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Konfi, Kaffee, Koitus

Christoph Stehr
Der Büroflirt liegt voll im Trend, nur in der Kneipe wird noch mehr gebaggert. 20 bis 35 Prozent aller Ehen bahnen sich im Büro an. Wie und warum es zwischen Flipchart und Rollcontainer funkt - und wann Sie eine Affäre besser anbrennen lassen.
Mit einem "Antrag auf Eintrag in Ihrem Terminkalender" traf Jasmin Siegel, 25, den richtigen Ton - mitten ins Herz von Markus Lenz, 29, den sie seit Wochen quer durchs Großraumbüro bei der Deutschen Bank in Frankfurt anschmachtete. Ein leckerer Kerl, durchtrainiert vom Bizeps bis zum Knackpo, echt süß. Bevor Jasmin die unschuldige Mail mit der gar nicht unschuldigen Betreffzeile verschickte, um Lenz in die Kantine einzuladen, hatte sie sich sorgsam herangepirscht. Während sie mit seinem Schreibtischnachbarn über den Depotbankservice fachsimpelte, hakte sie insgeheim ihre No-No-Checkliste ab: Raucht "mein Objekt der Begierde" etwa, trägt er gar Tennissocken zur Anzughose? Hält er dem Chef die Tür auf, schnorrt er seinen Kaffee bei Kollegen? Lenz bestand alle Tests mit Bravour - dann die ersten verstohlenen Umarmungen im Aufzug, ein Kuss hinter der verschlossenen Bürotür, das Candlelight-Dinner nach Feierabend. Heute erprobt das Bankerpaar seine Beziehung beim Häuslebau.

Nach einer Emnid-Studie ist der Arbeitsplatz die zweitwichtigste Partnerbörse - geschlagen nur vom Kneipentresen. 20 bis 35 Prozent aller Ehen bahnen sich im Büro an, hat die Gesellschaft für Erfahrungswissenschaftliche Sozialforschung herausgefunden. Funken tut's wesentlich öfter, denn nicht alle Techtelmechtel führen vor den Traualtar: Bei der aktuellen Online-Umfrage auf karriere.com gaben 55 Prozent an, sich am Arbeitsplatz mindestens einmal verliebt zu haben. 28 Prozent beichteten eine Affäre. Und 26 Prozent der Befragten hatten schon mal Sex zwischen Kopierer und Kaffeemaschine.

Die besten Jobs von allen


Verständnisvolle Chefs

Die Unternehmen sehen dem munteren Treiben gelassen zu. Exklusiv fragte karriere die 350 größten Unternehmen in Deutschland, wie sie mit Flirts, Affären und Beziehungen am Arbeitsplatz umgehen. Immerhin 79 Prozent bekennen sich zu Toleranz und Offenheit. Nur 21 Prozent fürchten, Leistungsverhalten und Arbeitsatmosphäre könnten unter der Büroliebe leiden

"Bei uns gibt es keine Sittenregeln für den sexuell korrekten Umgang unter Kollegen", sagt etwa Personalchef Lars Schmidt von der Düsseldorfer Werbeagentur BBDO. "Wer viel arbeitet, möchte auch Spaß im Job haben - inklusive Liebeserlaubnis."
Und Thomas Fuchs, Personaler im Beiersdorf-Konzern, versteht "die relativ häufigen Beziehungen" sogar als gutes Zeichen für die Stimmung im Unternehmen. So viel Toleranz hat seinen Grund: Schließlich trifft Amors Pfeil quer durch alle Hierarchien und macht auch nicht vor den schweren Türen der Vorstandsetagen Halt. So konnte trotz zahlreicher Windows-Pannen Microsoft-Gründer Bill Gates erfolgreich bei Mitarbeiterin Melinda fensterln, und Bertelsmann-Legende Reinhard Mohn kam Telefonistin Liz beim Reise-nach-Jerusalem-Spiel näher. Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp verliebte sich in seine Sekretärin, und seit kurzem schmachtet Late-Night-Quatscherin Anke Engelke vor laufender Kamera ihren Bandleader Claus Fischer an.

Baggern bringt Leistung

Friede, Freude, Hochzeitstorte - Liebe beschwingt, erst recht im Job. Volker Drewes, Psychologe und Managementcoach in Berlin, spricht von "Synergieeffekten", wenn Sandra und Peter den Belohnungsschampus für den ergatterten Auftrag aus einem Glas trinken oder sich über Ärger mit dem Chef gegenseitig hinwegtrösten. Der Hormonspiegel steigt, die Motivation ebenso, beobachtet die Hamburger Karriereberaterin Sabine Breitbart. Schmetterlinge im Bauch geben Power für die Präsentation spät am Abend, unter den glänzenden Augen des Partners will sich jeder von seiner besten Seite zeigen - Leistung als Brunftverhalten des modernen Bürohengstes.

