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König der Buddler

Thomas Knüwer
Erst hat Kevin Rose sein Informatik-Studium abgebrochen. Dann war der 31-Jährige Programmierer, dann TV-Moderator. Nun führt er eines der heißesten Unternehmen der Web-2.0-Szene: die Nachrichtenseite Digg.com. Bald soll es sie auch auf Deutsch geben.
SAN FRANCISCO. Olivgrünes T-Shirt, modische Wollmütze auf dem Kopf, fröhliches Lächeln ? so begrüßt er seinen Besucher. Es scheint, im Leben von Kevin Rose habe sich nichts geändert seit dem August 2006. Außer der T-Shirt-Farbe, zugegeben.Dunkelgrau war das kurzärmelige Hemd damals, als Rose mit hochgestreckten Daumen auf dem Titel des Wirtschaftsmagazins ?Business Week? erschien. Schlagzeile: ?Wie dieser Junge 60 Millionen Dollar in 18 Monaten machte?.

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Zum ersten Mal berichtete eines der großen Blätter über jene neue Generation der Internetgründer, die das Silicon Valley unter der Flagge ?Web 2.0? aufmischten: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, zum Beispiel, Brad Fitzpatrick, Gründer der Weblog-Plattform Live Journal, und eben Rose als Kopf von Digg.com. Vielleicht begann damals der Medienrummel rund um das Kürzel 2.0.Die Nutzer von Digg (von ?dig?, Englisch für ?graben?) buddeln im Netz nach Nachrichten, Artikeln oder Videos. Andere Nutzer können den Beiträgen dann ihre Stimme geben. Somit entsteht eine neue Art der Nachrichtengewichtung, eine Nachrichtenseite, gestaltet von Lesern.?Wenn man auf dem Titel der ,Business Week? landet, kann einem das nur nutzen?, sagt Rose heute. Wenn er von solchen Plänen erzählt, wirkt alles ganz einfach, ganz unangestrengt. Vielleicht auch, weil er Investoren wie Ebay-Mitgründer Pierre Omidyar als Aktionär hinter sich weiß. Vielleicht ist er auch deshalb so entspannt, weil Digg nicht in der manchmal inzestuösen Nachbarschaft des Silicon Valleys sitzt, sondern in San Francisco. Und dort nicht im Gründerviertel Mission, sondern in einem Lagerhaus nahe dem Hafen. Besucher begrüßt erst die Rezeptionistin und dann der Firmenhund. Keine Sorge, er beißt nicht.Genauso wenig wie der Chef. Rose gilt als zugänglich, freundlich und angenehm bodenständig. Leicht nach vorn gerutscht sitzt der 31-Jährige im Konferenzstuhl, hinter ihm ein Tresen mit Preisen und Lobartikeln. Neu ist die Affen-Statue Crunchie, eine Art Selbstbejubelung der Web-2.0-Szene. Digg bekam die Auszeichnung als beste Seite mit Inhalten, die von den Nutzern erzeugt wurden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auf Seite 1 der "Business Week"Neben dem Crunchie steht eingerahmt jenes ?Business Week?-Titelblatt, das Rose auch viel Kritik einbrachte: 60 Millionen Dollar hatte er bestenfalls auf dem Papier gemacht ? so hoch wurde sein Anteil an Digg damals geschätzt. Und die ?neue ,New York Times??, wie die ?Business Week? glaubte, war die Firma bestenfalls aus Sicht sensationsheischender Journalisten. So mancher ahnte schon die nächste Internetblase herannahen. Für Rose kein Problem: ?Dieser Artikel hat unsere Bekanntheit schlagartig gesteigert ? weltweit.?Heute zählt Digg 25 Millionen Besucher und 230 Millionen Seitenabrufe monatlich. ?Wir sind ein großer, gemeinschaftlich arbeitender Filter für Informationen und Nachrichten?, sagt Rose. Der Branchendienst Webware meint: ?Digg ist bekannt für seine sehr eng verflochtene Community.? Das sei zwar einerseits ein Erfolg ? aber es sei für Außenseiter schwer, dort Fuß zu fassen.Die guten Klickzahlen erzeugen Nachahmer. In Deutschland heißen sie Yigg und Mister Wong und Webnews (das ebenso wie das Handelsblatt Teil der Verlagsgruppe Holtzbrinck ist). Rose verzieht ob dieser Namen ratlos die Mundwinkel: ?Mister Wong habe ich schon mal gehört. Aber, nein, ich habe mir diese Seite noch nicht