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Kick mit Kaiser

An der Fußball-WM werde sich die Hamburg-Mannheimer verheben, dachten Experten. Fußball und Versicherung - wie passt das? Doch die Gesellschaft verkauft sich glänzend als Partner des Sports. Das verdankt sie auch ihrem Maskottchen "Herr Kaiser". Günter Kaiser ist einer der größten Coups der deutschen Werbegeschichte. Durch und durch seriös, stets lächelnd tritt er in Werbespots auf und wirkt dabei so gar nicht altbacken.
Stuttgart wartet auf die Nummer zwölf. Am Spielfeldrand kämpfen ein paar hundert Zuschauer um die besten Plätze. Jemand hat Tröten an Kinder verteilt, die ordentlich Krach machen. Aus Boxen wummert Disko-Musik, Cheerleader wuscheln im Takt dazu. Drei Minuten bis zum Anpfiff.
Die Stars sind eigentlich schon da: zwei Fußball-Weltmeister, eine Hand voll B-Promis aus dem Schauspielgewerbe, Ex-Kicker vom VfB. Doch wo bleibt Nummer zwölf? Endlich ruft der Moderator ins Mikro: "Und hier kommt er, Ihr Gastgeber, Günteeeer Kaiseeeer!" Stuttgart jubelt. Applaus für einen Versicherungsvertreter, für Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer!

Drei Leben einer Werbefigur
Günter Kaiser ist einer der größten Coups der deutschen Werbegeschichte. Durch und durch seriös, stets lächelnd tritt er in Werbespots auf und wirkt dabei so gar nicht altbacken. Seit 33 Jahren verkauft der imaginäre Versicherungsvertreter die komplizierten, in der Werbung schwer vermittelbaren Produkte der Hamburg-Mannheimer. Günter Kaiser gehört zu Deutschlands bekanntesten Werbefiguren. Er ist so erfolgreich, dass er bereits in dritter Generation über die Bildschirme flimmert.
Herr Kaiser Nummer drei kann zufällig auch Fußball spielen. Ein Glück für seinen Auftraggeber: Das Sponsoring-Paket zur WM haben sich die Versicherer Millionen kosten lassen - und die wollen sie nun mit effektiven Werbekampagnen wieder reinholen. Fußball und Versicherung, dachten Experten, das passt nicht zusammen. Sebastian Conrad, WM-Projektleiter der Hamburg-Mannheimer, sieht das anders: "Wer eine Weltmeisterschaft versichern kann, ist auch für den Normalverbraucher der richtige Partner." Tatsächlich macht sich Günter Kaiser gut in Trikot und Shorts - ob live oder im Fernsehen

Die besten Jobs von allen


Muskelkater in den Backen
Eine halbe Stunde nach Abpfiff des Benefizspiels mit den B-Promis sieht Nick Wilder wieder wie ein braver Versicherungsvertreter aus. Das leicht blondierte dunkle Haar nach hinten gegelt, dunkelblauer Maßanzug, dezenter Schlips, darüber ein Designer-Schal. Er geht zum Bratwurststand, Mittagszeit. Jemand ruft: "Herr Kaiser, darf ich Sie mal entführen?" Einmal im Leben, sagt ein Mann mit Brille, möchte seine Freundin mit der Werbe-Ikone aufs Foto. Wilder dreht sich um, sieht die Dame, setzt sein Kaiserlächeln auf und sagt: "Ei klar." Vögelchen und klick. Wilder holt sich Bratwurst mit Senf.
"Nach so einem Tag bist du völlig fertig", sagt Wilder. In 1 000 bis 2 000 Kameras müsse er im Tagesschnitt lächeln. Der Kaiser-Cup, der reihum in den zwölf WM-Städten stattfindet, ist ein anstrengender Full-Time-Job. "Am nächsten Tag habe ich dann immer Wangen-Muskelkater." Seit 2000 mimt der US-Schauspieler Nick Wilder das Versicherungsmaskottchen Günter Kaiser. "Ich stehe voll dahinter", versichert Wilder, obwohl der ehemalige Windsurf-Weltmeister mit Versicherungen eigentlich nicht viel am Hut hat. "Ich bin ziemlich unkonservativ", fasst Wilder zusammen

Starallüren verboten
Kontaktfreudig und aufgeschlossen ist der smarte 53-jährige Diplom-Holzwirt und Wahl-Ami, locker und immer gut drauf. "Starallüren darf sich Herr Kaiser nicht erlauben", liest er aus seinem Arbeitsvertrag vor. An einem Kaiser-Cup-Tag wird der Gastgeber ständig entführt, zum Beispiel von einem Automobilunternehmen. Wilder setzt sich in einen Ausstellungswagen und macht den Komfort-Test. "Tolles Auto, prima Sitzkomfort, viel Platz, klasse", schwärmt er in die Kamera. Fünf Fotos später steht er wieder auf dem Spielfeld. Das Viertelfinale wird gleich angepfiffen, die schwäbischen Hobbykicker erhoffen sich ein paar taktische Ratschläge von ihrem Versicherungsvertreter. "Nicht bolzen, kurze Pässe, Taktik, dann gewinnt ihr auch das Spiel.

Das Traumschiff wartet
Die meisten deutschen Schauspielkollegen, plaudert Wilder hinterher, wollten sich aus Prinzip nicht für Werbung hergeben. Doch in den USA sei das normal. "Das Geschäft ist eiskalt", sagt er, "ein ständiges Auf und Ab." Da kommt ein solides Engagement wie das der Hamburg-Mannheimer gerade recht. Warum er damals - immerhin schon Anfang 40 - den Durchbruch schaffte, kann er bis heute nicht erklären. Jedenfalls war es Starregisseur Roland Emmerich, der ihm die erste bedeutende Rolle im Kinoknüller "Stargate" verpasste. Seither ist Wilder regelmäßig in US-Produktionen zu sehen, aber auch in deutschen Serien wie Soko Leipzig, Küstenwache und Tatort. Demnächst geht er an Bord des Traumschiffs.
Am Spätnachmittag muss "Herr Kaiser" noch mal aufs Spielfeld, diesmal ins Tor. Bevor ihn der Moderator lautstark aufs Grün zitiert, posiert Nick Wilder noch kurz mit einem älteren Mann, der einen zitternden Zwergdackel auf den Armen trägt. Und dann wedeln sie wieder, die Mädels mit ihren Wuschelbällen, zum Einlauf von Gastgeber Günter Kaiser. Stuttgart jubelt. Die Nummer eins kommt

Florian Willershausen

Zum karriere-Urteil
Dieser Artikel ist erschienen am 04.05.2006