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Kleckern oder Klotzen?

Foto: Michael Kirsten
Wie bringt man seine Qualitäten in der Bewerbung gut rüber? Was ist übertrieben, was auf jeden Fall erwähnenswert? Karriere-Berater Jürgen Hesse gab im Experten-Chat Tipps, was in die Bewerbungsmappe gehört und wohin.
Moderator: Herzlich willkommen zum Experten-Chat von Karriere. Heute begrüßen wir den Bewerbungsprofi Jürgen Hesse.

Jürgen Hesse: Ich begrüße alle recht herzlich und freue mich auf die vielen interessanten Fragen.

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Vera: Guten Tag, ich organisiere mit einigen Freunden eine Recruiting-Messe im Rahmen einer Studenteninitiative. Wie "vermarktet" man so etwas optimal im Lebenslauf?

Jürgen Hesse: Sie meinen, inwiefern es sich gut macht, dass Sie Recruiting-Messen selber organisiert haben? 1. Zeigen Sie Eigeninitiative und 2. beweisen Sie extremes organisatorisches Geschick. Außerdem lernen Sie dabei den Umgang mit "Firmenkunden".

Vera: In einer Diskussion in unserem Team haben wir das ähnlich gesehen - und wir haben uns gefragt, wie man das am besten formuliert.

Jürgen Hesse: Im tabellarischen Lebenslauf unter der thematischen Rubrik "Sonstige Tätigkeiten" oder einfach "Praktika/Nebentätigkeiten" etc. aufführen. Gegebenfalls im Anschreiben auf die dabei erworbenen Kenntnisse verweisen. Thomas: Kurze Frage zum Thema Lebenslauf: Soll man als frischgebackener Diplomand die Vordiplomnote und das Datum des Vordiploms noch angeben?

Jürgen Hesse: Nicht unbedingt. Eigentlich genügt es in den meisten Fällen, die gesamt Studienzeit im tabellarischen Lebenslauf zu vermerken.

Thomas: Als Begründung für die Angabe des Vordiploms (Datum/Note) wurde genannt, dass man sehen kann, wie zügig man sein Studium absolviert hat.

Jürgen Hesse: Wenn explizit gefordert wird, dass Sie die Vordiplomsnote angeben, sollten Sie das selbstverständlich tun.

Thomas: Ok, wenn das also nicht gefordert wird, dann eher weglassen.

Jürgen Hesse: Thomas, genau so ist es.

Janine: Ich habe gehört, als Frau sollte man zu Vorstellungsgesprächen immer noch einen Rock tragen. Ist das wirklich so?

Jürgen Hesse: Schlichte Eleganz wird von Frauen und Männern erwartet. Zunächst bestimmen Sie, was das ist.

Janine: Eine solche Kleiderkonvention wie bei Männern (Krawatte) gibt's also bei Frauen nicht?

Jürgen Hesse: Janine, nein nicht vergleichbar ... wählen Sie konservative Kleidung - und Sie müssen sich darin wohl fühlen.

Janine: Danke, da bin ich ja beruhigt! Beat75: Soll man im Lebenslauf Noten (z.B. Abiturschnitt, Studienabschluss) angeben?

Jürgen Hesse: Beat, Warum nicht? Vor allem, wenn Sie damit glänzen können.

Beat75: Gut. Wollte nur wissen, ob das nicht zu einseitig betonend wirkt, weil man ja eh die Zeugnisse beilegt!

Jürgen Hesse: Nein , keine Sorge.

Markus: Hallo, ich habe ein Staatsexamen als Lehrer, möchte mich aber auf eine Stelle als Marketing-Trainee bewerben. Wie begründe ich diesen "Sinneswechsel" im Anschreiben?

Jürgen Hesse: Markus, zunächst haben Sie recht. Sie müssen über eine gute Begründung nachdenken, denn die Frage liegt auf der Hand: "wie kommt es, dass...?" Sie müssen Ihre Motivation für diesen Wechsel selbst herausfinden und vermitteln.

Thomas: Ist es richtig, bei mittelmäßigen Sprachkenntnissen keine Bewertung anzugeben bzw. nur bei guten/sehr guten Kenntnissen dies zu tun?? (Steht so auf dieser webSite)

Jürgen Hesse: Völlig richtig.

elli: Sollten diese Sprachen dann aber dennoch aufgeführt werden?

Jürgen Hesse: Ja, auf jeden Fall.

Thomas: Von Worten wie "verhandlungssicher" usw. ist also auch Abstand zu nehmen?

Jürgen Hesse: "Verhandlungssicher" setzt voraus, dass Sie ziemlich fit sind. Gehen Sie lieber vorsichtig damit um. Carry: Ich habe bei Bewerbungsschreiben immer Probleme mit dem ersten Satz: "Hiermit bewerbe ich mich als..." ist ja nicht gerade fantasievoll. Wie steige ich denn am besten ins Anschreiben ein?

Jürgen Hesse: Zum Beispiel kann man schreiben "vielen Dank für das Telefonat..." oder "Ihre Anzeige hat mich sehr angesprochen...".

