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Köln goes international

Christoph Mohr
Foto: John M. John
Als einzige deutsche Hochschule bietet die Uni Köln ihren Studenten ein verlockendes Bonbon: die Aufnahme in das europaweite Business-School- und Unternehmensnetzwerk CEMS.
Das ist ja genau das, was in unseren geheimen Strategiepapieren steht!" Doris Krüger, Personalerin bei der Lufthansa AG, kam aus dem Staunen nicht heraus. Die vier Studenten, die sich mit dem "Fall" Lufthansa beschäftigt hatten, waren offenbar zu denselben Lösungsansätzen gekommen wie die Strategen des Luftfahrtkonzerns selbst.

Muss die Lufthansa wegen der Folgen des 11. September ihre Allianzstrategie ändern? über dieser Fallstudie, kurz Case genannt, hatten Studenten aus ganz Europa zwei Tage lang geschwitzt. Ort der Handlung: die CEMS Case Challenge in Köln, ein Studentenwettbewerb, der alljährlich von der Community of European Management Schools (CEMS) organisiert wird.

Die besten Jobs von allen


Das hört sich nach großer Gaudi für BWLer an: Spielen wir einmal Lufthansa-Boss, brechen wir die Allianz mit anderen Airlines, verkaufen Konzerntöchter. Doch den 15 Teams war die Sache ziemlich ernst. Wer es nicht über die Ausscheidungsrunde hinaus schaffte, blickte ziemlich bedröppelt drein.

Einen Tag lang brüteten die Studenten in vier- oder fünfköpfigen Gruppen über dem dickleibigen Dossier, wälzten Zahlen und Dokumente. Viele von ihnen schlugen sich sogar die Nacht um die Ohren, um dann am nächsten Morgen ihre Unternehmensstrategie zu präsentieren - auf Englisch und mit Powerpoint.

Am Ende gewannen vier junge Finninnen - das einzige rein weibliche Team - der Helsinki School of Economics & Business Administration (HSEBA), vor der London School of Economics und der Erasmus Universiteit Rotterdam. Der Jury gefiel neben ihrer Analysefähigkeit vor allem der Mut der Studentinnen.

CEMS versteht sich als Netzwerk der besten Wirtschaftshochschulen und Business Schools in Europa. Pro Land wird nur eine Einrichtung aufgenommen. Zu den Gründungsmitgliedern Universität Köln, HEC (Paris), Esade (Barcelona) und Bocconi (Mailand) gesellten sich im Laufe der Jahre so klangvolle Namen wie die London School of Economics (LSE), die Erasmus Universiteit Rotterdam oder die Universität St. Gallen (HSG).

Kuscheln mit Unternehmen

Heute zählt CEMS 17 Partneruniversitäten und 59 Corporate Partners - das sind Unternehmen, die CEMS finanziell und ideell unterstützen, deren Studenten Praktika anbieten oder sie später einstellen.

Um CEMS-Student zu werden, müssen Kölner Studenten - nur diese können in Deutschland am Programm teilnehmen - ein nicht sehr selektives Auswahlverfahren durchlaufen: Etwa 80 von 150 Bewerbern schaffen jährlich die Aufnahme. Für sie ist ein Studienaufenthalt an einer der Partneruniversitäten des Netzwerks vorgesehen.

Doch "CEMS ist viel mehr als Studentenaustausch", sagt fast entrüstet Programme Development Director Christi Degen. "Es wird zu einem eigenständigen Studienprogramm." So soll es in Zukunft beispielsweise eigene Kurse nur für CEMS-Studenten geben, außerdem Blockseminare und so genannte Skill-Seminare zum Einüben der Soft Skills.

Von besonderem Interesse ist dabei die angestrebte enge Kooperation mit der Wirtschaft. So sollen die Partnerunternehmen in Zukunft die Inhalte der CEMS-Kurse mitentwickeln. Bei den so genannten Business Projects werden die Studenten als Berater für Unternehmen arbeiten und dort einen Tutor haben. Damit sollen sie - wie an den führenden Business Schools schon üblich - einen hautnahen Einblick in die Unternehmensrealität bekommen. Den Abschluss des Studienjahres bildet eine Konferenz mit 300 CEMS-Studenten aus ganz Europa.

