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Während in den USA ein Web-College nach dem anderen floppt, sprießt das Online-Studium an deutschen Unis langsam aber stetig. Meist als Ergänzung zur Präsenzlehre oder als Weiterbildungsangebot für Berufstätige.

Willkommen in der Cyber-Uni

Welche Krankheit war das noch gleich? Verdammt, genau, eine Hyperbilirubinanämie, so hätte die Diagnose lauten müssen. Seinen ersten Notfall vergisst Oliver Emmler, 30, wahrscheinlich nie: ein Kind mit dieser Bluterkrankung. Bloß keine Zeit verlieren, dachte der Medizinstudent vor zwei Jahren, untersuchte den Patienten hektisch und tippte seine Fehldiagnose in den Rechner. Das Kleinkind lief in der Zwischenzeit tintenblau an. "Meine Reaktion war: Was soll's?", erzählt Oliver und muss lachen. Rettung fand er auf dem Bildschirm, in der Menüleiste links: "Zum Erste-Hilfe-Kurs klicken Sie auf weiter."

Bei virtuellen Patienten kommen keine Gefühle auf. Es geht schließlich nicht um Leben und Tod. "Um Diagnostizieren zu üben, sind Online-Kurse klasse", sagt der Heidelberger Medizinstudent Emmler. Kranke therapieren, an dreidimensionalen Hirnen schnippeln - wie an der Uni Heidelberg hantieren viele angehende Ärzte mit Maus und Monitor, bevor sie zum Operationsbesteck greifen.

Neben den Informatikern haben die Mediziner virtuelle Lernplattformen als Erste für sich entdeckt. Seit dem Internet-Boom Ende der 90er ziehen andere Fächer nach. Jedes Semester wächst die Datenbank, in der die Bund-Länder-Kommission Online-Angebote aller Hochschulen sammelt. 1.700 Seminare, Skripte, interaktive Lernsysteme und Studiengänge spuckt www.studieren-im-netz.de zurzeit aus. Für Juristen gibt es Übungen zum Bürgerlichen Recht, Germanisten können die "Einführung in die historische Sprachwissenschaft" vor dem Computer absolvieren. Wer in München studiert und sich für ein Angebot an der Uni Hamburg interessiert, lässt sich dafür als Gasthörer registrieren und kann auf den Online-Baustein zugreifen.

So grenzenlos, wie man auf den ersten Blick meint, ist das Lernen im weltweiten Netz allerdings nicht. Oft sträuben sich die heimischen Fachbereiche, Leistungen anzuerkennen, die an einer anderen Hochschule erbracht wurden. Manchmal steckt Eitelkeit dahinter. Oder aber die Sorge, Studenten einen "Schein zum Spartarif" auszustellen.

Völlig unberechtigt, meint Folker Schrödel, der die Website "Studieren im Netz" betreut. "Ein Professor, der sein Angebot bei uns einträgt, will sich nicht mit Müll blamieren." Die Redaktion plant außerdem ein Rezensionssystem, in dem Nutzer ihre Kritik eintragen können. Außerdem sollen die virtuellen Module mit so genannten Credit Points versehen werden. "So kann man Leistungen besser vergleichen, und der Wechsel zwischen den Hochschulen wird einfacher", erklärt Schrödel. Das dürfte jedoch noch einige Jahre dauern. Bis dahin sollten Studenten, die anderswo einen Schein machen wollen, zuerst die Anerkennungsfrage mit ihrer Fakultät klären.

Seifenblase Cyber-Uni
Das Gros der Jungakademiker hat ohnehin noch nichts mit virtuellem Studieren am Hut. Zwar geht das Statistische Bundesamt von einer "relevanten Zahl" aus und hat deshalb die Länder um Schätzungen gebeten. Fest steht aber schon jetzt, dass sich eine Prognose der Bertelsmann-Stiftung nicht erfüllt: Laut der im Dotcom-Rausch veröffentlichten Studie sollte im Jahr 2005 jeder zweite Student an einer Internet-Hochschule eingeschrieben sein. Mit Blick auf die USA ist man heute froh, dass die Universitäten hierzulande den euphorischen Prognosen nicht gefolgt sind. 100 Millionen US-Dollar wurden dort in Cyber-Unis gesteckt, die nach und nach Pleite gehen.

"Deutsche Hochschulen haben weniger Gas gegeben, dafür dürften ihre Konzepte langlebiger sein", sagt der Hamburger Hochschuldidaktiker und Multimedia-Experte Rolf Schulmeister. Statt auf die virtuelle Hochschule im amerikanischen Sinn zu setzen und wie wild Online-Ableger zu gründen, reicherten sie Präsenzstudiengänge mit E-Learning an. Auf diese Ergänzung möchte Medizinstudent Emmler nicht verzichten: "Ich kann einen Fall bearbeiten, wenn ich Zeit dazu habe. Allein erziehende Eltern zum Beispiel können virtuell nachholen, was sie in einer Vorlesung verpasst haben."

