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Kellerkinder

Ulrike Heitze
Von den gut 45.000 Euro Einstiegsgehalt, die ein frisch gebackener Naturwissenschaftler derzeit zu erwarten hat, können Absolventen anderer Studiengänge nur träumen. Womit junge Architekten, Anwälte, Ärzte, Psychologen und Grafiker sich abspeisen lassen müssen und wie sie ihre Situation verbessern.
Von den gut 45.000 Euro Einstiegsgehalt, die ein frisch gebackener Naturwissenschaftler derzeit zu erwarten hat, können Absolventen anderer Studiengänge nur träumen. Womit junge Architekten, Anwälte, Ärzte, Psychologen und Grafiker sich abspeisen lassen müssen und wie sie ihre Situation verbessern

Wenn Tobias Herkenrath* über seine erste feste Stelle als Architekt spricht, schwillt ihm noch immer der Kamm. "Da hängt man wieder mal um Mitternacht über irgendwelchen Plänen und fragt sich, wofür man das alles macht - auf jeden Fall nicht fürs Geld", schimpft der 33-Jährige. Die 1.050 Euro netto, die seine Gehaltsabrechnung auswies, taugten weder als Schmerzensgeld für lange Nächte noch um einigermaßen gut den Lebensunterhalt bestreiten zu können.

Die besten Jobs von allen


Nur wenige seiner Kommilitonen haben es nach dem Diplom besser getroffen. Von den 36.400 Euro, die ein Akademiker mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung über alle Branchen und Studiengänge hinweg im Schnitt verdient, sind sie alle meilenweit entfernt. Und nicht nur sie. Verglichen mit den Einstiegsgehältern von Wirtschaftswissenschaftlern oder Ingenieuren (siehe Tabelle) sind auch junge Grafiker, Psychologen, Pädagogen, Juristen, Kultur- und Agrarwissenschaftler arme Schlucker. Angesichts der langen Ausbildungszeiten lassen sich Akademikerberufe mit einem Jahresbrutto von 20.000 Euro ohne Übertreibung als lausig bezahlt bezeichnen.

Architekten: Auf Nischen bauen

Im Berufsfeld der Architekten treibt vor allem die chronische Schwäche der Baubranche schlimme Blüten: Jobeinsteiger verdingen sich als 500-Euro-Langzeit-Praktikanten, um auf Praxiserfahrung zu kommen. Je renommierter das Büro, desto kostenloser. Nach Studien der Vergütungsberatung Personalmarkt kommt ein ordentlich angestellter Newcomer mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung im Mittel auf 27.000 Euro brutto. Ein ganzes Viertel verdient weniger als 24.000 Euro, das Quartil der Besserverdienenden beginnt schon bei 33.000 Euro - dafür muss ein durchschnittlicher Maschinenbau-Trainee längst noch nicht antreten

Architekten
Einstiegsgehalt: 27.000 Euro brutto
Problem: Kaum reguläre Stellen, geringe Perspektiven in der Gehaltsentwicklung, schlechte Überlebenschancen in der Selbstständigkeit
Ausweg: Spezialisierung, technische Nischen statt Entwurf
Auch später wird's nicht nennenswert besser: Eine Erhebung der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen ergab für Angestellte mit zwei bis fünf Berufsjahren ein Durchschnittseinkommen von 31.220 Euro brutto, als Führungskraft 35.500 Euro. Alternative Selbstständigkeit? Lieber nicht. Auch wenn sich viele Architekten dorthin flüchten, ist sie "nicht mehr als verdeckte Arbeitslosigkeit", weiß Marianne LeGans vom Bund Deutscher Baumeister, Architekten und Ingenieure. Die Zahl der offenen Wettbewerbe, über die Jungbüros Aufträge erhalten, sinkt stetig. Große Büros werden bevorzugt, oder es wird gar nicht mehr nach Entwürfen ausgeschrieben.

Die Architektenvereinigungen legen deshalb bereits Studenten nahe, Marktlücken auszuloten. "Wer vom Entwurf abrückt und sich vor allem im technischen Bereich spezialisiert, hat bessere Chancen", rät Christof Rose von der Architektenkammer NRW. Zu den aussichtsreichen Nischen zählen ökologisches, energiesparendes Bauen, (energetische) Sanierung, Brandschutzgutachten und wirtschaftsaffine Jobs wie Projektentwicklung oder Gebäudemanagement. Gut fährt möglicherweise auch, wer noch andere Talente einbringen kann, zum Beispiel als Softwareentwickler, Architekturfremdenführer oder 3D-Animations-Dienstleister für Entwurfspräsentationen.

