Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Kompromissloser Stabilitätspolitiker

So tragisch die Adlon-Affäre für die Bundesbank und ihren Präsidenten auch sein mag ? der Skandal hat seine ironischen Seiten. Dazu gehört, dass Weltekes Vize, Jürgen Stark, nun doch noch an die Spitze der einst ehrwürdigen Institution katapultiert wurde. Einen Posten, den Stark lange schon will.
mak/mm FRANKFURT/M. Nachdem die Bundesregierung bereits ihren eigenen Weltekte-Nachfolger im Peto hat, dürfte sich Starks Zeit an der Bundesbank-Spitze aber höchstens auf die Zeit beschränken, bis die Staatsantwaltschaft die Vorwürfe gegen Welteke geklärt hat. Solange bestimmt Stark im EZB-Rat auch die Geschicke der europäischen Geldpolitik mit.Größer könnten die Gegensätze zwischen dem Bundesbankpräsidenten in Ruhe- und seinem Nachfolger in Lauerstellung gar nicht sein. Auf der einen Seite der extrovertierte Welteke, der gemütliche Nordhesse, der gewiefte Politiker, der gar nicht erst versucht hat, sich den Anschein einer geldpolitischen Koryphäe zu geben. Auf der anderen Seite der reservierte Stark, der Perfektionist, der promovierte Wirtschaftswissenschaftler mit der preußischen Arbeitsmoral. In seinem präzise gestutzten Schnurrbart sträubt sich kein Haar, der Seitenscheitel sitzt, als wäre er in Beton gegossen. Die französische Presse apostrophierte Stark als Mann ?mit bohrendem Blick und rarem Lächeln? ? die Verkörperung der ?deutschen Philosophie vom Null-Defizit?.

Die besten Jobs von allen

Welteke war ein populärer Bundesbankpräsident. Die 15 000 Mitarbeiter hielten auch dann noch zu ihm als längst klar war, dass er nicht mehr zu halten ist. Stark dagegen gilt in der Notenbank als ?harter Hund?, als verbissener, kompromissloser Verhandler, aber eben auch mit jeder Menge Sachverstand.?Für den Chefposten der Bundesbank gibt es aus fachlicher Sicht einen einzigen herausragenden Kandidaten, und der heißt Stark?, sagt Torsten Polleit, Chefvolkswirt bei Barclays Capital in Frankfurt. So wie er, denken viele Experten. Stark gilt als erfahrener Notenbanker. Den politischen Stallgeruch, der ihm anhaftete, als er im September 1998 aus dem damals CDU-geführten Bundesfinanzministerium in die Bundesbank wechselte, hat er rasch abgestreift. Stark steht für die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung und strikte Preisstabilität ? einer der Gründe, warum ihm die neue EU-Verfassung so sehr am Herzen liegt. Hinter den ständigen Ermahnungen der Bundesbank, dass der Verfassungsentwurf die Währungsordnung schwäche, steht nicht zuletzt ihr Vize. Starks harte Haltung in Sachen Staatsfinanzen erklärt sich schon aus seiner Geschichte. Er war es, der für die damalige Bundesregierung die Verhandlungen zum Stabilitäts- und Wachstumspakt führte. Solide Staatsfinanzen sind für Stark ein Eckstein der Währungsunion.Auch auf internationalem Parkett gilt Stark als Spitzenkraft. Bereits im Finanzministerium bereitete er als Staatssekretär und persönlicher Berater von Ex-Kanzler Helmut Kohl die Weltwirtschaftsgipfel vor. In der Bundesbank ist er für die Außenbeziehungen zuständig. Bei ihm als geldpolitischem Falken, dürften sich Rufe nach schnellen Zinssenkungen erübrigen. Eichel konnte in den vergangenen Tagen gar nicht scharf genug Weltekes Rücktritt fordern. Zumindest auf Zeit hat er aber damit jemandem ins Amt verholfen, der die Regierung noch härter kritisieren wird als der ohnehin schon unbequeme SPD-Mann Welteke. Ob Eichel diese Ironie bewusst ist?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.04.2004