Notebook statt Kuli
Eltern, Berufstätige, Behinderte oder Deutsche, die im Ausland leben - für die klassische Klientel von Fernstudiengängen ist das Lernen dank virtueller Seminare und Chats abwechslungsreicher und geselliger geworden. 100 Fernstudiengänge mit netzbasierten Komponenten sind unter www.studieren-im-netz.de gelistet; die meisten sind weiterbildende Maßnahmen. Federführend ist die Fern-Uni Hagen, der mit 60.000 Studenten größte Anbieter im Land; schließlich hat sie einen Erfahrungsvorsprung von fast drei Jahrzehnten. Auch 20 reine Online-Studiengänge sind in den vergangenen zwei Jahren entstanden. Das Qualitätsproblem stellt sich hier nicht. Fürs Studium virtuale gilt genauso wie für herkömmliche Angebote: Ohne Gütesiegel von einer unabhängigen Akkreditierungsagentur dürfen sie nicht starten.

Eine teure Angelegenheit, wenn Grafiker und Programmierer aus Skripten Videos, Animationen und Grafiken basteln oder Studenten mit Notebooks ausgestattet werden sollen. 290 Millionen Euro macht das Bundesbildungsministerium bis 2004 locker, um Multimedia in der Hochschullehre voranzutreiben. Am länderübergreifenden "Bundesleitprojekt Virtuelle Fachhochschule" sind sieben Fachhochschulen beteiligt, darunter die Fachhochschulen Lübeck und Berlin. 100 Mitarbeiter haben die Online-Studiengänge Medieninformatik und Wirtschaftsingenieurwesen entwickelt. Die ersten 300 Bachelor- und Diplom-Anwärter sind an einer der Verbundhochschulen eingeschrieben. Zwei Drittel arbeiten nebenher voll.

Virtuell = mehr Betreuung
Semesterferien können auch ihre Dozenten vorerst vergessen. E-Mails beantworten sie innerhalb 24 Stunden, Inhalte müssen ständig aktualisiert werden. Ein Online-Student benötigt ungefähr das Dreifache an Betreuung, schätzen Experten. Haltlos mittlerweile die Befürchtung, mit dem virtuellen Studium würden Dozentenstellen wegrationalisiert. Um die Kosten einzuspielen, planen die Verbundhochschulen fürs nächste Wintersemester gebührenpflichtige Weiterbildungsangebote.

Auch andere Unis haben zahlende Kunden im Visier, die sich neben dem Job weiter qualifizieren möchten. Denn auch das lehrt der amerikanische Web-College-Flop: Beim Erststudium zählt für die Masse der Studenten Geselligkeit mindestens genauso viel wie die Ausbildung. Ein komplettes Online-Studium kommt nur als Notlösung in Frage. Und bei einigen Fächern verbietet es sich von vornherein, weiß Medizinstudent Oliver Emmler. "Wer würde sich bei einem Arzt unters Messer legen, der nur virtuell studiert hat?"

Liane Borghardt

Die besten Jobs von allen

Willkommen in der Cyber-Uni

www.studieren-im-netz.de
Überregionaler Überblick über Studienangebote im Internet: Die Bund-Länder-Kommission (BLK) listet sämtliche virtuellen Module und Studiengänge an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien auf; jeweils mit Links zu den Angeboten. Zurzeit umfasst die Datenbank 1.700 Einträge. Die BLK berät die Regierungschefs des Bundes und der Länder.

www.vhb.org
Die "Virtuelle Hochschule Bayern" (VHB) will die multimediale Hochschullehre vorantreiben. Auf ihrer Website sammelt sie Online-Angebote aller bayerischen Hochschulen. Im laufenden Wintersemester sind das 43 Kurse in Informatik, Medizin, Schlüsselqualifikationen, Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften. Weil die Angebote aus Landesmitteln finanziert werden, können nur Studenten der beteiligten bayerischen Präsenzhochschulen daran teilnehmen. Wer nicht studiert, kann sich als Gasthörer an einer der Trägerhochschulen einschreiben und dann für einen Online-Kurs registrieren. Momentan gibt es nur Angebote fürs Erststudium. Kostenpflichtige Weiterbildungsangebote sollen ab 2003 hinzukommen.

