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Konzerne bieten Rekord-Abfindungen

Von Marcus Hennes und Carsten Herz
Deutschlands Großkonzerne lassen sich nicht lumpen, wenn es darum geht, Mitarbeiter los zu werden. Wer noch in diesem Jahr ausscheidet, erhält sogar einen "Turboaufschlag". Laut Handelsblatt-Berechnungen liegt BASF an der Spitze der großzügigen Unternehmen.
Manager können sich mit ihren Abfindungen erst einmal einen Urlaub genehmigen. Foto: ap
DÜSSELDORF/ FRANKFURT. Dafür gibt es einen Grund. Im nächsten Jahr dürften Aufhebungsvereinbarungen für die Unternehmen teurer werden. So wird die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für 52- bis 55-Jährige ab 31. Januar von derzeit 26 auf zwölf Monate verkürzt. Zusätzlich fallen Steuerfreibeträge weg. Das alles macht Abfindungen unattraktiver.Daimler-Chrysler beispielsweise hat erst zu Wochenbeginn das geplante Programm zur Frühpensionierung um drei Monate vorgezogen. Personalvorstand Günther Fleig weist aber zurück, dass dies aus finanziellem Interesse geschehe. Grund allein sei der große Andrang der Beschäftigten. Die gesetzlichen Änderungen spielten dagegen keine Rolle.

