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König der Statistik

Von Thomas Nonnast
Jim Goodnight schwimmt gegen den Strom. Er ist kein Marketinggenie wie Bill Gates. Kein Popstar wie Apple-Gründer Steve Jobs. Kein Selbstdarsteller wie Larry Ellison von Oracle. Jim Goodnight gehört zwar seit Urzeiten zur Softwareszene und ist bei weitem nicht unerfolgreich. Aber er ist kein Mann für die glamourösen Auftritten. In aller Stille hat er den Softwarekonzern SAS aufgebaut ? ohne Börsengang und Übernahmen.
GENF. Jim Goodnight gehört zwar seit Urzeiten zur Softwareszene und ist bei weitem nicht unerfolgreich. Aber er ist kein Mann für glamouröse Auftritte. Er wirkt eher wie ein erfahrener Arzt, der sich und anderen nichts mehr beweisen muss. Er spricht leise und schaut, bevor er eine Frage beantwortet, erst einmal vor sich auf den Schreibtisch, wie um sich noch einmal kurz zu sammeln.?Ja, Sie haben Recht: Statistik ist die langweiligste Sache der Welt?, sagt der hoch gewachsene 63-Jährige bei einer Fachmesse in Genf. ?Aber nur, wenn sie an der Uni realitätsfern gelehrt wird.? Mit angewandter Statistik hat der Doktor der Statistik ein Vermögen verdient, rund 2,9 Milliarden Dollar, wie das US-Magazin Forbes schätzt. Mit Methoden zur Analyse großer Datenmengen hat er seinen Konzern SAS aus North-Carolina zum weltgrößten, nicht börsennotierten Softwarekonzern gemacht.

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Er hilft Riesen wie der Deutschen Telekom, der Citibank oder Nestlé, ihre Millionen Kundendaten für alle erdenklichen Zusammenhänge auszuwerten. ?Business Intelligence? nennt sich die Sparte, die zu den heißesten Wachstumsmärkten für Unternehmenssoftware gehört. Ein Gebiet, in das auch SAS-Konkurrenten wie SAP mit Macht drängen.Keine Angst vor SAPVor dem deutschen Konzern aus Walldorf ist Goodnight aber nicht bange. ?Jeder SAP-Kunde braucht im Grunde SAS-Software, um die analytischen Werkzeuge zu haben, die SAP nicht liefert?, ist er überzeugt. Unternehmenschef Goodnight, dem siebzig Prozent von SAS gehören, vertraut auch auf seinen großen Vorsprung in diesem Geschäft.Bereits in den frühen siebziger Jahren startet er. Als Doktorand im Fach Statistik an der North Carolina State University entwickelt er mit Kollegen für die aufkommenden Großrechner von IBM ein Softwareprogramm, dass aus einer großen Menge landwirtschaftlicher Daten die optimale Saatgutmenge errechnen soll. Das Ergebnis ist ein Programm mit dem nüchternen Namen ?Statistical Analysis Software? ? kurz SAS.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Rasantes Wachstum.Schnell ist klar, dass sich die Software ebenso gut für die Analyse anderer Daten eignet. Und zusammen mit drei Uni-Kollegen ruft Goodnight 1976 das SAS Institute ins Leben ? vier Jahre nachdem Microsoft und zwei Jahre nachdem SAP gegründet wurden.Seitdem wächst SAS kontinuierlich. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres stieg der Umsatz gegenüber dem Vorjahr um mehr als zehn Prozent. Im gesamten Geschäftsjahr 2005 kletterte der Umsatz ebenfalls um zehn Prozent auf 1,68 Milliarden Dollar. Das Unternehmen, das heute weltweit 10 000 Mitarbeiter beschäftigt, sei ?im 29. Jahr in Folge profitabel?, sagt Goodnight stolz.Aber wie viel er mit seiner Software verdient, die er im Gegensatz zu vielen Konkurrenten nicht als Lizenz für die dauerhafte Nutzung verkauft, sondern für die Dauer von jeweils einem Jahr vermietet, behält der Unternehmer für sich. Über den Daumen gepeilt, sind jedoch Nettogewinne von 25 Prozent des Umsatzes in der Branche nicht unüblich.Übernahmen? Börsengang? Kein Interesse!Und derzeit sieht es nicht so aus, als würde sich das Blatt auf absehbare Zeit gegen ihn wenden. Bereits seit einigen Jahren wächst der Softwaremarkt für die Analyse der zunehmenden Datenberge stark. So versuchen Unternehmen damit, die Kunden herauszufiltern, die auf Grund des Datenprofils gerade mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen Wechsel zur Konkurrenz nachdenken.Doch obwohl das Geschäft derzeit blendend läuft, will sich Goodnight nicht an der laufenden Übernahme- und Fusionswelle in der Softwareindustrie beteiligen. An einem Kauf von direkten Konkurrenten wie Cognos ist Goodnight nicht interessiert. ?Wir bevorzugen den Verdrängungswettbewerb, anstatt uns Marktanteile zu kaufen?, sagt er klipp und klar.Und ein Börsengang? Solchen Plänen hat er zuletzt 2001 eine Absage erteilt. Denn das könnte eine Gefahr für die universitäre Firmenkultur des Unternehmens sein, das immer noch ?SAS Institute? heißt. Und noch immer nennen die Mitarbeiter ihren Chef nicht amerikanisch-locker ?Jim?, sondern ?Dr. Goodnight?.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Privilegien fürs Personal.Zudem genießt das SAS-Personal viele Privilegien, die bei der Gesundheitsfürsorge anfangen und beim Bau eigener Kindergärten und einer Schule auf dem 80 Hektar großen, parkähnlichen Firmencampus aufhören. Dementsprechend gering ist die Fluktuation: Gerade einmal vier Prozent der Mitarbeiter pro Jahr gehen, das ist weniger als ein Drittel der in der Softwarebranche üblichen Fluktuation. Gerade dies sei aber ein Problem, sagen Kritiker, SAS schmore zuweilen sehr im ?eigenen Saft?.Goodnights Engagement für Bildung kommt nicht von ungefähr. Er macht sich vor allem Sorgen über den mangelnden akademischen Nachwuchs in den USA und Europa. ?Sollte sich das nicht ändern, werden wir den Wettlauf mit Asien verlieren?, warnt er. ?SAS forscht heute in North Carolina, Kopenhagen, Heidelberg und Tokio; aber auch in Indien und China. Als globales Unternehmen werden wir die nötigen Ressourcen dort nutzen, wo wir sie finden.?Über seine eigene Zukunft und seine Nachfolge als Chief Executive Officer (CEO) von SAS hält sich Goodnight dagegen bedeckt. Mitarbeiter erzählen, dass der verheiratete Vater dreier Kinder seine knappe Zeit noch immer am liebsten mit Softwareentwicklern verbringt. ?Ich werde noch mindestens 20 Jahre im Unternehmen sein?, versichert der 63-Jährige. Doch in diesem Fall arbeitet die Statistik gegen ihn.
KurzvitaJIM GOODNIGHT1943: Er wird in North Carolina geboren. An der NC State University studiert er Statistik. Bis 1976 arbeitet der promovierte Wissenschaftler an der Uni.1976: Mit Kollegen gründet Goodnight die Softwarefirma SAS Institute. SAS programmiert Software zur Auswertung von großen Datenmengen.1996: Der Amerikaner ruft eine Privatuniversität ins Leben.2000: Er entscheidet sich gegen einen Börsengang. SAS bleibt in Privatbesitz.2006: SAS wird 30 Jahre alt. Goodnight steht als CEO und Chairman weiter an der Spitze.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.07.2006