www.vcrp.de
Der "Virtuelle Campus Rheinland-Pfalz" (VCRP) informiert auf ihrem Portal über Online-Veranstaltungen von 14 rheinland-pfälzischen Hochschulen. Zurzeit sind 460 Angebote von A wie Architektur bis W wie Wirtschaftswissenschaften erfasst.

www.virtuelle-hochschule.de
Auf dieser Website wird vorgestellt, was sich an Baden-Württembergs Hochschulen in Sachen multimedialer Lehre tut.

www.on-campus.de
Die Fachhochschule Lübeck bietet im Verbund mit fünf anderen Hochschulen die Online-Studiengänge Medieninformatik (Bachelor) und Wirtschaftsingenieurwesen (Bachelor/Diplom) an.

www.fernuni-hagen.de
Die Fern-Uni Hagen ergänzt die papiernen Studienmaterialien um zahlreiche virtuelle Angebote. Zum Beispiel in folgenden Studiengängen: Integrierter Diplomstudiengang Elektrotechnik/Informatik, www.et-online.fernuni-hagen.de; Weiterbildungsstudiengang Einführung in das japanische Zivilrecht, www.fernuni-hagen.de/JAPANRECHT/welcome.htm; Masterstudiengang Umweltwissenschaften, www.fernuni-hagen.de/ umwelt/

Weitere Online-Studiengänge/Fernstudiengänge mit "netzbasierten Komponenten":

Hochschule Anhalt: Zusatzstudium Wirtschaftsingenieurwesen, www.mbwi.hs-anhalt.de, und Aufbaustudiengang Informatik, www.informatikimnetz.de
Uni Frankfurt (Oder): Masterstudiengang Business Informatics, www.vg-u.de, und Masterstudiengang Medien und interkulturelle Kommunikation, http://soemz.euv-frankfurt-o.de/index.html
Uni Bielefeld: Weiterbildungsstudiengang Angewandte Gesundheitswissenschaften, www.uni-bielefeld.de/gesundhw/fernstudium/1seite.htm
Uni Weimar: Weiterbildungsstudiengang Wasser und Umwelt, www.uni-weimar.de/Bauing/wbbau/
FH Gießen-Friedberg: Aufbaustudiengänge Logistik und Wirtschaftsingenieurwesen, www.fsz-friedberg.de
HU Berlin: Bachelor/Master sowie postgraduales Studium Bibliothekswissenschaften, www.ib.hu-berlin.de/~fern/
FH Kaiserslautern: Diplom-Weiterbildungsstudiengang Vertriebsingenieur, http://ving.bw.fh-kl.de/
Uni Koblenz-Landau: Diplom-Weiterbildungsstudiengang Angewandte Umweltwissenschaften, www.uni-koblenz.de/~wfu/, und European Environmental Law, www.uni-koblenz.de/~eelaw/nn.html
FH Jena: Diplom-Studiengang Pflege/Pflegemanagement, http://pflege.sw.fh-jena.de/
FH Erfurt: Weiterbildung Webmanagement, www.fh-erfurt.de/weiterbildung/kurse/studienkurse/so2002_webm.htm
FOM Essen: Diplom-Informatiker/in(FH) und Kaufmann/frau (FH), www.fom.de
FH Magdeburg-Stendal: Weiterbildung Gemeindebezogene Gesundheitsförderung, www.sgw.hs-magdeburg.de/ggf, und Angewandte Gesundheitswissenschaften, www.sgw.hs-magdeburg.de/i_weit.html
FHVR Berlin: Masterstudiengang Europäisches Verwaltungsmanagement, www.fev.stadt-berlin.de
Uni Kaiserslautern: Weiterbildungsstudiengang E-Commerce & Business, www.zfuw.uni-kl.de/management/ecb-top.html, und Weiterbildungsstudiengang Klinisches Ingenieurwesen, www.zfuw.uni-kl.de/mnt/ki-top.html
TU Chemnitz: Masterstudiengang Wissensmanagement, www.studium-wissensmanagement.de
HS Mittweida: Postgradualer Masterstudiengang Sozialmanagement, www.fs-sozialmanagement.de
FH Braunschweig/Wolfenbüttel: Postgradualer Masterstudiengang Sozialmanagement, www.fh-wolfenbuettel.de/fb/s/fortbildung/websozman/index.htm
FH Nordostniedersachsen: Masterstudiengang Applied Computing in Civil Engineering (ACCE), http://acce.fhnon.de
Uni Essen: Weiterbildungsstudiengang Wirtschaftsinformatik, www.vawi.de
Uni Hildesheim: Weiterbildender Masterstudiengang Organization Studies, www.organization-studies.de
Uni Göttingen: Weiterbildungsstudiengang Wirtschaftsinformatik, www.winfoline.de
Dieser Artikel ist erschienen am 29.11.2002