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Kohl forever!

Von Rüdiger Scheidges, Handelsblatt
Zum 75. Geburtstag des Altbundeskanzlers trafen sich viele alte Freunde in Berlin. Und Helmut Kohl konnte sich über einen Freispruch durch einen Parteifreund freuen.
HB BERLIN. Major war wie Henry Kissinger und Jacques Delors Ehrengast beim Empfang der Konrad-Adenauer-Stiftung für den langjährigen CDU-Chef und Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl. Der ist ja 75 geworden. Pro Lebensjahr waren rund zehn Freunde erschienen. Vor allem aus der alten CDU, aus der scheidenden CDU, aus Kohls CDU.Vor Major hatte Bundespräsident a. D. Roman Herzog einen eigenwilligen Auftritt. In scheinbar launiger Harmlosigkeit rühmte er Kohl, dem ob seines Ehrenwortes an anonyme Spender der Partei-Ehrenvorsitz aberkannt worden war: ?Kohl hat immer Wort gehalten!? Der Professor der Rechte und Kommentator des Grundgesetzes exkulpierte jovial den langjährigen Förderer: ?Wenn einer im Wort steht, kann man nicht von ihm verlangen, dass er davon abgeht.? Keiner im glasüberdachten Barock-Hof brauchte da Interpretationshilfe: Kohls Ehrenwort geht über irdisches Maß hinaus. Dann setzte Herzog nach: Auch das ?System Kohl? habe allein auf ?Hilfsbereitschaft und Vertrauen? gefußt.

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Bei solch oberstem Freispruch ging ein Ruck der Freude durch die Kohlianer. Vor allem ein Grüppchen zeigte sich in Champagner-Laune: Da fachsimpelte über Gott und das Recht Manfred Kanther, Ex-Innenminister, mit Hans Terlinden, dem Herrn über Kohls Kassen; da kreuzten sich die blitzenden Blicke von Ex-Schatzmeisterin und Schäuble-Intimfeindin Brigitte Baumeister mit denen des Joachim Hoerster, einst CDU-Fraktionsgeschäftsführer und ebenfalls Bargeld-Verwalter; und auch Franz Josef Jung, der sich in der Spendenaffäre mit einem Mea-Culpa-Bekenntnis zwischen die Ermittler und Hessens Ministerpräsident Roland Koch warf, gefiel die Laudatio nach Herzog-Art: Das System Kohl war am historischen Ort versammelt. Womöglich zum letzten Mal.Lesen Sie auf der nächsten Seite: "Parteichefin Merkel bewegte sich durch die Reihen der CDU, als wäre dies fremdes Territorium." Doch auch solche, die unlängst erst wegen übermäßiger Nehmerqualitäten aus dem Amt gekegelt wurden, steckte der Frohsinn an: ein tiefgebräunter Laurenz Meyer, Ex-CDU-Generalsekretär, und ein aschfahler Hermann-Josef Arentz, einst CDA-Chef, folgten den Elogen mit sichtlichem Plaisir. Indes nicht allen gefiel das dreiste Treiben. ?Hofgang!? platzte da einem jungen CDU-Mann weithin vernehmbar der Kragen der Moral.Wolfgang Schäuble war erst gar nicht erschienen. Dafür seine Nachfolgerin, Parteichefin Angela Merkel. Sie bewegte sich durch die Reihen der CDU, als wäre dies fremdes Territorium. An der Tafelrunde mit Helmut Kohl und Henry Kissinger war für sie kein Fleckchen reserviert, um mit den alten Herren den ?Old Folks Boogie? anzustimmen. Wozu auch?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.04.2005