Auch Tobias Herkenrath hat seinen 1.050-Euro-Job an den Nagel gehängt. Nach einem berufsbegleitenden Aufbaustudium "Baumanagement" betreut er den Immobilienbestand einer Wohnungsbaugenossenschaft - zu sehr viel besseren Konditionen. Anwälte: dürre Jahre überwinden

Der Jurist als idealer Schwiegersohn - das war einmal, zumindest was die Verdienstchancen betrifft. Die legendären 50.000 bis 80.000 Euro Einstiegsgehalt in Großkanzleien werden nur drei bis vier Prozent der Junganwälte zuteil. Nach einer Studie der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) aus dem Jahr 2000 kamen Einzelanwälte - immerhin 55 Prozent der Anwaltschaft - im Schnitt auf 1.500 Euro netto pro Monat - ohne Alters- und Krankenvorsorge.

Anwälte
Einstiegsgehalt: als Selbstständiger 18.000 Euro netto ohne Kranken- und Altersvorsorge
Problem: Hohe Konkurrenz, geringe Profilierung durch Einheitsqualifikation, kaum feste Stellen
Ausweg: Spezialisierung, Marktlücken, unternehmerisches Know-how für die Kanzleiführung
Partnern in Sozietäten geht es vergleichsweise besser. "In Kanzleien mit fünf bis sieben Anwälten hat man schon eine reelle Chance, mehr als einen Hungerlohn zu verdienen", meint Cord Brügmann, Geschäftsführer des Deutschen Anwaltvereins (DAV). Aber Stellen sind auch dort rar. Laut Bundesagentur für Arbeit schlagen sich mittlerweile viele Juristen nach dem Referendariat als kostenlose Praktikanten oder schlecht bezahlte Freie durch.

Wer dagegen seine eigene Kanzlei aufmacht, braucht Stehvermögen. "Fünf bis zehn Jahre dauert es, um sich einen stabilen Mandantenstamm aufzubauen. Und man muss ein guter Kaufmann sein", sagt der DAV-Chef. Brügmann empfiehlt, die Gestaltungsmöglichkeiten des Referendariats zu nutzen, um unternehmerisches Know-how zu erwerben. Dann komme man anschließend besser über die Runden.

Auch eine stärkere Spezialisierung füllt die Tasche. Als zukunftsträchtig gelten Familienrecht, Erb- und Sozialrecht, neue Medien, IT-Recht sowie europäisches und internationales Recht. Wer es sich zeitlich und finanziell leisten kann, toppt sein Profil mit der Zulassung als Fachanwalt

Kein Geheimtipp mehr ist dagegen die Flucht in die Wirtschaft als Unternehmensanwalt. "Da verdient man zwar mehr", sagt Stephan Göcken von der BRAK, "aber der Markt ist ziemlich überlaufen." Alternativ bleibt die Besinnung auf Fähigkeiten, die sonst kaum jemand hat. Ralph Sassmann*, Jura-Student aus Düsseldorf, beherrscht beispielsweise die Gebärdensprache und begleitet Hör- und Sprachbehinderte zu Anwalts- und Gerichtsterminen. "Das will ich nach dem Studium als Kanzlei ausbauen", berichtet er.

Aber es gibt noch andere Nischen. "Studenten, die eine etwas exotischere Sprache wie etwa Polnisch oder Chinesisch sprechen und sich dazu Fachkenntnisse über den dortigen Markt aneignen, haben ein prima Verkaufsargument", sagt Dirk Ewert von der Unternehmensberatung Towers Perrin. Praxisärzte: Privat aus dem Tief

Von den Härten der Selbstständigkeit können auch Jungmediziner mittlerweile einiges erzählen. Der Job als Arzt mit eigener Praxis ist hart geworden, das 80er-Jahre-Image des braungebrannten, golfenden Halbgottes in Weiß mit Vorstadtvilla und Luxuskarosse weitgehend dahin. Wer glaubt, das Schlimmste schon während seiner Assi-Zeit in der Klinik mit 3.500 Euro monatlich erlebt zu haben, wird rasch eines Besseren belehrt. "Jungärzte müssen erheblich investieren. Eine Praxis - ob neu oder übernommen - ist teuer, die Einkommenssituation vielerorts sehr unsicher. Und seit Basel II sehen Banken auch Ärzte als Kreditnehmer nur noch ungern", stellt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) fest

Praxisärzte
Einstiegsgehalt: 20.880 Euro netto
Problem: Hohe Gründungskosten, keine freie Ortswahl, Kassenpatienten reichen nicht aus
Ausweg: Privat- und Selbstzahlerservices, Ärztekooperationen, Flying Doctor im Nebenjob
Seinen Standort unter kaufmännischen Gesichtspunkten zu wählen, ist praktisch unmöglich: Laut Zulassungsverordnung dürfen sich Ärzte nur dort niederlassen, wo Bedarf besteht, und nicht dort, wo sie gute Geschäfte erwarten. "Einkommen von 2.000 Euro sind da durchaus möglich, je nachdem, welchen Landstrich man erwischt", weiß Carsten Frege, Leiter für Berufs- und Verbandspolitik beim Hartmannbund. Wer im Osten oder irgendwo auf dem Land praktiziert, kann kaum mit Privatpatienten rechnen und braucht überproportional mehr Kassenpatienten, die hoffentlich teure Krankheiten mitbringen.