Versteckspiel auf Zeit

Doch kein Coach, der nicht auf die Gefahren der Büroliebe hinweist. "Wenn sich zwei im Team verlieben, bedeutet dies das Ende des Teams", sagt der Geschäftsführer des Berliner Dialog-Instituts, Ulrich Nijhuis. Ein gutes Team zeichne sich durch Beziehungen "auf Geschwisterniveau" aus. Wird aus der Geschwisterliebe mehr, "dann ist das in den Augen des Teams Inzest und in höchstem Maße tabuisiert". Die Beziehungen ordnen sich neu: "Damit stößt das System Team das System Paar ab.

Jasmin und Markus vermieden solche Konflikte, indem sie unbewusst das offenbar Richtige taten. Kein Händchenhalten im Büro, kein Knutschen auf dem Gang - die beiden Banker behandelten ihre Beziehung erst mal als Verschlusssache. Ein Küsschen im Fahrstuhl, mehr nicht. Jasmin nennt es das "Getrennt-das-Büro-verlassen-aber-gemeinsam-nach-Hause-kommen-Prinzip". Erst als sie sicher waren, dass sie "etwas Festes" hatten, weihten sie die Kollegen ein

Auch das war klug: zum richtigen Zeitpunkt Offenheit und Vertrauen zeigen. "Nach aller Erfahrung lässt es sich ohnehin nicht verheimlichen", meint Personalmanager Jürgen Bock vom Versandhaus Otto. 88 Prozent seiner Kollegen in den anderen von karriere befragten Unternehmen stimmen ihm zu und raten Büropaaren, nicht ewig Verstecken zu spielen.

Minenfeld Kollegenklatsch

Wird die Beziehung von den Kollegen akzeptiert, ist das allerdings nur ein Etappensieg. Die Tretminen bleiben scharf. Warum braucht Thomas bloß so lange zum Händewaschen - noch dazu auf der Damentoilette? Muss Katrin ihm dauernd die Krawatte zurechtzupfen, als hätte er zu Hause keinen Spiegel? Schließlich macht sie selbst sich doch auch jeden zweiten Morgen davor zurecht

Der Konstanzer Trainer Peter Faidt empfiehlt Paaren deshalb, von Anfang an klare Regeln zu vereinbaren. Die gemeinsame Mittagspause sei in Ordnung, nicht aber, ständig aufeinander zu hängen: "Also keine zehn Telefonate am Tag mit dem Inhalt: Ich wollte nur Deine Stimme hören.

Räumliche Entfernung hilft Konflikte zu vermeiden. Paare, die sich nur auf Betriebsversammlungen begegnen, weil sie in verschiedenen Unternehmensteilen arbeiten, sind unauffällig und daher selten Ziel von Tratsch. Aber auch sie müssen aufpassen, vor allem wenn sie konkurrierende Funktionen ausüben. So wird der Controllerin, die einen Schatzi in der Forschungsabteilung hat, schnell nachgesagt, dass sie dessen Investitionsbudgets nicht ganz so genau prüfe, wie die anderer Abteilungen.

Die Rache der Nebenbuhler

Verliebte stehen unter verschärfter Büro-Beobachtung, so viel steht fest. Zweifel an der Arbeitsleistung ("die hat ja wohl jetzt andere Dinge im Kopf") gehören noch zu den harmlosen, weil parierbaren Reaktionen. Schwieriger wird's bei eifersüchtigen Rivalen. Nachdem Sandra Hirsch, 24, ihren Siemens-Kollegen eröffnet hatte, dass sie mit einem alten Bekannten, nämlich Ex-Siemensianer Jürgen Nagler, 28, zusammen sei, fing ihr Büronachbar an zu bocken. Er, der sich schon so lange um die bildhübsche Marketingassistentin bemühte, sollte auf einmal das Nachsehen haben? Die Stimmung sank unter den Gefrierpunkt und taute erst wieder auf, als der Kollege bei einer anderen gelandet war

Das Gute am Büroflirt ist: Gelegenheit macht Liebe und Gelegenheiten gibt es ohne Ende, vor allem wenn man von so ansehnlichen Menschen wie Wolfgang Bernhard oder Ilona de March träumen darf - den Siegern im karriere-Ranking der erotischsten Manager und Managerinnen Deutschlands

Profi-Baggerer lassen keine Betriebsfeier aus, nutzen jeden Kantinentratsch, jede Wartezeit am Kaffeeautomaten. Wahre Könner halten sich dabei strikt an die ungeschriebenen Flirtregeln im Job. Regel Nummer eins: Immer schön Abstand halten zu den Kollegen aus der Personalabteilung (die verstehen da komischerweise gar keinen Spaß). Regel zwei: über alles plaudern, nur nicht über die Arbeit. Regel drei: immer ein Glas weniger trinken als das Gegenüber. Und: Von der Schreibtischkante muss der Weg nicht immer gleich zur Bettkante führen. Betriebscasanovas und Firmenmatratzen sind peinliche Figuren, weil sie schamlos wahllos den prickelnden Tanz ums andere Geschlecht entzaubern - fast so wie Porno die Erotik tötet.

