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Kletterer zwischen den Welten

Von Katharina Kort
Der Weg nach oben macht ihm keine Angst. Wenn Mario Draghi, der neue italienische Zentralbankchef, nicht gerade zwischen London und New York hin- und herjettet, hängt er am liebsten an der Bergwand. Wenn die Route möglichst schwierig und möglichst vereist ist, dann fühlt sich der drahtige Ökonom wohl. Aber er geht nie ohne Bergführer. Der designierte italienische Zentralbankchef Draghi weiß im Gegensatz zu seinem Vorgänger Fazio den Rat anderer zu schätzen.
MAILAND. Der Weg nach oben macht ihm keine Angst. Wenn Mario Draghi, der neue italienische Zentralbankchef, nicht gerade zwischen London und New York hin- und herjettet, hängt er am liebsten an der Bergwand. Wenn die Route möglichst schwierig und möglichst vereist ist, dann fühlt sich der drahtige Ökonom wohl. Aber er geht nie ohne Bergführer.
Der 58-Jährige weiß den Rat anderer zu schätzen. Das ist vielleicht der entscheidende Unterschied zu seinem Vorgänger Antonio Fazio. Der hat die Institution der Banca d'Italia fast als Alleinherrscher geführt. Auch bei den jüngsten Bankenübernahmen, die ihm letztlich den Job gekostet haben (s. ?Italiens Notenbankskandal? am Ende des Artikels), hat sich Fazio über das Urteil seiner Mitarbeiter hinweggesetzt.

Die besten Jobs von allen

Draghi dagegen gilt als einer, der auf andere hört. Und auf seiner beruflichen Laufbahn hat er vielen hoch qualifizierten Menschen zuhören und von ihnen lernen können. Angefangen bei seinem Mentor an der Universität in Rom, dem einflussreichen italienischen Ökonomen Federico Caffè, dessen Assistent er wird. Später dann, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, das er als erster Italiener mit einem PhD (Dr. phil.) verlässt, sind seine Mentoren Franco Modigliani, der Nobelpreisträger, und Stanley Fischer, der heutige israelische Zentralbankchef. Später wird auch der heutige Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi den aufstrebenden Ökonomen begleiten, weshalb er auch als ?Ciampi-Boy? betitelt wird.Als reserviert, zielstrebig, präzise und manchmal kalt wird Draghi beschrieben. In seinem Leben hat er kaum eine Hand voll Interviews gegeben. Aber Weggefährten nennen ihn auch teamfähig und einen Mann mit Sportsgeist. Schon am Gymnasium organisiert er die Basketballspiele. Sein Klassenkamerad und der heutige Fernsehmoderator Giancarlo Magalli lobt noch heute, dass Draghi ihn im Bus die Hausaufgaben abschreiben ließ. Aber zu weit hat es Draghi nie getrieben. Denn während Magalli wegen eines bösen Streichs von der Schule fliegt, bleibt er und legt den Grundstein seiner Karriere.Der gebürtige Römer gilt als verantwortungsvoller Mensch. Vielleicht liegt es daran, dass er seinen Vater, der bei der Banca d'Italia arbeitete, schon im Alter von 15 Jahren verliert und seine Mutter kurze Zeit später. Schon in jungen Jahren muss er die Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernehmen.Als Draghi mit 35 Jahren von Boston nach Italien zurückkehrt, hat er sich bereits einen Namen gemacht. Seiner Professur für internationale Wirtschaft in Florenz bleibt er dennoch nicht lange treu. Zwei Jahre später, 1984, ist er schon wieder auf dem Weg auf die andere Seite des Atlantiks. Diesmal zieht es ihn nach Washington, wo er als Direktor bei der Weltbank anheuert. Diesmal dauert es sechs Jahre, bis er in die Heimat zurückkehrt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Draghi agiert meist im Hintergrund 1990 ruft ihn der damalige Zentralbankchef Ciampi in beratender Funktion nach Rom zur Banca d'Italia. Es folgt schließlich die Berufung zum Generaldirektor im Schatzministerium. Es ist eine spannende Zeit für die italienische Wirtschaft: 1992 geht die Lira auf Sinkflug und Ciampi schickt seinen Mann in Europa umher, um die anderen Regierungen davon zu überzeugen, dass Italien den Eintritt in die Euro-Zone schaffen kann.Kernpunkt sind dabei die Privatisierungen der italienischen Staatsunternehmen. Draghi treibt den Verkauf von Banken, Energie- und Telekomunternehmen voran. Ein Gesetz trägt sogar seinen Namen: Die ?Legge Draghi? werden die Regeln für Übernahmen im Finanzsektor allgemein genannt.Im Jahr 2001 kehrt er jedoch dem Ministerium den Rücken. Die neue Regierung unter Silvio Berlusconi ist gerade drei Monate im Amt, als er sich verabschiedet. Beobachter werteten die Entscheidung als Zeichen, dass er mit der wirtschaftspolitischen Richtung Berlusconis nicht zufrieden ist. Er selbst begründet den Abgang damit dass ein weiterer ?Zyklus seines Lebens beendet? sei ? und geht nach Harvard zur Kennedy School of Government. Berlusconi scheint es ihm jedenfalls nicht übel genommen zu haben, sonst hätte er ihn kaum zum neuen Zentralbankchef gekürt.Nach dem kurzem Zwischenstopp in Harvard wechselt Draghi zur Investmentbank Goldman Sachs. Der Mann mit guten Kontakten in Italien steigt als Vice President Europe zu einem der 30 globalen Partner auf. Gleichwohl agiert Draghi meist im Hintergrund. Dennoch gerät er in den 90er-Jahren während der nicht unumstrittenen Privatisierung in die Kritik. Stets wie ein Manager gekleidet, vielleicht auch wegen seiner marktliberalen Ansichten wird er als ?Yuppie? tituliert. Als der Direktor der italienischen Zeitung ?La Repubblica? ihm vorwirft, den Eindruck des Yuppies zu vermitteln, nur dass er nicht auf Geld, sondern auf Macht aus sei, nimmt ihn jedoch Ciampi persönlich in Schutz.In seiner Freizeit scheint Draghi überraschend bodenständig geblieben zu sein. Kaum exklusive Sportarten, außer dem neuen Hobby Golf ? aber auch das ohne Mitgliedschaften in irgendwelchen Clubs. Statt dessen klettert er lieber weit weg vom Trubel in den Bergen oder, wenn die zu weit weg sind, joggt er mit seinem Hund. Auch den Abschluss des Sohnes Giacomo an der angesehenen Universität Bocconi, feiert die Familie nicht in einem Edelrestaurant, sondern in der beliebten Mailänder Pizzeria ?Rosso Pomodoro?. Der heute 27-jährige Sohn ist mittlerweile Trader bei Morgan Stanley. Und auch die 30-jährige Tochter Federica scheint trotz ihres Biologiestudiums doch noch in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Sie schließt gerade ihren MBA in New York ab.Für den Vater heißt es jetzt erstmal wieder umziehen: Aus London zurück in die Geburtsstadt. Er muss der Banca d'Italia die Glaubwürdigkeit zurückgeben. Und damit er gar nicht erst in die Nähe seines beharrlichen Vorgängers gebracht wird, macht er trotz einer möglichen zweiten Amtszeit klar: ?Ich bleibe nur sechs Jahre?. Berg heil!
Dieser Artikel ist erschienen am 02.01.2006