Die besten Jobs von allen

?Die Kürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeld I kann dazu führen, dass die Unternehmen ab dem 31. Januar mit höheren Abfindungsforderungen als bislang rechnen müssen?, sagt Michael Tepass, Arbeitsrechtsexperte bei der Kanzlei Linklaters Oppenhoff & Rädler. Bei Aufhebungsvereinbarungen mit Arbeitnehmern, die das 55. Lebensjahr vollendet haben und noch vor dem Wirksamwerden der Neuregelung ausscheiden, müssten die Unternehmen unter Umständen bis zu 32 Monate das Arbeitslosengeld erstatten. Eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit sagte: ?Selbst wenn, wie nach Abfindungen üblich, der Bezug des Arbeitslosengeld I für eine bestimmte Zeit ruht, kämen die betroffenen Mitarbeiter besser weg, wenn sie noch unter die aktuell gültige Regelung fallen.?Schon jetzt übertreffen Großkonzerne übliche Abfindungen deutlich (siehe auch Tabelle am Ende des Artikels). Als Faustformel bei einer Auflösung des Arbeitsverhältnisses gilt: Pro Jahr der Zugehörigkeit zum Unternehmen erhält der Mitarbeiter ein halbes Bruttomonatsgehalt. Die Schwergewichte aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) zahlen aber meist das Doppelte des Monatsgehalts. Die Angebote zum freiwilligen Ausstieg müssen großzügig sein, weil im Gegenzug viele Konzerne betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen haben. Es gilt das Prinzip der doppelten Freiwilligkeit: Kein Mitarbeiter kann zum Gehen gezwungen werden. Aber es hat auch kein Mitarbeiter einen Anspruch darauf, das Unternehmen mit der angebotenen Abfindung zu verlassen. Damit wollen sich die Unternehmen davor schützen, jüngere Fachkräfte zu verlieren.Mercedes zahlt einem 55-jährigen Angestellten mit 6 000 Euro Brutto im Monat und 40 Jahren Betriebszugehörigkeit bei vorzeitigem Ausscheiden maximal 250 000 Euro. Stimmt der Mitarbeiter dem Aufhebungsvertrag vor Jahresfrist zu, erhält er zusätzlich zehn Prozent, also insgesamt 275 000 Euro. Mercedes spart gegenüber einer Weiterbeschäftigung bis zum Rentenbeginn mit 65 mehr als eine halbe Million. Turbo-Zuschlag gibt es auch im Siemens-Konzern, der bei der Tochter SBS 2 400 Jobs streicht. Wer bis Jahresende geht, bekommt 1 200 Euro pro Dienstjahr extra.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Daimler-Chrysler und Telekom werden Milliarden los.Diese Zahlungen summieren sich. Daimler-Chrysler lässt sich den geplanten Abbau von 8 500 Stellen bei Mercedes knapp eine Mrd. Euro kosten. Der Telekom, die in den nächsten drei Jahre insgesamt 26 000 Stellen streichen will, wird das Programm 3,3 Mrd. Euro kosten, schätzen Analysten. Pro Kopf sind das 127 000 Euro, gut das Doppelte eines durchschnittlichen Jahresgehalts.BASF greift ebenfalls tief in die Tasche. Der Chemiekonzern hat in diesem Jahr 835 Aufhebungsvereinbarungen abgeschlossen und zahlt insgesamt 96 Mill. Euro für Abfindungen. Jeder Mitarbeiter kostet BASF im Schnitt 129 000 Euro. Die Hypo-Vereinsbank bietet ihren 1 000 Mitarbeitern, die sich mit einer Abfindung vorzeitig verabschieden, im Schnitt 95 000 Euro. Teurer als ursprünglich geplant wird der Arbeitsplatzabbau für den Halbleiterhersteller Infineon. Die frühere Siemens-Tochter zahlt den 615 Mitarbeitern, die bei der Schließung des Werkes Perlach bei München zum 31. März 2007 ihren Job verlieren, pro Beschäftigungsjahr 1,32 Monatsentgelte bis maximal 130 000 Euro. Für die Infineon-Mitarbeiter hat sich der Streik im Oktober bezahlt gemacht: Ursprünglich hatte das Unternehmen nur 0,33 Monatsentgelte pro Beschäftigungsjahr geboten.Bei Opel ist der Jobabbau fast abgeschlossen. Nach Angaben aus Unternehmenskreisen hat die GM-Tochter etwa 100 000 Euro pro Mitarbeiter bezahlt. 5 200 der geplanten 6 000 Abfindungsverträge sind unter Dach und Fach. Schlusslicht der Autobranche ist VW. Die Wolfsburger wollen im Schnitt nur 60 000 Euro zahlen, heißt es aus Gewerkschaftskreisen. Experten schätzen, dass bei VW bis zu 10 000 Stellen wegfallen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Schlankheitskur.
  • VerhandlungssacheDurch Betriebsvereinbarungen versuchen Unternehmen, beim Abbau von Arbeitsplätzen Kündigungen zu vermeiden. Die Bündnisse umfassen meist Abfindungs- und Vorruhestandsangebote.
  • KostenfrageFür Unternehmen sind Abfindungen in der Regel der finanziell attraktivste Weg, um sich von Mitarbeitern zu trennen. Der Vorruhestand ist teurer. Ältere Arbeitnehmer haben daran oft kein Interesse, weil sie kaum Chancen auf neue Jobs haben.
  • Regierung bremstDie neue Bundesregierung wird die Steuerbegünstigung von Abfindungen abschaffen. Eine Abfindung muss ab 1. Januar 2006 genauso wie der Arbeitslohn versteuert werden. Heute gibt es einen Freibetrag: 7 200 Euro der Abfindungssumme sind steuerfrei. Arbeitnehmer, die über 50 Jahre alt sind und nach 15 oder mehr Jahren ausscheiden, können 9 000 Euro steuerfrei behalten. Für 55-Jährige, die länger als 20 Jahre beschäftigt wurden, steigt der Betrag auf ungefähr 11 000 Euro.
  • Kein EndspurtFür Verträge über Abfindungen, die vor dem Jahresende geschlossen werden, gilt die alte Regel, wenn die Abfindung vor dem 1. Januar 2007 ausgezahlt wird. Die Unternehmen haben aus diesem Grund bislang keinen Endspurt festgestellt.
Teurer Abschied
DURCHSCHNITTLICHE ABFINDUNG PRO MITARBEITER
Unternehmen Euro
BASF 129 000
Deutsche Telekom 127 000
Daimler-Chrysler 117 000
Opel 100 000
Hypo-Vereinsbank 95 000
Volkswagen 60 000
Quelle: Firmenangaben und Schätzungen
Dieser Artikel ist erschienen am 02.12.2005