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Kopf statt Kelle

Felix Ullmann
Der Baubranche geht es schlecht, doch Züblin schreibt schwarze Zahlen. Das Unternehmen setzt auf High-Tech.
Die linke Hand in der Jackentasche, klettert Rolf Becker, Bauingenieur beim Stuttgarter Baukonzern Ed. Züblin, auf das schmale Holzgerüst an der Außenfassade eines Rohbaus. ?Schwindelfrei muss man in unserer Branche schon sein“, sagt der schlaksige, groß gewachsene Mann, während ein eisiger Wind seine Bundfaltenhose zum Schlottern bringt.

Becker ist für den Rohbau des sechsstöckigen Gebäudes verantwortlich. Er passt auf, dass Termine eingehalten und Kosten nicht überschritten werden. Wie jemand ?vom Bau“ sieht der 32-Jährige trotzdem nicht aus. Der Bauarbeiterhelm sitzt auf einer hohen Denkerstirn und das Gesicht ist blass mit Schatten unter den Augen.

Die besten Jobs von allen


Kein Wunder. Der Fachhochschulabsolvent Becker arbeitet häufiger im Büro als an der frischen Luft. Vor sieben Jahren stieg er bei Züblin ein. Seit knapp fünf Jahren ist er Gruppenleiter in der Abteilung ?Technisches Büro konstruktiver Ingenieurbau“ (TBK). Zusammen mit rund 40 Ingenieuren und Statikern, im Schnitt 30 Jahre alt, plant und betreut er technisch anspruchsvolle Hoch- und Industriebauten. Zu den Projekten seiner Abteilung zählen die Modernisierung des Hauptbahnhofs in Hannover anlässlich der Expo 2000 und der Bau der Indischen Botschaft in Berlin.

Bauingenieur als Unternehmer

Becker verhandelt mit Bauherren, Architekten und Bauleitern. Nebenbei ist er Fachmann und Ansprechpartner im Unternehmen für alle Fragen rund um Bürobauten, vorgefertigte Betonelemente und Stahlanfertigungen. Bei größeren Bauvorhaben sucht er mit vier anderen Bauingenieuren nach Lösungen, die besser, günstiger und schneller sind als die Entwürfe des Bauherrn. ?Technik war schon während der Schulzeit mein Ein und Alles“, sagt Becker. Heute verlangt sein Job vor allem unternehmerisches Denken und Organisationstalent.

Oft arbeitet Beckers Team an mehreren Projekten gleichzeitig, die Übergänge zwischen alten und neuen Aufgaben sind fließend. Wenn ein Rohbau steht und die Haustechnik mit dem Innenausbau beginnt, rufen Bauleiter oder Architekten mit Fragen an. Manchmal gibt es Streit mit dem Bauherrn, wenn der Bau mehr kostet als geplant, weil der Bauherr Extrawünsche hatte oder weil sich der Bau wegen des schlechten Wetters verzögert hat. ?Altlasten“ nennt Becker diese Probleme lachend.

Technikzentrale ist Herz und Hirn

Beckers TBK gehört zur Stuttgarter ?Zentrale Technik“, die 200 Bauingenieure in zwölf Abteilungen beschäftigt – das Herz und Hirn des Bauunternehmens. Etwa 95 Prozent der Kunden der Technikzentrale stammen aus dem eigenen Haus. Der Wissenspool berät die weltweit 40 Niederlassungen und Beteiligungsgesellschaften Züblins beim Akquirieren, Planen und Durchführen von Bauprojekten und gibt technische Auskünfte. ?Wenn mich ein Bauleiter anruft, weil ihm Beton in schlechter Qualität geliefert wurde, muss ich eine technische Lösung für das Problem finden“, sagt Becker.

Für lau gibt es diesen Service nicht, die Technikzentrale verlangt von den Kollegen die marktüblichen Preise. ?Bei den Verhandlungen schenken wir uns nichts“, sagt Becker. Die Abteilungen arbeiten wie freie Ingenieurbüros für den eigenen Konzern. Auf diese Weise sollen die Kosten auf beiden Seiten gering gehalten werden. Primäres Ziel der Technikzentrale ist jedoch nicht, wirtschaftlich zu arbeiten. ?Am Ende des Jahres werden wir nicht anhand unserer Auftragseingänge oder Planungsbudgets bewertet“, sagt Becker, ?sondern anhand der Rentabilität der Außenstellen, die wir beraten haben.“

Das Modell ist in der Branche ungewöhnlich. Große Bauunternehmen wie Holzmann oder Hochtief arbeiten dezentral. Wegen seiner Ingenieurlastigkeit und weil sich Züblin auf technisch komplizierte Großprojekte spezialisiert, hat die Baufirma in der Branche zudem den Ruf eines High-Tech-Unternehmens erworben.

