Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Kreuzung zweier Lebenswege

Von Christoph Hardt
Ihre Wege haben sich öfter schon gekreuzt. Aber da war immer klar, wer Chef war und wer Junior. Jetzt nimmt die Geschichte einen überraschenden Ausgang. Heinz-Joachim Neubürger, Finanzchef von Siemens, verlässt das Unternehmen. Joe Kaeser, für einige Zeit sein Mitarbeiter, wird der Nachfolger.
MÜNCHEN. Das ist eine Zäsur und die Entscheidung einer Machtfrage. Denn zweifellos war Neubürger für Siemens-Chef Klaus Kleinfeld bis zuletzt ein Rivale im Wartestand, Kaeser aber war zweifellos immer ein Kleinfeld-Mann. Auch deshalb rückt er nun auf eine Schlüsselposition in Europas größtem Technologiekonzern.Neubürger und Kaeser ? das ist schon äußerlich eine gründliche Veränderung. Neubürger, 53, ist gelernter Investmentbanker und hat an der Elite-Uni Insead in Fontainebleau studiert. Er tritt wie ein Intellektueller auf, wirkt bescheiden. Fast alles an ihm ist Unauffälligkeit, was er kann, das muss die Bilanz beweisen. Man möchte sich lieber nicht vorstellen, wie es ist, wenn dieser Mann wirklich auf den Tisch haut.

Die besten Jobs von allen

Kaeser wirkt kantig, trägt einen kräftigen Schnauzbart, schwarz. Er stammt aus der Oberpfalz und mag das offene Wort. Laut zu werden, damit hat er keine Probleme. Bei Siemens hat er ziemlich weit unten angefangen und auch die dunklen Seiten dieses Universums kennen gelernt. Beruflich kann er nur Siemens ? dafür aber in fast allen Facetten.Ende 1999 begegnen sich die Wege dieser so unterschiedlichen Männer. Kaeser baut unter Neubürger das Performance-Controlling auf, damit auch bei Siemens überprüfbar wird, ob die Unternehmenseinheiten ihre Ziele steuern und einhalten. Das Projekt endet erfolgreich, trotz der persönlichen Unterschiede.Neubürger, 1989 von JP Morgan zu Siemens gewechselt, hat sich als Finanzfachmann einen guten Ruf erworben, zuerst als Chef der Investor Relations, dann als Treasurer. Er ist es, der die gewaltigen Finanzreserven aktiviert und in den Dienst der Konzernentwicklung stellt. 1998 wird er als Finanzchef in den Zentralvorstand berufen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bei Neubürger und Kaeser geht es Schlag auf Schlag.Kaeser ist wie Kleinfeld 48 Jahre alt, hat direkt nach dem BWL-Studium in Regensburg im Jahr 1980 bei Siemens angefangen und war fast 20 Jahre im Bereich Bauelemente tätig. Das hat zwar auch nichts daran geändert, dass die Sparte am Ende als Epcos von Siemens an die Börse gebracht wurde und seither weiter kriselt ? der Karriere aber hat es auch nicht geschadet. 1995 wechselt er in die USA und wird Finanzchef der Tochter Microelectronics in Kalifornien. 1999 kehrt er in die Heimat zurück. Sein Vorgesetzter heißt jetzt Neubürger.Nach Ende des Performance-Controlling-Projekts geht Neubürger wie immer seinen Weg, als Finanzchef ist er entscheidend an der Ausgliederung von Epcos und der Speichersparte Infineon beteiligt, die an die Börse gebracht werden.Unter dem Generalisten Heinrich von Pierer steuert Neubürger den Konzernumbau. Er trimmt Siemens auf Shareholder-Value und gestaltet das Zukunftsprogramm ?Fit4More? mit. Er darf sich berechtigte Hoffnungen auf das höchste aller Siemens-Ämter machen, als der ?eiserne Heinrich? einen Nachfolger sucht. Gut möglich, dass es am Ende ein paar Lebensjahre waren, die den Ausschlag zu Neubürgers Ungunsten gaben.Nach dem Besuch des Finanzressorts geht es auch bei Kaeser Schlag auf Schlag, er wird Finanzchef im Geschäftsbereich IC Mobile, in dem auch die teure Handysparte angesiedelt ist. Als Verhandlungsführer im Kampf um die Verlängerung der Arbeitszeit in den Werken Bocholt und Kamp-Lintfort holt er sich bei der IG Metall den Ruf, ein ?harter Knochen? zu sein. Wohl auch deshalb wird er 2004 zum Chefstrategen ernannt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Siemens betreibt die Kaderauswahl mit wissenschaftlicher Perfektion.Schon damals heißt es, er sei ein Vertrauter des jungen Konzernchefs Kleinfeld. Sicher ist: Wenn Kleinfeld heute von den Mega-Trends predigt, ist auch Kaeser mit am Werk. Das Pikante an dieser Geschichte: Als Kaeser zum Strategiechef aufrückt, fühlt sich Neubürger längst selbst als Chefstratege. Noch im Februar 2006, da ist Kleinfeld schon mehr als ein Jahr ganz oben, redet der Finanzchef in einem Interview so, als sei er es, der die eigentlichen Ziele stecke. Spätestens da ist klar, dass hier etwas einer Entscheidung zustrebt. Neubürger, Kleinfeld, Kaeser ? ohne Heinrich von Pierer wäre diese Geschichte nur halb erzählt. Denn dass Neubürger am Ende der Verlierer ist, hat mit einer Sache zu tun, die intern ?Siemens Management Review? genannt wird. Dahinter steckt die mit fast wissenschaftlicher Perfektion betriebene Kaderauswahl im Konzern.Jahr für Jahr ist Heinrich von Pierer dafür durch die Geschäftsbereiche getingelt, um sich mit den Vorständen über potenzielle Kandidaten zu unterhalten. Immer stärker stellte sich dabei heraus, dass die Leute mit Zukunft die sind, die sich als Sanierer daheim und im Ausland Meriten verdient haben. Wenn sie aus dem Hause selbst stammen ? optimal. Sie sind jung? Perfekt. Das alles trifft auf Kleinfeld zu, auf Kaeser und manch anderen, der gestern, beim großen Siemens-Posten-Walzer einen Karriereschritt machte.Für Siemens selbst bedeutet der Abgang Neubürgers einen Verlust. Der Konzern muss die Rechnungslegung auf IFRS umstellen ? wer anders hätte diese Kärrnerarbeit elegant umsetzen können? Offiziell heißt es, Neubürger habe persönliche Gründe, er wolle sich ?eine Atempause? gönnen. Man kann sich das bei diesem leidenschaftlichen Arbeiter kaum vorstellen.Kaeser hat reichlich Arbeit vor sich. Zu Hilfe kommt ihm, dass er in der neuen Mannschaft nicht der Einzige ist, der zum Kreis der Vertrauten Klaus Kleinfelds zählt. Die große Frage ist nur, ob die Truppe ihre selbst gesteckten Ziele erreichen kann. Schon im April nächsten Jahres wird man auch Joe Kaeser daran messen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.03.2006