr sehr vielen Tuckies Praktikumsangebote.Eine der Stärken von Tuck ist ?Finance?. Wie nah sind die Professoren denn dran am Geschehen der Finanzmärkte?Ganz nah! Viele der Tuck-Professoren sind anerkannte Experten in ihren Fachgebieten. Einige beraten Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds, das Weiße Haus oder Finanzministerien verschiedener Länder. Andere leiten eigene Hedgefonds oder sitzen in Aufsichtsräten namhafter Unternehmen des Finanzsektors. Allen gemein ist ein enormes Interesse am aktuellen Geschehen der Finanzmärkte, welches fortlaufend in Vorlesungen, Hausaufgaben und Klausuren eingearbeitet wird.Vor ihrem MBA-Studium waren Sie Controller bei Bosch. Wenn wir jetzt einmal nur diesen Bereich nehmen, wie hoch ist denn das Niveau im MBA-Studium hier (bei Controlling). Oder anders gefragt: Wie viel lernen Sie als Controller in Controlling?In meinem vorherigen Beruf habe ich sehr projektspezifisch gearbeitet und mir dabei ein detailliertes Wissen in bestimmten Bereichen des Finanz- und Rechnungswesens bei Bosch angeeignet. Das MBA-Studium ermöglicht mir, mein Wissen auf andere Bereiche auszuweiten. Das Tempo und die Intensität des Lernens sind dabei enorm hoch. Aufgrund meiner Berufserfahrung stelle ich oft Bezüge zwischen Neuerlerntem und meiner vorherigen Arbeit als Controller her. Dabei bin ich überrascht, oft festzustellen, dass sich bestimmte Probleme im Job hätten viel einfacher lösen lassen.Wo wir dabei sind: Warum sind Sie überhaupt aus Ihrem Beruf raus und machen ein MBA-Studium?Nach einiger Zeit in einem Job mit interessanten Aufgaben und vielen Herausforderungen, ergab sich für mich die Frage nach meiner weiteren beruflichen Entwicklung. Zum einen wollte ich mich auf lange Sicht beruflich mehr in Richtung Bankwesen verändern und zum anderen hatte ich das Bedürfnis noch einmal intensiv theoretisch zu lernen. Und der MBA an einer Topschule in den USA interessierte mich schon lange. Gleichzeitig war ich noch nicht häuslich niedergelassen und es fiel mir leicht, mich für neue Abenteuer aus meiner Komfortzone zu begeben.Warum bezahlen Sie 43000 US-Dollar (70000 US-Dollar mit allen sonstigen Kosten) für einen MBA in den USA, obwohl es mittlerweile auch ordentliche MBA-Programme in Deutschland gibt, die wesentlich preisgünstiger sind?Hier in den USA ist für jeden klar, dass MBA nicht gleich MBA ist. Die Qualität der MBA-Programme schwankt je nach Schule stark. Probleme wie Ressourcenknappheit sind bei Tuck schlichtweg kein Thema. Zudem ist das kostbare an einem Top-Programm meines Erachtens das Alumninetzwerk, zu dem man Zugang bekommt. Und mit einem MBA einer Topschule steigen die Vergütungsaussichten so enorm, dass sich die Ausgaben binnen einiger Jahre mehr als amortisieren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Warum die Wahl auf die Tuck School fiel.Und warum haben Sie sich für die Tuck School entschieden?Wer sich mit dem Thema MBA auseinandersetzt, der stößt zwangsläufig auf Tuck. Gegründet 1900 als erste Business School für MBAs überhaupt, gehört Tuck seit jeher zu den besten MBA-Schmieden. Im Gegensatz zu vielen anderen namhaften Business Schools bietet Tuck nur ein einziges Programm an: den 2-Jahres-MBA. Zusammen mit einer für Business Schools regelrechten Minigröße von ca. 250 Studenten pro Jahrgang waren für mich der ausgeglichene Mix verschiedener Lehrmethoden, die Stärke in Finance, der Focus auf Teamarbeit, das äußerst aktive Alumninetz