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Konkurrenz für Expats

Katrin Terpitz
Expats sind Wanderer zwischen den Welten und müssen tief in die fremde Kultur eintauchen. Sonst werden sie zunehmend von lokalen Konkurrenten verdrängt. Denn diese sind fachlich immer besser qualifiziert und bringen inzwischen viel Auslandserfahrung mit.
DÜSSELDORF. Zwischen Göttingen und Yokohama liegen manchmal Welten ? diese Erfahrung machte Robert Buchmann, Vertriebsleiter von Mahr, einem der weltweit führenden Anbieter von Fertigungsmesstechnik mit Stammsitz in Niedersachsen. Immer wieder gab es Spannungen mit der Japantochter. ?Wir wollten schnelle Entscheidungen, aber unsere japanischen Manager konnten das ihrem Team nicht vermitteln?, erzählt Buchmann.Die Lösung: eine Doppelspitze aus einem Japaner und einem japanerfahrenen Deutschen. Vor Ort rekrutierte Mahr einen Maschinenbauer, der in Sprache und Kultur zu Hause ist. Wünsche des Stammhauses kommen nun nicht mehr par ordre du mufti, sondern diese bespricht der Deutsche mit den Japanern abends locker bei Karaoke und Sake. Buchmann erleichtert: ?Seitdem haben wir Ruhe.?

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Der klassische Expatriat, der nur auf Englisch oder per Dolmetscher mit seinen Mitarbeitern kommunizieren konnte, hat ausgedient. ?Entsandte Manager, die nicht in ihr Gastland eintauchen, sondern abgeschottet von Einheimischen sich in Luxushotels mit der Expat-Community vergnügen, bringen ihrem Unternehmen keinen Nutzen?, urteilt Patrick Schild von der Personalberatung Ray & Berndtson. ?Solche Expats bereichern lediglich ihren Lebenslauf auf Kosten der Firma.? Schild berichtet aus eigener Anschauung, er arbeitete selbst über 15 Jahre für deutsche Großbanken in Hongkong, Großbritannien und Frankreich.Fakt ist: Die Anpassungsfähigkeit an fremde Kultur und Geschäftsgebaren (neudeutsch: Cultural Fit) wird immer entscheidender, um als Expat bestehen zu können. Dazu zählt selbstverständlich die Sprache. Beispiel Japan: 65 Prozent der deutschen Firmen vor Ort betrachten Japanisch als essenziell für die Geschäftskommunikation von Expats. Das ergab eine Umfrage unter 121 Japantöchtern der dortigen deutschen Kammer mit den Universitäten Kobe und Duisburg-Essen.Keine Frage: Immer mehr Deutsche verbringen inzwischen Teile ihrer Schul- und Studienzeit im Ausland, vermehrt auch in Ländern, die als exotisch gelten. Viele Studiengänge kombinieren BWL mit schwierigen Sprachen. Wer nach oben will, weiß: Ohne relevante Auslandserfahrung bleibt in vielen Firmen der Weg in die Führungsetage versperrt.Jedoch bekommen selbst auslandskundigste Expats immer härtere Konkurrenz: Denn der Mangel an qualifizierten lokalen Fach- und Führungskräften in Schwellenländern schwächt sich deutlich ab. Die Folge: Viele Firmen ersetzen den klassischen Expat Schritt für Schritt durch hochkarätige lokale Manager mit Auslandsstudium oder durch Entsandte aus der Region.Diesen Trend bestätigt eine Umfrage der Association of Executive Search Consultants (AESC) unter 62 Top-Headhuntern aus China, Indien, Russland, dem Nahen Osten und Brasilien. Sieben von zehn Personalberatern erwarten, dass dort schon in fünf Jahren internationale Expats in weiten Teilen verdrängt sein werden. ?Zugleich verlieren die USA und Europa viele Top-Talente aus Schwellenländern, die daheim bessere Chancen wittern?, prophezeit AESC-Chef Peter Felix.Die Vorteile lokaler Experten liegen auf der Hand. ?Gerade im Vertrieb brauchen wir einheimische Manager als Gesicht für den Kunden?, sagt Buchmann von Mahr. ?Selbst in den USA ist die Sprachbarriere wegen all der feinen Zwischentöne von Ausländern schwer zu überwinden.?Personalmanager von Volkswagen sehen das ähnlich: Lokale Manager sollten dort eingesetzt werden, wo spezielles Wissen über Land, Markt und Kunden notwendig ist. Der Konzern mit fast 329 000 Mitarbeitern ? davon 2 100 fern ihrer Heimat tätig ? hat sich den Aufbau eines hochqualifizierten lokalen Managements als Ziel gesetzt.Hinzu kommt: Werden Einheimische mit hohen Managementaufgaben betraut, motiviert das die gesamte Belegschaft. Schild: ?Fatal ist es, wenn lokale Manager, egal ob Chinese oder Franzose, das Gefühl bekommen, sie seien Manager zweiter Klasse und gehören nicht richtig zur Familie.?Unmut entsteht zuweilen auch wegen der höheren Bezahlung der Expats. Obwohl sich etwa in China die Gehälter der lokalen Spitzenkräfte dem deutschen Niveau deutlich angenähert haben, übertreffen die gesamten Kosten eines Expats mit Wohnzuschüssen und Schulgeld etc. die eines lokalen Managers immer noch deutlich, berichtet Liu Zhengrong, Personalchef des Spezialchemieherstellers Lanxess.Doch trotz der Kosten und aufstrebender lokaler Manager will auch Mittelständler Mahr Expats als Brückenbauer zwischen den Kulturen nicht missen ? zumal die Hälfte der 1 700 Mitarbeiter im Ausland arbeitet.Buchmann: ?Unsere Expats sind das Verbindungsstück zwischen Einheimischen und Stammhaus, das sie sonst nur als anonymes Gebilde wahrnehmen.? Liu bestätigt: ?In Wachstumsmärkten gänzlich ohne Expats auszukommen wäre nicht klug. Sie leisten dort unverzichtbare Aufbauhilfe.?Expats kommen vor allem dann zum Einsatz, wenn es um Wissenstransfer, Koordination mit dem Mutterhaus, Strategiewechsel oder akute Krisen geht. Das operative Geschäft betreuen sie nur selten, ergab zumindest die Umfrage in Japan. Viele setzen Expats in sensiblen Bereichen wie Buchhaltung und Qualitätskontrolle ein.?Die Investition in unsere Expats lohnt sich?, betont Buchmann. Auch wenn sie sich laut Kammer-Umfrage in Japan erst frühestens nach zwei Jahren rechnen. Danach durchschauen sie die Abläufe vor Ort. Personalberater Schild empfiehlt deshalb einen Auslandsaufenthalt von mindestens drei Jahren. Doch Vorsicht: Wer zu lange bleibt, droht zu ?verbuschen?.Liu rät zu Entsendungen von maximal fünf Jahren: ?Danach wird die Reintegration in das Heimatland schwieriger ? sowohl in beruflicher als auch privater Hinsicht.? Schon vor der Entsendung sollten Arbeitgeber Expats eine Rückfahrkarte mit genauem Datum und Zielort geben, empfiehlt Schild.Damit die ganze Firma vom Wissenstransfer profitiert, entsendet Mahr Mitarbeiter aller Ebenen ? von Servicekräften bis zu Niederlassungsleitern. Und auch im Göttinger Stammhaus arbeiten Kollegen aus dem Ausland. Buchmann betont: ?Entsendungen dürfen keine Einbahnstraße sein.?
Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2008