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Knapp vorbei ist auch daneben

Georg M. Oswald
Mein Freund Bellmann ist ein absoluter Bewerbungsprofi. Ich kenne keinen, der sich gewissenhafter vorbereitet. Schon seit dem vierten Semester hat er neben seiner Tageszeitung noch zwei weitere internationale Businessblätter abonniert und studiert täglich sämtliche Wirtschaftsnachrichten. In seinem PC hat er Dossiers über die 300 ansprechendsten Unternehmen angelegt, denen seine Bewerbung in Aussicht steht. Er aktualisiert seine Daten ständig und hat ein Ranking entworfen, das er nach bestimmten Indikatoren wöchentlich neu berechnet.
Mein Freund Bellmann ist ein absoluter Bewerbungsprofi. Ich kenne keinen, der sich gewissenhafter vorbereitet. Schon seit dem vierten Semester hat er neben seiner Tageszeitung noch zwei weitere internationale Businessblätter abonniert und studiert täglich sämtliche Wirtschaftsnachrichten. In seinem PC hat er Dossiers über die 300 ansprechendsten Unternehmen angelegt, denen seine Bewerbung in Aussicht steht. Er aktualisiert seine Daten ständig und hat ein Ranking entworfen, das er nach bestimmten Indikatoren wöchentlich neu berechnet.

Von entscheidender Bedeutung sind: Der Geschäftsbericht, die Tagesordnung der nächsten Hauptversammlung, die Entwicklung der Börsennotierung in den letzten zwölf Monaten, die Personalpolitik in den letzten vier Jahren ­ Entlassungen, Neueinstellungen und wie sie sich wiederum auf den Aktienkurs ausgewirkt haben ­, der objektive Sympathiewert des Produkts oder der Dienstleistung im Spiegel der Medien, eventuelle Skandale oder positive Besonderheiten, Altersstruktur und wirtschaftspolitische Ausrichtung der Führungsspitze, Kon- sequenz in der Durchsetzung öffentlich formulierter Unternehmensziele. Es fließen noch eine ganze Menge anderer Faktoren ein, die mir gerade nicht einfallen, die aber zusammen eine absolut stichhaltige Bewertungshierarchie ergeben.

Die besten Jobs von allen


Im letzten Herbst hat Bellmann das Examen bestanden. Als ich ihn fragte wie, nannte er keine Note, sondern sagte lässig grinsend: "Oberes Mittelfeld." Genau die Antwort, die er auch in einem Bewerbungsgespräch geben würde, erläuterte er, natürlich nur, falls über die eingereichten Unterlagen hinaus eine Selbsteinschätzung von ihm gewünscht würde.

Die meisten, die gleichzeitig mit ihm abgeschlossen hatten, blätterten danach eilig den Stellenteil der Wochenendzeitung durch, stopften nach den mündlichen Prüfungen noch schnell ein paar Bewerbungen in den Briefkasten, und dann fuhren sie für ein, zwei Monate in Urlaub ­ das letzte Mal, bevor, wie sie sagten, der Ernst des Lebens beginnen würde. Nicht so Bellmann, der gerade in jenen Tagen jeden noch so heimlichen Gedanken an Freizeit entschieden verworfen hätte ­ wenn ihm ein solcher überhaupt in den Sinn gekommen wäre. Er, der nach seinem Abschluss nichts anderes mehr trug als dreiteilige Anzüge mit Krawatte, auch wenn er den ganzen Tag zu Hause verbrachte, hatte Wichtigeres zu tun. Zunächst galt es, ein Bewerbungsfoto anfertigen zu lassen, das seinen Ansprüchen gerecht wurde.

Da ihm zuverlässige Kriterien nicht zur Verfügung standen, und er sich auf zweifelhafte Empfehlungen schludriger Mitbewerber nicht verlassen wollte, machte er sich zu Fuß auf und begutachtete die Schaufenster sämtlicher Bewerbungsfotografen aus dem Branchenverzeichnis. Was er zu sehen bekam, war ernüchternd. Schließlich vertraute er sich einem Meisterfotografen an, der auch schon den bayerischen Ministerpräsidenten porträtiert hatte.

Nach mehreren Sitzungen war er im Besitz eines Bildes, das ihn zwar nicht begeisterte, aber doch wenigstens den Mindestanforderungen genügte. Es zeigte Bellmanns eher unauffälligen Kopf leicht geneigt und zur Seite gedreht, als höre er gerade interessiert, aber bestimmt nicht leutselig einem subalternen Mitarbeiter bei seinem Bericht zu. Bellmanns Blick zielte nicht auf den Betrachter, vielmehr ein wenig über ihn hinweg, was der Pose etwas Visionäres verlieh. Diesen Eindruck verstärkte sein kantiges Kinn, über dem ein kontrolliertes, selbstsicheres Lächeln eingefroren war, das ein für allemal die unerschütterliche Überlegenheit seines Besitzers dokumentierte.

Die Bewerbungsmappen, die er anfertigte, waren schlechterdings perfekt. Tadelloser Lebenslauf, Zeugnisse, die sich sehen lassen konnten, beachtliche Referenzen, ein ausdrucksstarkes Foto, kein störendes Stäubchen, kein lästiger Knick.

Bei der Auswahl der Unternehmen, die er mit diesen Mappen bedachte, ging er nach seinem aktualisierten Ranking vor. Fiel eins der Unternehmen, an die er seine Unterlagen geschickt hatte, in der folgenden Woche zurück, ging er nicht so weit, seine Bewerbung zurückzuziehen. Schließlich konnte sich die Entwicklung in der nächsten Woche umkehren. Der Markt ist ein lebendiges Gebilde, und Bellmann weiß das.

Ist es ein Wunder, dass er mit Einladungen zu Vorstellungsgesprächen überhäuft wird? Er lässt auch dann nichts im Argen, geht vorher ins Fitnessstudio und anschließend ins Solarium. Und wenn er zu seinem Interview einläuft, scheint es so, als flögen ihm die Herzen zu. Aber Bellmann hat bis heute keinen Job. Woran das liegt? Ich habe keine Ahnung. Er übrigens auch nicht. Alle paar Tage ruft er mich an und wiederholt:

"Thomas! Die haben abgesagt."

"WAAS? Wissen die eigentlich, was die sich entgehen lassen?"

"Das ist ja das Absurde. Genau das haben die auch gesagt: Wir wissen genau, was wir verpassen. Aber wir haben uns anders entschieden."
Dieser Artikel ist erschienen am 18.04.2001