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Konrad: Der theoretische Pragmatiker

Von Dietrich Creutzburg, Handelsblatt
Er stellt vorgefasste Lehrmeinungen gerne auf den Kopf. Der Berliner Ökonom Kai Konrad zeigt zum Beispiel, dass öffentliche Güter nicht nur Sache des Staates sein müssen.
HB BERLIN. Hier also arbeitet der Direktor der Abteilung ?Marktprozesse und Steuerung? und erforscht zum Beispiel, warum eine auf lohnbezogene Beiträge gebaute Sozialversicherung ökonomisch so problematisch ist. ?Vielleicht?, meint er mit augenzwinkerndem Seitenblick auf Bismarck, ?sollte ich den Bilderrahmen mit Neonfarbe etwas verfremden.?Kai Konrad, 1961 in Heidelberg geboren, gehört jener Generation deutscher Wirtschaftswissenschaftler an, die der Medienbetrieb noch nicht als ?Starökonomen? entdeckt hat ? obwohl sie in der Fachwelt, national wie international, längst Rang und Namen haben. Im Falle Konrads ist dies unter anderem dadurch belegt, dass er schon mit 39 Jahren den renommierten Gossen-Preis des Vereins für Socialpolitik bekam ? in Erinnerung an Hermann Heinrich Gossen (1810?1858), Mitbegründer der modernen Mikroökonomik.

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Zu Konrads wegweisenden Leistungen gehört seine Auseinandersetzung mit der Theorie öffentlicher Güter. Als klassisches Merkmal öffentlicher Güter gilt, dass nur der Staat sie bereitstellen kann. Denn es geht ? wie etwa bei innerer Sicherheit ? um Güter, von deren Nutzen niemand ausgeschlossen werden kann, sobald sie einmal vorhanden sind. Genau deshalb will sie aber niemand freiwillig finanzieren: Jeder hofft, dass sich andere engagieren ? und nichts geschieht, außer der Staat nimmt die Sache in die Hand.So weit die hergebrachte Theorie. Konrad zeigte, wie das Trittbrettfahrer-Problem in der Realität sehr wohl auch mit Privatinitiative überwunden werden kann. Ein Beispiel lieferte er mit seinem Kollegen Amihai Glazer in dem Aufsatz ?A Signaling Explanation for Charity?. Darin belegt er empirisch und theoretisch, warum in den USA sehr wohl jährlich Milliardenbeträge für Universitäten, Theater und wohltätige Zwecke gespendet werden.Lesen Sie auf der nächsten Seite: Seine Doktorarbeit schrieb er beim heutigen Ifo-chef.Solche Spenden, so der Befund, sind oft bessere Statussymbole als teure Autos oder Luxusvillen ? vorausgesetzt, sie werden publiziert. Denn dann können sogar Fremde oder Bekannte in fernen Ländern erfahren, was für ein edler, erfolgreicher Mensch hinter dem Spendernamen steckt. Wie eigennützig die Spender handeln, zeigte eine Analyse der Daten von US-Universitäten, die statt des genauen Geldbetrags nur Größenklassen veröffentlichen (etwa 500 bis 999 Dollar): Fast alle Spendenbeträge lagen am unteren Rand der jeweiligen Kategorie.Konrads Forschungsschwerpunkte verteilen sich über ein breites Spektrum der Wirtschaftstheorie und -politik, von der ökonomischen Analyse politischer Entscheidungsprozesse über die Versicherungstheorie bis zu Fragen der Konstruktion von Sozialsystemen.Seine Doktorarbeit, die er als Endzwanziger beim heutigen Ifo-Chef Hans-Werner Sinn schrieb, untersucht, wie sich das Steuersystem auf die Risikobereitschaft von Unternehmern auswirkt. Konrads ? im Lichte politischer Tagesdebatten verwirrender ? Befund: Gewinnsteuern wie die Körperschaftsteuer sind nicht einfach nur ein Hemmschuh für die Wirtschaft. Sie federn auch Risiken ab, weil sie je nach Unternehmenserfolg stärker oder schwächer zupacken. Das kann unterm Strich sogar zu mehr Investitionen führen, als wenn es keine Steuer gäbe.Wer mit Konrad in lockerer Atmosphäre plaudert ? was auch unter Bismarcks strengen Blicken ohne weiteres gelingt ?, könnte glatt vergessen, dass der Gesprächspartner ein Vertreter der Wissenschaftselite ist. Allein eine geradezu mitreißende Neugier, scheinbar profane Sachverhalte ökonomisch zu durchleuchten, erinnert immer wieder daran. Ökonomisches Kalkül spielte auch eine Rolle, als er sich nach einem Aufenthalt an der University of California in Irvine 1991 entschied, die Laufbahn in Deutschland fortzusetzen: Nach dem Ende der DDR zeichnete sich eine steigende Nachfrage nach Wirtschaftswissenschaftlern ab. ?Also habe ich mich mit der Habilitation beeilt.?Lesen Sie auf der nächsten Seite: Alles begann mit einem Physik-Studium. Dabei begann er seine akademische Laufbahn mit einem Physikstudium ? bis er nach zwei Jahren feststellte, dass die Welt vorerst nicht rein naturwissenschaftlich zu erklären sei. Fortan lag ihm die Sozialwissenschaft näher: zunächst in Form der Ökonomik ? am WZB forscht er programmgemäß in enger Kooperation mit Politikwissenschaft und Soziologie. Gute Ökonomen zeichne vor allem ein enger Praxisbezug bei der theoretischen Forschung aus.Wobei es nicht immer um große Wirtschaftspolitik gehen muss, wie Konrad mit einem Beitrag zur Familienökonomie belegt. Er zeigte, warum es plausibel ist, wenn von zwei Geschwistern jeweils das ältere weiter weg von den Eltern wohnt: Zieht das erste weit genug in die Ferne, bleibt das zweite schon aus Pflichtgefühl eher in der Nähe der Eltern. Tatsächlich bestätigte eine Analyse der Bevölkerungsstatistik die Entfernungstheorie. Nur bei den Gebrüdern Konrad trifft sie ausgerechnet nicht zu: Der ältere Bruder des Berliner Ökonomen wohnt heute in der Nähe der Eltern bei Heidelberg.Lesen Sie auf der nächsten Seite mehr zur Person.Kai KonradHerkunft: Geboren wurde er am 11. März 1961 in Heidelberg als Sohn eines Kaufmanns und einer Hausfrau. Konrad ist der jüngere von zwei Söhnen.Karriere: Er studierte Physik und Volkswirtschaftslehre in Heidelberg, schließt als Diplom-Volkswirt ab. 1990 promoviert er nach seiner Tätigkeit als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hans-Werner Sinn an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort habilitiert er sich 1993 auch. Vor dem Wechsel ans Wissenschaftszentrum Berlin forscht und lehrt er an der University of California in Irvine und der Universität Bergen. Er ist Professor für Finanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin und gehört unter anderem dem Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium der Finanzen an.Privatleben: Er wohnt mit seiner Lebensgefährtin in Berlin ? einer Stadt, die nicht nur gute Bedingungen für Wissenschaftler biete, sondern auch sonst faszinierend sei, sagt er.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.07.2005