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Kompetenz unbestritten, Auftritt selbstgefällig

Von Christian Potthoff unf Klaus Engelen
Dem Klischee eines typischen Beamten entspricht Deutschlands oberster Finanzaufseher Jochen Sanio ganz und gar nicht: Statt sich hinter Paragrafen zu verschanzen, geht der 59-jährige Jurist verbal gern in die Vollen. Klar, dass sich der Aufseher in der Branche nicht nur Freunde macht. Mal geißelt er Hedge-Fonds als ?Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems?, dann wieder nimmt er mit spitzer Zunge die Ertragsmisere der Kreditbranche aufs Korn.
FRANKFURT/BERLIN. Mal geißelt er Hedge-Fonds als ?Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems? und als ?schwarzes Loch?, dann wieder nimmt er mit spitzer Zunge die Ertragsmisere der Kreditbranche aufs Korn. Öffentlich rüffeln lassen musste sich auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Als die Bank ihren Immobilienfonds dichtmachte, sprach Sanio flugs von einem ?schwarzen Dienstag?.Solche Töne mögen den betroffenen Banken nicht immer gefallen. Aber sie symbolisieren das neue Selbstverständnis der Finanzaufsicht. Lange Zeit wurden die frühere Bankenaufsicht BaKred (Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen) und die Wertpapieraufsicht zu Recht als ?zahnlose Tiger? verspottet. Beide wurden vor vier Jahre mit der Versicherungsaufsicht zur heutigen ?Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht? (BaFin) zusammengelegt, an deren Spitze Sanio berufen wurde. Und der machte nicht nur mit geschliffenen Worten auf sich aufmerksam, sondern vor allem mit knallhartem Durchgreifen. Das musste beispielsweise der frühere WestLB-Chef Jürgen Sengera erfahren, den Sanio kurzerhand zum Rücktritt nötigte. Unter Sanios Vorgänger wäre eine derartige Demontage des Chefs einer der größten deutschen Banken, noch dazu im Rampenlicht der Öffentlichkeit, unvorstellbar gewesen. Auch andere Banker mussten auf Druck der BaFin ihren Schreibtisch räumen, so etwa der frühere Vorstandschef der Frankfurter Sparkasse, Klaus Wächter.

Die besten Jobs von allen

Sanios Härte wird verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kreditbranche in den vergangenen Jahren die tiefste Krise der Nachkriegszeit durchmachte. Heikle Situationen gab es viele: Ende 2005 beispielsweise gelang es der BaFin gerade noch eben, den Zusammenbruch der Hypothekenbank AHBR abzuwenden. Auch als die Deutsche Bank ihre Immobilienfonds schloss, drängte Sanio öffentlich auf eine Entschädigung der Anleger ? was Ackermann nach anfänglichem Zögern auch tat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Fast noch größer als im Inland ist sein Ansehen im Ausland.Klar, dass sich der Aufseher in der Branche nicht nur Freunde machte. Zu den Kritikern gehören vor allem Sparkassen und genossenschaftliche Banker. Die BaFin überziehe bei ihren Prüfungen, gerade kleine Banken könnten die hohen Kosten und die überbordende Bürokratie kaum noch bewältigen, so der Tenor. Auch Sanios Auftreten nervt manche Banker und Politiker. Die rhetorische Brillanz des in Hameln geborenen Niedersachsen grenzt gelegentlich ans Überhebliche, auch im persönlichen Gespräch kommt Sanio äußerst selbstsicher daher. ?So wie er auftritt, muss er sich nicht wundern, wenn jetzt der eine oder andere quer schießt?, sagt denn ein ranghoher Bankenaufseher.Unbestritten ist dagegen, dass der begeisterte Dauerläufer und Radfahrer Sanio die Bankenaufsicht kennt wie kaum ein Zweiter. Der zweifache Familienvater verbrachte sein gesamtes Berufsleben in dem Metier. 1974 begann er nach dem zweiten Staatsexamen im BaKred, wo er die Grundsatzabteilung leitete und 2000 zum Präsidenten aufstieg.Fast noch größer als im Inland ist sein Ansehen im Ausland. Auf internationalem Parkett bewegt sich Sanio, der in Genf studiert hat und mit einer Kanadierin verheiratet ist, mit außerordentlichem Geschick. Vor allem bei der Ausarbeitung der neuen Eigenkapitalregeln der Bankenbranche (Basel II) machte er sich einen Namen und trat oft als Gegenspieler der Angelsachsen auf. Kaum jemand kennt die Verästelungen und Kniffe des Regelwerks so gut wie er. Dabei geht es längst nicht nur um reine Buchhaltung, sondern um Wirtschaftspolitik auf hohem Niveau. Zu seinen größten Verdiensten bei Basel II gehört die Verteidigung der Interessen des deutschen Mittelstands: Ohne seinen vehementen Widerstand wäre die Kreditversorgung für Mittelständler unter Basel II noch schwieriger gewesen, als es ohnehin der Fall ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.09.2006