angeschaut.?Er sieht Digg auch so auf der stärkeren Seite: ?Wir haben den Vorteil einer sehr guten technischen Basis und eines exzellenten Teams.? Deshalb plant er, mit einer deutschsprachigen Seite die Kopierer der Idee in den nächsten 12 bis 24 Monaten anzugreifen: ?Die Planungen sind da, einen genauen Zeitplan gibt es noch nicht.?Nicht jeder aber mag Digg. David Weinberger, Autor und Web-Vordenker, mangelt es an Qualität der vorgeschlagenen Nachrichten: ?Digg ist eine Art Boulevardzeitung für Techies. Dafür gibt es offensichtlich einen Bedarf. Aber es wäre traurig, wenn dies die einzige Informationsquelle wäre.?Rose kontert: ?Welche Nachrichten oben landen, hängt vom Tag ab. Vor dem Super Tuesday, dem großen Vorwahltag, waren sieben der zehn Geschichten mit den meisten Stimmen politische Artikel.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Gerüchte um Bietergefecht von Microsoft und Google Es ist im Jahr 2004, als Rose auf die Idee mit Digg kommt. Er arbeitet damals als Co-Moderator der Fernsehshow ?The Screen Savers?, die auf dem kleinen High-Tech-orientierten Sender Tech TV läuft. Sein Lebenslauf bis dahin ist typisch für jene Ameisen des digitalen Booms: In Las Vegas, wo er auch aufgewachsen ist, studiert Rose Informatik. 1999 bricht er ab ? Startups locken mit fetten Gehältern. Nach dem Platzen der Dotcomblase findet er bei Tech TV Unterschlupf als Produktionsassistent ? und steigt auf zum Moderator. 2005 verlässt er den inzwischen mit dem Rivalen G4 fusionierten Sender und startet Revision 3, eine Produktionsfirma für Pod- und Videocasts.Doch eigentlich will er etwas Größeres aufbauen. 2 200 Dollar sind im Dezember 2004 das Anfangsinvestment für Rose und seine drei Freunde.Das Digg-Konzept lieben jene, die glauben, Internetnutzer könnten besser entscheiden, was sie lesen wollen, als Redaktionen. Dazu gehören Ebay-Mitgründer Pierre Omidyar und Netscape-Vater Marc Andreessen. Mit der Risikokapitalfirma Greylock investierten sie über 11,3 Millionen Dollar. Reicht das??Wir suchen keine neuen Geldgeber?, sagt Rose ? obwohl Gerüchte aufkamen, Digg werde zum Objekt eines Bieterkampfes zwischen Google und Microsoft. Verhandlungsbasis: 300 Millionen Dollar.Auch ohne frisches Kapital will Rose Digg ausbauen. Schon bald sollen Nutzer aufgrund ihres Abstimmungsverhaltens Empfehlungen bekommen ? ähnlich wie beim Onlinehändler Amazon, bei dem es heißt: ?Kunden, die dieses Buch gekauft haben, haben auch jenes gekauft.? Außerdem soll sich die Digg-Gemeinde untereinander vernetzen.Aber Kevin Rose mag auch nicht vom Videobloggen lassen: Mit seinem Freund Alex Albrecht moderiert er die wöchentliche Web-TV-Show ?Diggnation?. Das Prinzip: Zwei Kumpel sitzen auf einer Couch, kritisieren Biere und Weine und reden über Internet-Themen.Wie viele Menschen schauen sich das an? Rose überlegt kurz, dann sagt er ganz locker: ?Och, so um 250 000? ? mehr als mancher TV-Sender zur besten Sendezeit.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Eine Internet-KarriereKevin Rose1977
Er wird am 21. Februar geboren und wächst vor allem in Las Vegas auf.
1999
Kevin Rose bricht sein Informatikstudium in Las Vegas ab. Für die Technologieholding CMGI arbeitet er bei Neugründungen. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase geht er als Produktionsassistent zum Sender Tech TV. Der Sender wird dann mit dem Rivalen G4 fusioniert.
2004
Er finanziert mit seinen Ersparnissen die ersten Arbeiten an Digg. Im Dezember geht die Seite online.
2005
Rose scheidet bei G4 aus und konzentriert sich auf Digg und sein Podcast-Unternehmen Revision 3. Im Herbst erhält Digg 2,8 Millionen Dollar Kapital.
2006
Er landet auf dem Titel der ?Business Week?.
2007
Er hilft bei der Gründung des Kurznachrichtendienstes Pownce.
Dieser Artikel ist erschienen am 12.03.2008