Carry: Und wenn man vorher gar nicht telefoniert hat?

Jürgen Hesse: Zum Beispiel mit "Ihr Unternehmen steht für ..., und ich stehe für ..." Schauen Sie einfach einmal in unsere Bücher.

Carry: Aber genau davor wird doch immer gewarnt: Sich an Vorbildern in Büchern zu orientieren, weil die Personalchefs die auch alle kennen...

Jürgen Hesse: Carry, sind Sie möglicherweise zu ängstlich? Personalchefs lesen selten Hesse/Schrader-Bücher. Nehmen Sie die Bücher als Anregung und formulieren Sie individuell um.

elli: Von denen gibt es ja einige, welches können Sie am besten empfehlen?

Jürgen Hesse: Elli, ich empfehle das Handbuch Hesse/Schrader, bzw. für Absolventen das Hochschulabsolventen-Buch.

Karin: Ist ein ausgefallenes Layout beim Bewerbungsschreiben günstig?

Jürgen Hesse: Kommt darauf an. Was sind ausgefallene Layouts für Sie?

Karin: Zum Beispiel mit Grafiken oder verschiedenen Schriftarten, um zu zeigen, dass man Erfahrung im Umgang mit einem Computerprogramm hat.

Jürgen Hesse: Nein, Ihre PC-Kenntnisse sollten Sie nicht durch ein außergewöhnliches Layout vermitteln. Weniger ist mehr in diesem Fall. Beat75: Wirkt es zu unentschlossen, wenn ich in Initiativbewerbungen mehrere mögliche Einsatzgebiete nenne, die nicht eng verwandt sind (konkret: Volkswirtschaft(liche Abteilung) und Controlling)?

Jürgen Hesse: Ja, spezialisieren Sie sich auf etwas. Bei verschiedenen Firmen ist das o.k., aber nicht bei ein und derselben Firma.

Thomas: Nochmal zum Thema Fremdsprachen: Da man ja besser nur "gut" bzw. "Sehr gut" als Bewertung angibt (falls dieser Grad tatsächlich gegeben ist) müßte man bei englisch ja eigentlich doch zumindest eine "gut"-Bewertung angeben. Wenn nur "englisch" dasteht, wirkt dass doch etwas komisch, oder???

Jürgen Hesse: Wie gut sind Ihre Sprachkenntnisse im Englischen? Sehr gut, gut, recht gut... über den Rest schweigen wir.

Thomas: Na ja, "sehr gut" ist sehr hoch gegriffen, ich würde mal mittelmäßig sagen. Praxis fehlt eben.

Jürgen Hesse: Waren Sie jemals im englischsprachigen Raum, oder haben Sie nur Schul-Englisch vorzuweisen?

Thomas: Schul-Englisch war immer ganz gut.

Jürgen Hesse: Thomas, seien Sie mutig und sagen Sie: fundierte Englisch-Kenntnisse.

Thomas: O.k., das wäre dann quasi die dreitte Stufe nach "sehr gut" bzw. "gut"?

Jürgen Hesse: "Recht gut", dann kommt "fundiert". Christine: Auch wenn in einer Anzeige steht, dass man seine Gehaltsforderung angeben soll, sollte man dies nicht besser erst im persönlichen Gespräch tun?

Jürgen Hesse: Im Prinzip ja, aber heute muss man kompromissbereit sein, und zumindest eine Gehaltsspanne angeben.

Karin: Muss man im Lebenslauf alles ehrlich angeben, z.B. über den Familienstand und die Zahl der Kinder?

Jürgen Hesse: Nein natürlich nicht, auch der eigene Familienstand kann weggelassen werden.

viking: Wie ausführlich sollte ich meine Praktika im Lebenslauf beschreiben?

Jürgen Hesse: Wenn sie gut und interessant waren und etwas über Sie aussagen, dann sehr ausführlich.

Karin: Sollte man ehrenamtliche Tätigkeiten angeben?

Jürgen Hesse: Ja natürlich. Etwa unter Rubrik "Sonstiges" im Lebenslauf. Arne: Wie kreativ - die Werbebranche mal ausgenommen - sollte man seinen Lebenslauf wirklich gestalten? Sind bunte Bildchen oder Grafiken auf Lebenslauf oder Anschreiben ratsam?

Jürgen Hesse: Eher weniger. Und übrigens: In der Werbebranche sollte man sich auch lieber klassisch konservativ bewerben.

Arne: Aber was ist dann mit einer kreativ gestalteten Bewerbung gemeint? Worauf bezieht sich das?

Jürgen Hesse: Stand das im Stellenangebot?

Arne: Das Zitat auf der Startseite lautet: "mit kreativen Bewerbungsstrategien vertraut machen ..."

Jürgen Hesse: Damit ist gemeint, dass Sie keine nullachtfünfzehn Bewerbung erstellen sollen, wie es in vielen Broschüren von Ämtern etc. vorgeschlagen wird, sondern etwas individueller.

hajo: Wie wichtig ist ein Deckblatt für eine Bewerbung?

Jürgen Hesse: Das ist relativ, es kommt auf die Bewerbung insgesamt an - also auf die Komposition und den sonstigen Inhalt.

