Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Kommunikator in Erklärungsnot

Von Josef Hofmann, Handelsblatt
Das Erfolgsimage von Jean-Martin Folz bei Peugeot Citroën PSA erhält Kratzer nach Gewinnwarnung.
FRANKFURT. Eine Veranstaltung ganz nach seinem Geschmack: Lob vom deutschen Umweltminister, Rückenwind von deutschen Autokäufern, verzweifelte Polemik, aber auch Anerkennung von der deutschen Konkurrenz. Jean-Martin Folz genoss die diesjährige Automobilausstellung in Frankfurt. Es schmeichelte seiner Eitelkeit, im Ökologieland Deutschland mit seinen Rußpartikelfiltern für Dieselmotoren als verantwortungsvoller Erfolgsmanager gefeiert zu werden.Das freundliche Lächeln hinter der dünnrandigen Brille konnte nicht ganz verbergen, dass der Chef des französischen Autobauers Peugeot Citroën PSA das Gefühl voll auskostete, die einst übermächtigen Konkurrenten aus dem Nachbarland vor der eigenen Haustür vorgeführt zu haben. Seine Werbemaschinerie hatte es geschafft, VW, BMW, Mercedes und andere alt aussehen zu lassen, obwohl einige deutsche Diesel-Motoren in der gesamten Emissionsbilanz besser abschnitten.

Die besten Jobs von allen

Weinkenner Folz genoss es, dass die Konkurrenten unter öffentlichem Druck nachziehen mussten. Doch kein Anzeichen von Überheblichkeit ? zumindest kein sichtbares. Schließlich ist der 56-jährige gebürtige Straßburger seit Jahren Applaus gewöhnt. Unter seiner Führung wächst PSA schneller als die meisten Wettbewerber, seit Jahren übertrifft das Unternehmen wieder und wieder seine Prognosen.Doch dann dies: In diesem Sommer muss er zum ersten Mal eingestehen, dass er seine Gewinnmarge nicht erreicht. Und am gestrigen Montag legt er schwache Zahlen für das dritte Quartal vor und schickt eine Gewinnwarnung für das Gesamtjahr hinterher. Das bislang makellose Image des französischen Vorzeigemanagers bekommt Kratzer.Nun muss er beweisen, dass er das Unternehmen wieder auf die Erfolgsstraße zurücksteuern kann. Aber in der Branche zweifelt momentan niemand ernsthaft daran, dass ihm dies gelingen wird. Zu groß sind die Verdienste des Mannes, der vor acht Jahren zu einem maroden potenziellen Übernahmekandidaten gewechselt ist und PSA seither zu einem der profitabelsten Automobilhersteller Europas umgebaut hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jean-Martin Folz - Kommunikator in Erklärungsnot Das hat auch die Familie des Firmengründers Peugeot nicht vergessen, die bei PSA mit mehr als 40 Prozent der Stimmrechte das eigentliche Sagen hat. Sie lässt Folz bislang agieren, lässt ihn in jovialer Art als Mister Peugeot auftreten. Sie hat ihn PSA nach seinem Geschmack umkrempeln und auf eine zentralistische Führung ausrichten lassen, mit ihm an der Spitze. Er nutzt die Freiheit mit Macht, aber bleibt nach außen ruhig und manchmal fast ein bisschen zu freundlich für einen Manager mit einer so steilen Karriere.Nicht als Imperator, als Kommunikator verkauft er sich. Kommunikation ist das Gebiet, auf dem der gelernte Ingenieur seine Stärken ausspielen kann. Ehemalige Weggefährten bescheinigen ihm eine ?wahnsinnig schnelle Auffassungsgabe und ein hohes Verarbeitungstempo?. Statt mit Härte versucht er es mit der Kraft der Argumente. Seine Tür in der Pariser Konzernzentrale stehe jedem offen, betonte der französische Manager des Jahres 2002 bei seinem Amtsantritt. Nur wenige Tage später rief er die Spitzenmanager des Konzerns zusammen und zeigte ihnen seinen Weg in die PSA-Zukunft. Er erschien wie immer hervorragend vorbereitet ? versorgt von einem Mitarbeiterstab, der zuweilen in Atemnot gerate bei dem Versuch, seinem Arbeitstempo zu folgen, heißt es. Dem Elsässer eilt der Ruf voraus, selbst Manager mit unterschiedlichsten Auffassungen auf eine Linie einschwören zu können: auf die Linie Folz.Die Kunst der Kommunikation hat Folz, der seine Karriere als Ministerialbeamter gestartet hat, auch bei der Strategie geholfen, PSA mit einem Geflecht von Kooperationen die Selbstständigkeit zu bewahren. Heute ist das Unternehmen mit seinen beiden Marken in Europa hinter VW die Nummer zwei, verkauft mehr als drei Millionen Autos im Jahr.Folz hat sein System über technologische Allianzen abgesichert. So baut er mit Toyota in Tschechien ein Werk für Kleinwagen, mit Ford entwickelt und fertigt er Dieselmotoren. Mit BMW baut er einen kleinen Benziner, bei Vans arbeitet er mit Fiat zusammen. Auch technologisch hat er Peugeot auf Vordermann gebracht. Die Produktion ist heute effizienter, die Qualität der Produkte besser, und die Marke Citroën hat einen Teil ihres ehemaligen Charmes zurückgewonnen. Das Unternehmen ist stark in West- und Osteuropa, in Teilen von Afrika und mit Citroën in China. Aber den Schritt in den größten Automobilmarkt der Welt, die USA, hat er ? anders als die Konkurrenz ? noch nicht gewagt.Und nun läuft auf dem Heimatmarkt Westeuropa das Geschäft schlechter. Die sinkende Nachfrage nach den margenträchtigeren Modellen der Marke Peugeot bringt die Erträge unter Druck. Doch die Genugtuung darüber dürfte sich bei den von der Rußpartikelfilter-Diskussion geschädigten Konkurrenten in Grenzen halten. Sie alle kämpfen in Europa mit Problemen.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.10.2003