Sehr interessant für Studenten dürfte auch eine andere Entwicklung sein: "Wir arbeiten an einem gemeinsamen CEMS-PhD-Programm", verrät der Kölner Hochschulprofessor Werner Delfmann, der gegenwärtig ebenfalls als CEMS-Chairman fungiert.

Und welche Vorteile bringt es auf dem Arbeitsmarkt, CEMS-Student zu sein? Wie eine Umfrage unter den Corporate Partners des Netzwerks zeigt, interessiert diese vor allem die Rekrutierung. Im "War for Talents" bietet CEMS einen interessanten Fischteich von potenziellen Bewerbern.

"EADS als tri-nationales Unternehmen sucht Mitarbeiter, die eine internationale Ausbildung erhalten haben und die in der interkulturellen Arbeitsweise erfahren sind", sagt zum Beispiel Pablo Salame-Fischer, Vice President Personnel Marketing des Luftfahrtkonzerns. "CEMS stellt da eine hervorragende Plattform für die Nachwuchsrekrutierung dar." Auch Sonja Fleischer-Atorf von Procter & Gamble schätzt das Netzwerk: "Durch CEMS bekommen wir frühzeitig Kontakt mit exzellent ausgebildeten Studenten, die schon während des Studiums gelernt haben, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden."

Bislang scheint es CEMS aber nicht gelungen zu sein, ein wirkliches Qualitätslabel darzustellen. "Absolventen von CEMS-Universitäten sind im Durchschnitt good quality", sagt zwar Anita Van Mieghem vom Eurograduate Recruitment beim ölmulti BP. "Aber es ist kein besonderer Vorteil, CEMS-Student gewesen zu sein." Ähnlich äußert sich Olivia Leydenfrost vom Rückversicherer Swiss Re: "Manche CEMS-Studenten sind wirklich herausragend, andere lassen die Reife vermissen, nach der wir suchen."

Fazit: Unternehmen interessieren sich für CEMS-Absolventen, weil sie eine europäische Ausbildung haben, nicht weil sie durchweg überragend gut sind

Case Studies

Case Studies (Fallstudien), erstmals in den 20er-Jahren an der Harvard Business School (HBS) entwickelt, gehören heute zur Standardlehrmethode aller führenden Business Schools weltweit. Damit unterscheidet sich ein Studium an einer Business School grundlegend von einem BWL-Studium an einer deutschen Hochschule.

Eine Fallstudie beschreibt ein reales Problem, dem sich ein Unternehmen gegenübersieht. Was ist in dieser Situation zu tun? Die Arbeit an dem Fall simuliert die reale Entscheidungssituation: einige Informationen fehlen, und natürlich drängt die Zeit. Trainiert werden schnelle Analyse, Arbeit in der Gruppe und Präsentation.

Die Verbreitung von Fallstudien ist unterschiedlich. Business Schools in Europa arbeiten weniger mit ihnen, US-Schulen dagegen mehr. An der HBS sind Case Studies die Lehrmethode schlechthin. Sehr intensiv setzt sie auch die Ivey School of Business an der University of Western Ontario (Kanada) ein, die beste nordamerikanische Business School außerhalb der USA. An die 600 Case Studies muss ein MBA-Student dort während seines zweijährigen Studiums bewältigen.

An der Stanford Graduate School of Business in Kalifornien, ebenfalls immer ein Anwärter auf den Titel der besten US-Business-School, macht die Arbeit an Case Studies hingegen nur 50 Prozent des MBA-Studiums aus, an der Sloan School of Management (MIT) lediglich ein Drittel.

In Europa zeichnet sich ein sehr unterschiedliches Bild. Während einige Business Schools praktisch überhaupt keine Case Studies verwenden, muss ein MBA-Student am Insead, Fontainebleau, während seines Studiums zirka 150 Fälle bewältigen. An der Cranfield School of Management, einer der besten Business Schools in Großbritannien, nehmen Case Studies ungefähr 40 Prozent des MBA-Studiums ein. Das entspricht etwa 300 zu bearbeitenden Fällen in einem Jahr.

Eine Case Study zu erstellen, ist extrem zeit- und kostenaufwändig. Die Forscher führen über Wochen Interviews mit Schlüsselfiguren in dem jeweiligen Unternehmen. Das setzt voraus, dass ein Unternehmen sich Außenstehenden öffnet und Einblicke in Unternehmensabläufe und -zahlen gewährt.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2001