und die sehr familiäre Atmosphäre in ?filmechter Small-College-Town-Umgebung? die auschlaggebenden Gründe für Tuck.Sie sind jetzt seit sechs Monaten an der Tuck School of Business. Was hat Sie am meisten überrascht?Wie international ein so kleiner Ort wie Hanover mit gerade mal knapp über 10 000 Einwohnern sein kann. Alleine im Undergraduate-Programm des Dartmouth College sind 10% der Studenten aus dem Ausland. Bei Tuck kommen sogar mehr als ein Drittel der Studenten nicht aus den USA und vertreten dazu noch über 30 Nationen. Dementsprechend hört man auf der Straße von Japanisch, über Hindi und Russisch eben auch des öfteren Deutsch.Tuck preist immer seine ?Big Family-Atmosphäre? an. Was ist dran?Partner und Kinder sind ganz selbstverständlich Teil der Tuck-Community. Partner haben kostenfrei die Möglichkeit an der gesamten Uni Kurse als Gasthörer zu besuchen. Sie werden zu einer Vielzahl von Veranstaltungen (z.B. Konferenzen, Gastreden, Präsentationen) eingeladen bzw. in die Gestaltung miteinbezogen. Viele nutzen die Möglichkeit Tuck oder einer der vielen anderen Einrichtungen des Dartmouth College zu arbeiten. Und auch die Kinder sind bei vielen Anlässen gern gesehen Gäste. Vermutlich trifft man an kaum einer anderen Business School so viele Kinder auf dem Campus an. Vergleichsweise ungewöhnlich ist, dass Sie mit Frau und damals 4-monatigem Kind zu Tuck gegangen sind.Für uns war und ist dies der perfekte Zeitpunkt. Meine Frau ist in Elternzeit und somit stellt es für sie kein Problem dar, dass sie keine Arbeitsgenehmigung für die USA hat. Gleichzeitig müssen wir uns noch keine Gedanken über eine adäquate Schule für unsere Tochter machen, Stichwort: Deutschunterricht.Wenn wir noch einmal zur Aktualität zurück kehren: Das andere große aktuelle US-Thema ist der (Vor-)Wahlkampf. Wie viel bekommen Sie davon mit?Neben der Subprime-Krise ist dies zurzeit das zweite große Thema auf dem Campus. Eines der ersten TV-Duelle der Demokraten fand im November hier auf dem Campus statt, da New Hampshire traditionell einer der ersten US-Bundesstaaten ist, in denen die Presidential Primary durchgeführt wird. Mich hat zudem überrascht wie oft auch Privatpersonen für ihren Favoriten werben, sei es indem sie an Kreuzungen für Fußgänger und Autofahrer gut sichtbar Wahlplakate hochhalten, diese im Garten aufstellen oder Aufkleber an ihren Autos anbringen.Angeblich lassen sich vor allem junge Amerikaner von Barack Obama begeistern. Stimmt das auch für die amerikanischen Tuck-Studenten?Begeisterung gehört in den USA einfach generell zu einem richtigen Wahlkampf dazu. Egal, ob Hillary Clinton, John McCain oder Barack Obama, ihre Anhänger verbreiten auch in den kleinsten Orten mitreißende Wahlkämpfe mit unzähligen Schildern und Fahnen. Der Wahlkampf in dieser plakativen Form macht jedoch vor Tucks Türen halt. In der ?educationally-correct? Umgebung neigen Tuckies ehr dazu, die Wahlprogramme der einzelnen Kandidaten aus Sicht ökonomischer Wirksamkeit zu analysieren und deren potentielle Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft zu diskutieren.
Mehr zu den Auswirkungen der Subprime-Krise auf den MBA-Markt lesen Sie in der großen HANDELSBLATT-MBA-Beilage am 07.03.2008.

Mehr zu den Auswirkungen der Subprime-Krise auf die Job-Situation in Banking & Finance in Deutschland lesen Sie in der März-Ausgabe des Magazins ?Handelsblatt Junge Karriere?.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.02.2008