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Konkursreife Strukturen

Heiner Thorborg, 60, ist einer der führenden Headhunter für das Topmanagement in Deutschland und Ehrenpräsident der deutschen Harvard Business School Alumni Vereinigung.
Im Grunde genommen ist diese Elitediskussion ärgerlich. Und zwar gleich aus mehreren Gründen. Erstens: Die meisten Verantwortlichen werden nicht müde, die Chancengleichheit zu lobpreisen und Hochbegabte in Biotope für staunenswerte Arten zu verweisen - wiewohl sie genau wissen, dass das Land nichts dringender braucht als eine hungrige Leistungselite.
Im Grunde genommen ist diese Elitediskussion ärgerlich. Und zwar gleich aus mehreren Gründen. Erstens: Die meisten Verantwortlichen werden nicht müde, die Chancengleichheit zu lobpreisen und Hochbegabte in Biotope für staunenswerte Arten zu verweisen - wiewohl sie genau wissen, dass das Land nichts dringender braucht als eine hungrige Leistungselite. Kultusminister wie Hochschulpersonal bekennen sich bestenfalls rhetorisch zur Spitzenförderung, denn noch steht nicht definitiv fest, wer von den rund hundert Universitäten hierzulande zu den besonders förderungswürdigen gerechnet werden wird. Fünf Hochschulen sollen sich künftig fünf Jahre lang 250 Millionen Euro per annum teilen.

Zum Vergleich: Harvard verfügt über ein Stiftungsvermögen von 19 Milliarden Dollar. Zweitens: Damit eine Eliteuni entsteht, braucht sie nicht nur Geld, sondern auch Freiheit. Beispielsweise die, Studiengebühren zu nehmen, Studierende selbst auszusuchen und ihre Spitzenwissenschaftler auch angemessen bezahlen zu dürfen. Doch die gleichen Herrschaften, die in der einen Woche den Elitebegriff für Deutschland neu erfinden, schrecken in der Woche darauf vor den Konsequenzen dieser Freiheit zurück, wenn ihnen ihre Parteifreunde von der Fraktion "Blutendes Herz" und ein paar tausend linke Studenten in die Parade fahren. Dank diesem verzagten "Einerseits-andererseits" landet die beste deutsche Uni im internationalen Vergleich auf Rang 49. Nobelpreise werden heute anderswo gewonnen

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Drittens: Natürlich wollen wir unsere künftigen Eliten selbst ausbilden, sie nach den Werten des "old Europe" prägen und ihnen möglichst viel soziale Verantwortung mit auf den Weg geben. Derzeit jedoch wandern unsere akademischen Glanzlichter aus, vorzugsweise nach Amerika. Wollen wir das? Sollen gerade die Begabungen, die früher die Grundlagen für den donnernden Ruf von "made in Germany" schufen, künftig amerikanische Produkte erfinden? Und denken wir mal an die unterschiedlichen Wertesysteme hüben und drüben: Werden wir von jenseits des Atlantiks die Entscheider mit dem Wertesystem zurückbekommen, das wir uns wünschen? Schlimmer noch als all das ist das völlige Fehlen eines Konzepts. Was überhaupt stellen wir uns unter unserer Elite vor? Und was an ihr sollte anders sein, als das Wesen der Gruppen, die das Land zurzeit politisch, wirtschaftlich, akademisch und administrativ regieren?

Unsere in den 60er und 70er Jahren sozialisierten Meinungsführer huldigen nach wie vor der Vorstellung, in der deutschen Bürgergesellschaft herrsche soziale Mobilität: Leistung, nicht etwa Geburt bestimmten die Chance des Einzelnen, in die Eliten aufzusteigen. Dieses Paradies der Gerechtigkeit sei dank einer egalitären Bildungspolitik entstanden, die auf Masse setzt, nicht auf Klasse - so zumindest das allgemeine Credo.

Diese schöne Vorstellung entspricht nicht der Wirklichkeit, wie die Erkenntnisse des Soziologen Michael Hartmann beweisen. Er untersuchte die Lebensläufe von 6.500 Promovierten aus den Fachbereichen Ingenieur-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Ergebnis: Die Aussicht auf eine erfolgreiche Karriere in der Wirtschaft ist für die Söhne des gehobenen Bürgertums dramatisch besser als für Arbeiterkinder. Bei gleichem Bildungsniveau wohlgemerkt! In gewisser Weise leben wir also noch immer in einer fast mittelalterlichen Ständegesellschaft. Und was die politischen Eliten betrifft, drängt sich ebenfalls der Eindruck auf, dass ein Kanzler aus dem Arbeitermilieu und ein Ex-Taxifahrer als Außenminister bestenfalls Ausnahmen von der Regel darstellen

Wir leben längst in ähnlich zementierten Verhältnissen wie die Briten oder Franzosen, wo schwerpunktmäßig Oxbridge- oder ENA-Absolventen die einflussreichen Positionen bekleiden. Von den Chairmen der 100 größten britischen Unternehmen hat jeder zweite in Oxford oder Cambridge studiert; ENA-Absolventen werden nur 0,6 Promille eines Schülerjahrgangs in Frankreich, aber sie stellen sechs von zehn französischen Topmanagern. Immerhin: Bei unseren europäischen Nachbarn bestimmt wenigstens noch die Qualität der besuchten Schule die Zukunft eines jungen Menschen. Bei uns jedoch zählt offenbar vor allem sein oder ihr familiärer Background - eines der schlechtesten Kriterien für die Auswahl von Entscheidern

Unser egalitäres Bildungssystem ist in jeder Hinsicht konkursreif. Es hat nicht nur keine Chancengleichheit geschaffen, sondern überdies auch noch die einstmals überlegenen deutschen Schulen ruiniert. Es ist hoch an der Zeit, in Deutschland wirklich Chancengleichheit zu schaffen. Die entsteht jedoch nicht durch ein egalitäres Bildungssystem, wie wir in den vergangenen 30 Jahren schmerzhaft lernen mussten. Stattdessen müssen wir schon im Kindergartenalter anfangen, Hoch- und Sonderbegabungen zu identifizieren und ihnen ein besonderes schulisches Angebot zu bieten. Ganztagsschulen wären dafür eine geeignete Plattform. Dafür braucht man allerdings auch Pädagogen, die nicht aus der Haltung heraus leben, dass alle in einer Schule im gleichen Tempo dasselbe lernen müssen. Die Finnen - als Pisa-Sieger - haben dafür bereits Modelle geschaffen. Ähnliche Systeme bei uns einzuführen, wird Zeit kosten und weit mehr als 250 Millionen Euro Sonderförderung für fünf Universitäten.

Dieser Artikel ist erschienen am 25.04.2005