Zwei Drittel der Allgemeinmediziner sind mit ihrer wirtschaftlichen Situation weniger bis gar nicht zufrieden, ergab eine Erhebung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung bereits Ende 2002. Aus gutem Grund: In der Umsatzklasse bis 130.000 Euro, in der sich ein Drittel aller Hausärzte befindet und in der sich auch viele Newcomer bewegen, erzielte ein Mediziner im Schnitt 1.740 Euro. Und selbst satte Umsätze über 190.000 Euro bescherten den Allgemeinmedizinern im Schnitt gerade mal 4.220 Euro unterm Strich

Für Mediziner empfiehlt sich deshalb, mit separat abzurechnenden individuellen Gesundheitsleistungen (IGEL) den Privat- und Selbstzahlerumsatz zu heben. Dazu gehören Früherkennungsberatung, medizinisch-kosmetische Dienstleistung oder Reisemedizin. Neu ist auch die praxisbudgetschonende Möglichkeit der Integrationsversorgung: Ärzte verschiedener Fachrichtungen bieten zum Beispiel Altenheimen gemeinsam eine Komplettversorgung an.

Jüngste Alternative für Allgemeinmediziner: Notdienst-Wochenenden in Großbritannien übernehmen. "Bis zu 3.000 Euro kann ein Arzt an so einem Wochenende verdienen", sagt Winfried Brenneis, selbst Mediziner und Betreiber der Vermittlungsagentur Medical Transfer Services (www. doctorsgouk.com). Ein warmer Geldregen, mit dem so manch heimische Praxis finanziert wird, weiß Brenneis. Nachahmer müssen sich aber sputen: Die Nachfrage nach solchen Jobs hat 2004 spürbar angezogen. Psychologen: vergesst die Couch

Gemessen an Architekten, Anwälten und Ärzten sieht die Einkommenssituation für Psychologen zunächst gar nicht so übel aus. Laut einer Personalmarkt-Studie kommen Jobeinsteiger mit bis zu zwei Jahren Erfahrung in einem Vollzeitjob auf 36.800 Euro. Und das Tarifgehalt nach BAT IIa liegt für einen 30-jährigen, ledigen Psychologen im öffentlichen Dienst bei etwa 3.100 Euro brutto monatlich. Theoretisch

Psychologen
Einstiegsgehalt: 36.800 Euro brutto
Problem: Überwiegend Teilzeitstellen, Kürzungen im Gesundheitssektor
Ausweg: Konzentration auf die Wirtschaft, weg von der Patiententherapie
Tatsächlich vergibt die Branche fast nur noch Teilzeitstellen - besonders in der bei Studenten so beliebten Psychotherapie. Und längst wird statt BAT IIa verbreitet nur noch IVa oder ein Pauschalisten-Honorar für freie Tätigkeiten gezahlt. Eine Studie unter Absolventen nach einem Berufsjahr ergab, dass nur ein Viertel eine Vollzeitstelle erhalten hatte. 29 Prozent mussten mit einer halben Stelle über die Runden kommen, der Rest arbeitete größtenteils zu noch schlechteren Konditionen

Besser wird die Lage gerade in der überlaufenen Psychotherapie kaum, denn im Gesundheitswesen und in den Kliniken wird zurzeit heftig gespart. Und wem es als approbiertem Niedergelassenen nicht gelingt, einen der wenigen so genannten Kassensitze zu ergattern, kann sich auch mit Privatpatienten allein nur schwer ernähren

Laut einer Arbeitgeberbefragung werden bis 2009 nur in der Wirtschaft wieder mehr Stellen erwartet. Aber erst langsam setzt sich bei Jungpsychologen die Erkenntnis durch, dass es außerhalb von Praxen und Kliniken viel gibt, wo Psychologen gebraucht werden könnten, beispielsweise in der Arbeits-, Verkehrs- und Bildungspsychologie oder als Mediator.