Letzter Ausweg Versetzung

Nimmt die Liebe solche Formen an, ist auch von Seiten der Unternehmen schnell Schluss mit lustig. "Kollegen, die eine Affäre nach der anderen haben, sprechen wir an", sagt Josef Zellner, Bereichsleiter Human Resources bei der DAB Bank. Dann sind auch Konsequenzen möglich. Zwei Drittel der von karriere befragten Unternehmen sprachen sich dafür aus, Büropaare, die schlecht für den Betriebsfrieden sind, durch Versetzung zu trennen. Arbeitsrechtlich liegen kleinere Änderungen wie der Umzug in ein anderes Büro im "billigen Ermessen" des Arbeitgebers, auch wenn er einem Partner nicht grundlos eine schlechtere Tätigkeit zuweisen darf

Der schale Beigeschmack bleibt indes. Müssen erst Vorgesetzte und Personalabteilung eingreifen, bremst das in der Regel die Karriere. Schließlich schmeckt die Umtopfaktion mehr nach Strafversetzung denn nach Belohnung. Die Münchener Karriereberaterin Madeleine Leitner rät deshalb den Partnern, selbst um ihre Versetzung zu bitten. Ein solcher Vorstoß entspannt oft die Lage: Das Unternehmen schätzt verantwortungsbewusste Mitarbeiter und verzichtet nach dem Motto "Problem erkannt, Problem gebannt" vielleicht sogar auf eine Trennung der Liebenden.

Chef erobert, Job verloren

So gelassen die Unternehmen letztlich mit Trieben und Umtrieben unter Gleichrangigen umgehen, so nervös reagieren sie auf Paare mit hierarchischem Gefälle. Der Klassiker "Chef und Sekretärin" mag in Hollywood im Happy End münden; in der Realität endet er meist in einer "Katastrophe für die schwächere Person", sagt Gerhard Winkler, Gründer des Karrieredienstes Jova-nova.com: "Wenn Sie mit einem Kollegen anbandeln, verlieren Sie den Kollegen. Bandeln Sie mit dem Chef an, verlieren Sie den Job.

Ganz ungefährlich ist die Sache aber auch für den vorgesetzten Part nicht. Vor allem die Chefin, die ihren Assi zum Diktat mit Nachspiel bestellt, werde rasch als unprofessionell eingestuft, sagt die Hamburger Managementtrainerin Mirjam Gollenia. Männliche Potentaten dagegen ernten oft sogar Bewunderung. Die Welt ist eben ungerecht

Nicht immer ist es der Chef, der die ungleiche Beziehungskiste zimmert. Der Versuch, sich berufliche Vorteile zu erschlafen, scheitere jedoch meist, winkt Managementtrainerin Ingrid Kopp aus Berlin ab. So blind macht die Liebe nicht, dass ein Chef seine Affäre aktenkundig werden lässt, indem er die Partnerin auf einen besseren Posten hievt. Und wenn doch, braucht die solcherart Beförderte ein schnelles Pferd, um das Unternehmen zu wechseln, bevor Missgunst und Spott sie einholen.

Wenn die Liebe geht

Jürgen Junker, Diplom-Psychologe und Coach in Aschaffenburg, sammelt die Scherben zerbrochener Bürobeziehungen auf. Verschmähte Liebe führt bisweilen zu "burnout-ähnlichen Zuständen", die Hilfe von außen nötig machen, weiß er aus seiner Praxis. Denn trennen sich die Liebenden, reißen mit jedem Arbeitstag die Wunden wieder auf, die sonst oft Zeit und Distanz trefflich heilen. Die Leistung lässt nach, zu den privaten Problemen kommt der Druck von Kollegen und Vorgesetzten

Solche Schreckensszenarien sind für Jens Ahrens, 31, und seine Frau Michelle, 26, weit weg. Für sie hängt der Himmel, in den sie in Diensten der Lufthansa täglich aufsteigen, noch voller Geigen. Pilot und Stewardess - auch so ein Klischee. Seit dreieinhalb Jahren sind die beiden zusammen, vor zwei Jahren haben sie geheiratet. In der Luft wechseln sie zwar kaum ein Wort, da Cockpit und Kabine mehr nebeneinander als miteinander arbeiten. Dafür schmieden sie am Boden umso eifriger Pläne. Eine Immobilie kaufen, in ein paar Jahren vielleicht ein Kind - ein Klassiker mit Happy End.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.08.2004