Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Killertomate im Anflug

Von Frank Sierig
Er trinkt gerne mal einen Wild Turkey Whiskey und verkleidet sich zu Halloween als Truthahn oder Killertomate. Mal taucht er zum Company-Picknick auf einer Harley auf, dann wieder singt er beim Marketing-Meeting hausgemachte Rap-Songs, in denen er sich über sich selbst lustig macht. Herbert D. Kelleher, genannt ?Herb?, ist der ungewöhnlichste Chef einer amerikanischen Fluggesellschaft.
LOS ANGELES. Und er ist der erste, der es zugibt. ?Ja, ich bin ein bisschen exzentrisch, na und?? Der 74-jährige Chairman von Southwest Airlines kann sich seine Exzentrik leisten. Gilt sein Unternehmen doch mittlerweile als die ganz große Ausnahme im desaströsen amerikanischen Fluglinien-Geschäft. Delta, United, US-Airways, Northwest. Alle fliegen mit dem Finanz-Kuckuck auf den Flügeln.Sie stehen unter dem Gläubigerschutz des Konkursrechtes. Nur Southwest, jene Billiglinie aus Texas, macht ordentliche Gewinne. Und nicht wenige glauben, dass es ?Air Herb? ? so sein Spitzname ? zu verdanken sei, dass es den 27 000 Angestellten so gut geht. ?Herb ist ein Boss, der sich um das Wohl seiner Angestellten wirklich kümmert?, sagt Colleen Barrett, Präsidentin des Unternehmens. Es war Kellehers Idee, schon in den 70er-Jahren Gewinnbeteiligungsmodelle für die Angestellten einzuführen. Inzwischen halten mehr als 13 Prozent aller Southwest-Mitarbeiter Aktien der Firma.

Die besten Jobs von allen

Herb, der Altruist? ?Sicher, ich freue mich, wenn es meinen Kollegen gut geht. Mir geht es ja auch gut?, sagt der gebürtige Ostküstler, der in New Jersey aufwuchs, mit einem Augenzwinkern. Und dafür sorgt der große, drahtige Mann auch persönlich. Nicht selten steht der gelernte Anwalt morgens auf, um in einer seiner 284 Boeings 737 von Texas nach Las Vegas oder Phoenix zu fliegen. Da setzt sich der millionenschwere Flugzeug-Boss in die Economy Class und betreibt ?Feldstudien?. Er fragt Kunden, was Southwest besser machen muss.?Southwest ist keine Karriere, es ist eine Herzensangelegenheit?, predigt er. Und weiter: ?Wir müssen den Kunden zuhören, ihre Wünsche wirklich hören, nur so können wir gute Entscheidungen treffen.? Ein Marketing-Direktor von Southwest hatte sich einst bei Kelleher beschwert, dass Flugbegleiter besseren Zugang zum Chef hätten als die Führungskräfte. Daraufhin antwortete Kelleher: ?Lass es mich so ausdrücken: Sie sind wichtiger als du.?Diese Philosophie scheint ihm Recht zu geben. 4,2 Milliarden Dollar Umsatz, 433 Millionen Dollar Gewinn. Das Department of Transportation würdigt Southwest jedes Jahr mit bester An- und Abflugzeit, bester Kofferbehandlung, am wenigsten Beschwerden von Kunden in der Branche. Seit 1973 konnte die Fluglinie, die einst mit drei Fliegern begann, jedes Jahr einen Gewinn abliefern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Selbstironie und texanischer CharmeUnd Kelleher reitet die Erfolgswelle mit gekonnter Selbstironie und texanischem Charme. ?Ich kann in unserem Unternehmen keine andere Aufgabe wirklich befriedigend erfüllen. Deshalb haben sie mich zum Chairman gemacht?, witzelt er bei Treffen mit Journalisten. Vor vier Jahren gab er den Chefposten im operativen Geschäft ab und übernahm die Aufgabe des Chairmans, die er als eine Art aktiver Aufsichtsrat versteht. ?Herb ist ein Mann der alten Schule. Er ist ein Menschenkenner?, sagt Gary Kelly, der als Chief Executive Officer die Fluggesellschaft operativ führt. So kann ein Pilot noch so gute Referenzen mitbringen, sollte er arrogant und überheblich mit den Flugbegleitern umgehen, wird er gefeuert. ?So ist Herb halt, er hat Respekt für jeden Menschen, der für ihn arbeitet?, fasst Keller zusammen. Selbst die Konkurrenz schätzt ihn. Richard Branson von Virgin: ?Herb ist ein Unikum. Sein Führungsstil ist unerreichbar.?Nach dem Jurastudium in New York arbeitete Kelleher kurz im New Jersey Supreme Court. Dann heuerte er bei einer Kanzlei in Newark an. Aber Jura war nicht so ?mein Ding?, sagt er heute. Vielmehr zog es ihn nach Texas, seine Frau stammt aus Dallas. Er sah in dem flächengrößten Bundesstaat der USA ein ?Land voller Möglichkeiten?. Als ihm 1966 der Geschäftsmann Rollin King vorschlug, eine neue Fluglinie zu gründen, war Kelleher ganz Ohr. Vier Jahre kämpfte er sich durch die Gerichte von Texas ? gegen die Opposition von Konkurrenten wie Continental ?, bis er schließlich im Jahre 1971 die Lizenz für Southwest erhielt.Der Anfang war nicht leicht. Als Kelleher die Gehälter seiner Angestellten nicht mehr zahlen konnte, stellte er sie vor die Wahl. ?Entweder verkaufen wir eines unserer vier Flugzeuge und ihr müsst dafür noch härter arbeiten, oder ich entlasse Leute?, so Kelleher. Die Angestellten entschieden sich für harte Arbeit. Und so wurde die Wartezeit für Passagiere von 55 Minuten auf 15 Minuten verkürzt. So halfen Piloten beim Einchecken und Aufräumen des Flugzeuges. Selbstverständlich ging auch Kelleher mit dem Staubsauger an Bord. ?Nur wenn alle anpacken, ist der Erfolg garantiert?, so Kelleher. ?Und genauso ist es auch noch heute?, sagt Scott Rivers, Flugbegleiter von Southwest. ?Herb hält sein Wort, wenn du hart arbeitest, dann wirst du belohnt.?Ende Oktober steht in den USA das Halloween-Fest an. ?Für Southwest so etwas wie ein nationaler Feiertag?, sagt Kelleher. Er möchte, dass alle Piloten in kurzen Hosen zur Arbeit kommen. Er selbst will sich wohl wieder als Elvis Presley verkleiden und auf dem Frühflug von Dallas nach Las Vegas die Gäste unterhalten. ?Vielleicht gehe ich aber als Killertomate an Bord.? Überraschen würde es niemanden.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.10.2005