Erfolgreich in Krisenzeiten

Im Inland hat sich diese Strategie bewährt. Das nach der Bauleistung fünftgrößte Bauunternehmen Deutschlands steht im Vergleich zur kränkelnden Branche gut da und schreibt schwarze Zahlen. Im Geschäftsjahr 2001, das im März endet, will das Unternehmen seinen Gewinn sogar verbessern. Im Geschäftsjahr 2000 verdiente Züblin 8,3 Millionen Euro.

Die Bauleistung werde sogar entgegen der eigenen Prognosen im Vergleich zum Vorjahr um etwa ein Prozent steigen, sagt Manfred Nußbaumer, Vorstandsvorsitzender von Ed. Züblin. Der Hauptverband der deutschen Bauindustrie hatte der Branche im vergangenen Jahr einen Rückgang der Bauleistung um zehn Prozent prognostiziert.

Das schlechte Image der Baubranche reißt Züblin damit jedoch nicht aus dem Tief. Aktuelle Umfragen haben gezeigt, dass die Baufirmen am Ende der Beliebtheitsskala deutscher Manager stehen. Züblin steht dabei immer noch an Platz drei der großen Bauunternehmen. Bekannte Firmen wie Hochtief, Holzmann und Strabag schlossen schlechter ab. Züblin will trotz der schwierigen Marktsituation 140 Hochschulabsolventen einstellen: ?Wenn Sie keine guten Leute haben, machen Sie Fehler, und dann wird es erst recht teuer für das Unternehmen“, sagt Vorstandschef Nußbaumer.

Wer sofort auf die Baustelle will, beginnt in einer Niederlassung und verbringt nur sechs bis zwölf Monate in der Technikzentrale. Doch die meisten Einsteiger landen wie Becker zunächst in der Zentrale. Ein halbes Jahr lang berechnete er die Statik des Kölner Büro- und Geschäftshauses ?WDR-Arkaden”. Anschließend leitete er das Projekt von Stuttgart aus. Kurz vor Bauschluss überwachte er die Arbeiten vor Ort.

Nicht schlecht für einen Berufseinsteiger, die meisten Anfänger übernehmen in den ersten beiden Jahren kleinere Projekte und arbeiten erst im dritten Jahr auf einer Baustelle. ?In jedem Fall ist die Arbeit abwechslungsreich“, sagt Becker. Mal berechne ein junger Bauingenieur eine Statik oder zeichne einen Konstruktionsplan, ein anderes Mal arbeite er am Bauablauf mit oder erstelle ein Angebot.

Promotion statt MBA gefördert

So vielseitig sich das Unternehmen seinen Berufsanfängern präsentiert, von speziellen Nachwuchsförder- oder MBA-Programmen hält Vorstandschef Nußbaumer nicht viel: ?Nichts gegen den MBA. Wir brauchen hervorragende Fachkräfte, auch Generalisten, aber keine Endlosqualifizierer.“ Lediglich bei einer Promotion unterstützt das Unternehmen seine Mitarbeiter, wenn Züblin an dem Forschungsprojekt Interesse hat.

Zwar zeichnet die Geschäftsführung bewährte Mitarbeiter mit dem Titel ?Oberingenieur“ aus. Der steht seit letztem Jahr auch auf der Visitenkarte von Rolf Becker. Die Unternehmensführung signalisierte ihm jedoch lediglich, ?dass ich es in absehbarer Zeit innerhalb des Unternehmens zu etwas bringen kann“, sagt Becker.

Künftig wird es für Bauunternehmen immer schwieriger, Fachkräfte zu rekrutieren. Die Zahl der Bauingenieurstudenten ist rückläufig. Ab 2004 werden die Unternehmen den Absolventenmangel schmerzhaft spüren. Nußbaumer sieht in dieser Krise eine Chance: ?Wer heute Bauingenieurwesen studiert, verdient nach seinem Abschluss in drei bis vier Jahren besser als andere Ingenieure.“ Derzeit bekomme ein Universitätsabgänger bei Züblin ein übertarifliches Jahresgehalt von rund 41.500 Euro, ein Fachhochschulabgänger die branchenüblichen 37.000 Euro.

Für Oberingenieur Becker ist die Vergütung zwar wichtig, aber nicht ausschlaggebend. ?Die Arbeit muss Spaß machen und abwechslungsreich sein.“ Seine Motivation komme mit den technisch anspruchsvollen Projekten. ?Es gibt für einen Ingenieur nichts Schöneres, als zu beobachten, wie sein Gebäude Tag für Tag wächst.“ Wenn es dabei hoch hinaus geht, hat Becker kein Problem damit. Schwindelfrei ist er ja.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2002