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Keine Zeit für Studentenleben

Stefanie Schulte
Auf dem Stundenplan geballte Theorie, im Portemonnaie gähnende Leere: Auf die Schattenseiten eines Uni-Studiums hatte Stefan Schläpfer keine Lust. Deswegen studiert er an der Berufsakademie Ravensburg - und nimmt dafür die Doppelbelastung durch Theorie und Praxis in Kauf.
Auf dem Stundenplan geballte Theorie, im Portemonnaie gähnende Leere: Von der Uni hatte Stefan Schläpfer schon nach dem ersten Semester die Nase voll. "Ich wollte nach meiner Banklehre auf jeden Fall studieren. Aber an der Uni hat mir das Geld echt gefehlt", erzählt der 24-Jährige. Er fand für sich die passende Alternative: Seit Oktober 2000 studiert er Medien- und Kommunikationswirtschaft an der Berufsakademie Ravensburg. Nach drei Jahren Studium wird Stefan Schläpfer nicht nur den Abschluss Diplom-Betriebswirt (BA) in der Tasche haben, sondern auch Praxis satt vorweisen können: Sein Studienplan sieht neben Marketing, Recht, Medientechnologie und Medienforschung sechs Monate praktisches Arbeiten pro Jahr bei der Verlagsgruppe Handelsblatt vor.

Im Frühjahr und im Spätsommer, wenn viele "normale" Studenten die Semesterferien genießen, erstellt Stefan Schläpfer beispielsweise Statistiken in der Marketing-Abteilung. "Mein Job ist so ein Mittelding zwischen Azubi und Trainee - an die Hand genommen wie in der Lehre wird man aber nicht", erzählt der BA-Erstemester. "Kürzlich sollte ich im Marketing einige Tausend Datensätze aus einem Gewinnspiel erfassen. Mein Chef hat zu mir gesagt: Entweder du tippst das alles von Hand ein, oder du überlegst dir etwas. Daraufhin habe ich mir eine Methode zum Einscannen ausgedacht."

Die besten Jobs von allen


Der Datenberg ist inzwischen längst abgearbeitet - das Projekt beschäftigt Stefan Schläpfer aber immer noch. "Wir müssen während der Praxisphasen insgesamt drei wissenschaftliche Arbeiten einreichen, jede zehn Seiten lang. Die erste schreibe ich jetzt über das Scanner-Projekt." Die tägliche Arbeit im Verlag darf währenddessen natürlich nicht liegenbleiben. So geht für Schläpfers Praxisarbeit der eine oder andere Abend drauf.

30 Tage Urlaub, aber keine Semesterferien, dazu Klausuren und Prüfungen: Auf ein bequemes Studentenleben müssen BA'ler verzichten. Doch viele lassen sich - ebenso wie Stefan Schläpfer - davon nicht abschrecken: Für jede der wenigen BA-Stellen, die der Verlag ausschreibt, gehen 50 bis hundert Bewerbungen ein, berichtet Vera Back, in der Personalabteilung der Verlagsgruppe Handelsblatt zuständig für die BA'ler. "Für unsere Bewerber sind die kurze Studienzeit und die guten Konditionen natürlich sehr interessant". Stefan Schläpfer erhält neben seiner monatlichen Ausbildungsvergütung zum Beispiel auch einen Wohnungszuschuss für die Zeit, die er an der BA Ravensburg verbringt.

Bewerber, die in den Genuss dieser Vorteile kommen wollen, brauchen nicht nur einen guten Abi-Schnitt. "Sie sollten möglichst auch Praktika und PC-Kenntnisse mitbringen und dazu in der Lage sein, sich selbst kritisch einzuschätzen. Und wer nicht mindestens eine Zwei in Mathe hat, hat auch schlechte Karten", betont Vera Back.

Die Auswahlgespräche und Tests, die zum Bewerbungsverfahren gehören, hat Stefan Schläpfer locker gemeistert. Schließlich hat er schon im Vorfeld bewiesen, dass er - wie in der Stellenausschreibung gefordert - die Ärmel hochkrempeln kann: Nach seiner Banklehre sammelte er Erfahrungen als Webdesigner und absolvierte ein sechsmonatiges Praktikum in dem Verlagshaus, das ihm später den Weg an die Berufsakademie eröffnet hat. Mit seiner Studienentscheidung ist er sehr zufrieden. "Die BA ist für mich die ideale Mischung. Anders als in der Lehre, wo jeder kleinste Handgriff eingeübt wird, darf ich mir hier die Details selbst erarbeiten. Und im Unterschied zur Uni kann ich das Wissen, das ich an der Akademie lerne, hier direkt einbringen."
Dieser Artikel ist erschienen am 12.04.2001