Deshalb empfiehlt der Berufsverband Psychologiestudenten eine Spezialisierung schon im Hauptstudium, viele Praktika und mehr Engagement in Sachen BWL, IT, Fremdsprachen und Soft Skills. "Und es ist durchaus sinnvoll, sich mehr unternehmerischen Mut zuzulegen", rät Christa Schaffmann vom Berufsverband Deutscher Psychologen. Denn auch eine therapeutische Praxis muss wirtschaftlich geführt werden. Grafiker: Die verkannte Spezies

Während Psychologen noch gewissen Spielraum am Arbeitsmarkt besitzen, sind die Grafiker wirklich arm dran. Dabei spiegeln ihre von Personalmarkt ermittelten Durchschnittsgehälter längst nicht den ganzen Schrecken wider. Durchschnittlich verdient ein Absolvent mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung 27.400 Euro brutto. Ein Viertel bekommt aber schon weniger als 22.000 Euro. Gänzlich unter den Tisch fallen die Heerscharen unbezahlter Praktikanten und Freelancer, die den Agenturen zu Mini-Honoraren zuliefern. Großverdiener wird man in diesem Beruf auch später nicht. Nach Untersuchungen der Allianz Deutscher Designer (AGD) kommen berufserfahrene Senior Designer auf etwa 3.250 Euro brutto im Monat - was dann auch langsam Ende der Fahnenstange für den Rest des Berufslebens ist.

Grafiker
Einstiegsgehalt: 27.400 Euro brutto
Problem: Schlecht bezahltes Einjahrespraktikum heute Standard, geringe Marktchancen als Freiberufler
Ausweg: Schnell viel Berufserfahrung, netzwerken, Spezialisierung, mehr unternehmerisches Know-how


Das Gros verlässt deshalb irgendwann die Entwurfsschiene und wird Projektmanager oder macht sich selbstständig. Um aber als Freelancer auf den gleichen Verdienst zu kommen, wäre laut AGD ein Stundensatz von 70 Euro nötig, um auch Leerlaufzeiten überbrücken zu können. Unter 50 Euro, so der Verband, kann ein Büro kaum profitabel arbeiten. Dieser Satz ist aber zurzeit nur von Etablierten zu erzielen, weiß Andrea Härtlein, Inhaberin der Kölner Agentur space5. "Viele Umgeschulte, aber auch viele Qualifizierte, die sich unter Wert verkaufen, machen den Markt mit Dumpingpreisen kaputt. Bei Ausschreibungen ist man oft mit Geboten im Mittelfeld schon nicht mehr konkurrenzfähig.

Um an gute Aufträge zu kommen, helfen nur noch Renommee, Mundpropaganda und Kontakte. Für Junggrafiker kann das nur heißen: sich eine ordentliche Mappe mit Referenzen aus Top-Agenturen erarbeiten und netzwerken was das Zeug hält. Ulrike Damm, Mitinhaberin der Corporate Design-Agentur Damm und Lindlar und Vorstandsmitglied bei der AGD, rät, sich schon während des Studiums mit dem Thema Selbstständigkeit und Unternehmertum zu beschäftigen. "Viele werden aus Verzweiflung Freelancer und agieren dann laienhaft, weil sie es sich nicht aktiv ausgesucht haben. Ein eigenes Büro kann nur erfolgreich sein, wenn man dieses Dasein voll akzeptiert." Trotzdem: Ein mäßig bezahlter Überzeugungstäter-Job wird es wohl immer bleiben

*Name von der Redaktion geändert Akademische Einstiegsgehälter1: Licht und Schatten


Beruf unteres Quartil2 Median3 oberes Quartil2
Investmentbanker M & A 48.462 61.224 69.620
Steuerberater/Wi.Prüfer 40.000 48.500 54.500
Unternehmensberater 39.000 46.221 55.200
Key Account Manager 39.000 45.802 48.627
Pharma-Referent 37.520 45.760 51.590
IT-Berater 38.400 43.396 49.075
Ingenieuer F & E 37.650 42.667 48.665
Kulturmanager 25.200 32.625 38.961
Bauingenieur 28.600 32.500 37.712
Texter 26.556 29.250 33.700
Pädagogen (ohne Lehrer) 24.481 29.670 34.667

1 Jahresgesamtgehalt für Absolventen mit bis zu zwei Jahren Berufserfahrung, Angaben in Euro
2 unteres/oberes Quartil = Werte, ober- und unterhalb derer jeweils ein Viertel der Befragten besser beziehungsweise schlechter verdienen.
3Median = Wert, ober- und unterhalb dessen jeweils 50 Prozent der Gehaltsnennungen liegen
Quelle: www.personalmarkt.de, Stand: 3/2005
individuelle Gehaltsanalyse unter: www.karriere.de/gehaltscheck
Dieser Artikel ist erschienen am 11.08.2005