Karin: Gehört das Passbild auf das Deckblatt oder auf den Lebenslauf?

Jürgen Hesse: Es gibt verschiedene Stellen für das Passbild. Wichtig ist, dass das Foto möglichst auf den ersten beiden Seiten erscheint, d.h. eventuell auf dem Deckblatt oder auf der ersten Seite.

Karin: Die Form des Bewerbungsschreibens ist also nicht so wichtig?

Jürgen Hesse: Form und Inhalt sollten eine Einheit bilden.

Beat75: Kann man das Foto auch einscannen und auf den Lebenslauf aufdrucken oder wirkt das selbst bei sehr gutem Drucker zu billig?

Jürgen Hesse: Selbstverständlich. hs: Ich bin Personalmanagerin und finde definitiv die richtigen Bilder besser! Wo sollte Führungserfahrung stehen?

Jürgen Hesse: Aber ein gut gescanntes Bild, auf dem Sie gut rüber kommen, zeigt zusätzlich noch, dass man mit dem Medium umgehen kann. Führungserfahrung sollte unter der Rubrik berufliche Tätigkeit und der entsprechenden Position stehen.

viking: Ich mache zurzeit ein Doppeldiplom (Master und FH-Diplom) in den USA, der Master zählt nun mehr als das FH-Diplom, wie soll ich bei der Bewerbung vorgehen, welchen Abschluss hervorheben? Wieviele Seiten kann ein Lebenslauf beinhalten?

Jürgen Hesse: Ich empfehle Ihnen, auf beide hinzuweisen. Lebensläufe können von einer bis mehreren Seiten gehen. Aber: Kurz und knapp ist besser als lang und langweilig.

Thomas: Kurze Nachfrage zu vorhin: nur "Englisch - fundiert" oder besser "Englisch - fundiert in Wort und Schrift"?

Jürgen Hesse: Ja, gut so.

hajo: Wie sollte man die Frage nach seinen beruflichen Perspektiven im Anschreiben formulieren?

Jürgen Hesse: Verstehe ich Sie richtig: Sie wollen wissen, welche Perspektiven die Firma Ihnen bietet? Eine "konkrete" Frage ist im Anschreiben fehl am Platz.

hajo: Nach dem ersten Telefonkontakt sagte mein Ansprechpartner, dass sie nur noch Leute suchen, die in 5-6 Jahren Führungspositionen übernehmen und ich sollte meine beruflichen Perspektiven darstellen. Wie mache ich das nun ohne den genauen Ablauf in der Firma zu kennen?

Jürgen Hesse: Auf einer Dritten Seiten können Sie Ihre Ziele und Perspektiven sehr gut darstellen. Arne: Welche Reihenfolge sollte man wählen bei Aufzählungen von Ausbildung, Praktika ect. - Wie im englischsprachigen Raum (das Aktuellste steht an der ersten Position) oder?

Jürgen Hesse: Ja, das stimmt.

Karin: Sollte das Schreiben nicht etwas ausgefallen gestaltet sein, um nicht zu langweilen (nicht nur vom Inhalt her)?

Jürgen Hesse: Nein, am besten ist ein nicht zu schlichtes, aber klares Layout.

sunshinenyc: Muß ich mich an den üblichen deutschen Aufbau eines Lebenslaufes halten, oder kann ich da auch schon kreativ werden?

Jürgen Hesse: Sie müssen müssen gar nichts. Seien Sie bloß nicht zu kreativ, das wird nicht gern gesehen. Achtung, mal an alle: Kreativ ist ein ziemlich schwammiger Begriff , wir werden das kaum hier klären können...

sunshinenyc: Also kann ich nicht einfach den Aufbau ändern und zwei Seiten schreiben?

Jürgen Hesse: Natürlich sollen Ihre Unterlagen nicht langweilen, aber Sie sollten Sie keinesfalls als Puzzle verschicken. Schauen Sie einmal in unsere Bücher, da finden Sie jede Menge Anregungen. Arne: Wie wichtig sind Beurteilungen und Arbeits-Zeugnisse?

Jürgen Hesse: Ziemlich wichtig.

Eva: Was halten Sie von nicht ganz alltäglichen Bewerbungsfotos?

Jürgen Hesse: Eva, Vorsicht. Keine Gurkenscheiben ins Gesicht legen oder ähnliches.

Arne: Sollte man ruhig jedes Zeugnis und jede Beurteilung mit reinlegen oder gibt es da ein Limit? Vorrausgesetzt, dass der Inhalt der Zeugnisse sehr gut ist.

Jürgen Hesse: Das kann man so sagen. Wenn Sie drei Arbeitsstellen hatten, sollten in der Regel auch drei Zeugnisse vorliegen.

Moderator: Damit ist unser heutiger Chat auch schon wieder beendet. Wir bedanken uns sehr herzlich bei unserem Experten Jürgen Hesse und auch für Ihre rege Teilnahme! Auf Wiedersehen.

Jürgen Hesse: Auf Wiedersehen. Hat mir viel Spaß gemacht.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2001