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Keine One-Man-Show

Von Nicole Wildberger, Handelsblatt
Axel Schmiegelow wächst mit der Multimedia-Agentur Denkwerk gegen den Trend. Sein Erfolgsrezept: Teamarbeit.
KÖLN. Der erste Auftrag war schuld. Axel Schmiegelow, Chef des Kölner Multimediadienstleisters Denkwerk, erinnert sich: Ein Name für die künftige Adresse der Webseite eines linguistischen Archivs wurde gesucht. Der frisch gebackene Agenturgründer und seine Partner Jörg Rheinboldt und Felix Hildebrand machten sich an die Arbeit. Ihre Wortschöpfung verkauften sie für 350 Mark. Gar nicht so schlecht, fanden die Kreativen.Was sie nicht ahnen konnten: Knapp zwei Jahre darauf wurde der von ihnen kreierte Name für zwölf Millionen Mark weiterverkauft. ?Das war eine betriebswirtschaftliche Lektion fürs Leben?, sagt der 31-Jährige. Verstanden hat er sie jedenfalls. Heute leitet er die nach eigenen Angaben größte inhabergeführte Multimedia-Agentur Deutschlands mit einem Umsatz im Geschäftsjahr 2003 von sieben Millionen Euro. 71 Mitarbeiter arbeiten bei Denkwerk im ehemaligen 4711-Haus in Köln-Ehrenfeld.

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Mint, weiß und gold leuchtet der Firmensitz mit seiner Fassade und dem gewundenen Treppenhaus wie ein Abbild der schillernd bunten Internetwelt. Gebäude und Mieter könnten nicht besser zueinander passen: farbig und solide. ?Anders hätte Denkwerk die letzten stürmischen Jahren auch nicht so gut überstehen können?, sagt der Jurist.Mitarbeiter schätzen seine ansteckende Begeisterung, mit der er sich für neue Ideen einsetzt, genießen die lockere Arbeitsatmosphäre der Agentur und wissen dennoch um die konservativen Tugenden ihres Chefs. Wie ein Unternehmer alter Schule fühle der sich für das Wohl und Wehe seiner Leute verantwortlich, sagt einer seiner langjährigen Mitarbeiter. ?Und im Gegensatz zu vielen anderen Agenturchefs hat er sich selbst nie als One-Man-Show inszeniert?, fügt er hinzu.Tatsächlich erzählt Schmiegelow nicht gerne über sich selbst, nutzt jede Gelegenheit, um zum ?eigentlichen Thema? zurückzukehren: Denkwerk. Der Multimediadienstleister wächst gegen den Markttrend (Umsatzwachstum 2003 von 50 Prozent) und behauptet sich nach Einschätzung des Chefs vor allem durch ?Kreativität und technische Fähigkeiten?. Zu den Kunden gehören Nokia, Thomas Cook und die Alte Leipziger Versicherung.Doch was sich 2003 mit zahlreichen Erfolgszahlen belegen lässt, begann improvisiert und klein ? in einer Art Frittenbude. Als 1996 die Denkwerk Gesellschaft für Neue Medien gegründet wurde, ?starteten wir zu dritt in der Küche von Jörg Rheinboldt?, erinnert sich Schmiegelow. Sie organisierten auf Messen riesige Internet-Cafés und suchten dafür Sponsoren. Lange bevor Banken und spendierfreudige Kapitalgeber die Internetszene entdeckten, waren ?die hohen Margen unser Venture-Capital?, sagt der Agenturchef. Die Firma wächst mit Kunden wie Henkel und Toyota.Dann kommen die ersten Rückschläge. Partner Jörg Rheinboldt scheidet Ende 1998 aus dem Unternehmen aus und gründet gemeinsam mit dem Ex-Praktikanten Oliver Samwer das deutsche Internet- Auktionshaus Alando. Zwei Jahre später geraten die verbliebenen Denkwerk-Gründer in Ansteckungsgefahr ? das Börsenfieber grassiert. Mitte 2000 treten eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und eine Bank an die Gründer heran. Ihr Vorschlag: mit einem Kölner Medienhaus zu fusionieren und das Unternehmen an die Börse zu bringen. Auf einen Firmenwert von 280 Millionen Mark schätzen die Banker die Internetschmiede. Die Gründer sind ?Feuer und Flamme?.Aber der Fusionspartner zögert die Verhandlungen hinaus, die Gespräche gestalten sich schwierig, die Mitarbeiter werden unruhig. ?Das Team war gegen die Fusion, was wir gar nicht verstanden.? Schließlich hatten die Gründer durchaus geplant, ein großzügiges Stock-Option-Programm aufzulegen. Aber Torsten Panzer, damals Marketingleiter der Agentur und heute geschäftsführender Gesellschafter von Ad Publica, erinnert sich an die verbreitete Skepsis: ?Sieg der besseren Idee und flache Hierarchien ? das alles gab es wirklich bei Denkwerk. Und dazu passte die Fusion einfach nicht.? Die Chefs gaben nach, entschieden sich gegen den Börsengang ? ein Glück. Der anvisierte Termin für den Börsengang wäre November 2000 gewesen. Damals waren die Internetwerte an der Börse bereits im freien Fall. ?Die Geschichte hat unserem Team Recht gegeben. Seither glaube ich an die kollektive Vernunft einer Organisation?, sagt Schmiegelow.Die Mitarbeiter sollten es ihrem Chef danken. Nach gescheiterter Fusion und abgeblasenem Börsengang folgte ein weiterer Schicksalsschlag: Mitgründer und Finanzvorstand Felix Hildebrand verunglückte tödlich. ?Das war schrecklich. Alle fühlten sich betroffen?, erinnert sich ein Mitarbeiter. Aber in der Krisenzeit stand die Agenturgemeinschaft zusammen. Als Denkwerk 2001 in schweres Fahrwasser gerät, verzichten die Mitarbeiter auf Teile ihres Gehalts, vermeiden damit Entlassungen. ?Wir mussten in Zeiten, in denen Hunderte von Mitarbeitern anderer Internetfirmen ihre Pink Letters erhielten, nur zwei Mitarbeiter kündigen. Einen davon konnten wir acht Wochen später wieder einstellen?, berichtet Schmiegelow.Die Erfahrung aus der Krisenzeit hat für ein Arbeitsplatzsicherungsprogramm gesorgt, das für künftige schwierige Geschäftszeiten wappnen soll: im Krisenfall weniger Arbeit bei Gehaltsverzicht, im Gegenzug Arbeitsplatzgarantie und Gewinnbeteiligung.Doch die beste Arbeitsplatzsicherung sind florierende Geschäfte. So konzentriert sich die Agentur heute wieder auf ihre Kernkompetenzen und bietet an, den Mehrwert ihrer Leistungen in Marketing, Vertrieb und Kundenbindung mit einem speziellen Modul messbar zu machen. Vor allem dieses Angebot zieht bei Firmen, die in Zeiten des Internet-Booms teures Lehrgeld bezahlen mussten. Forschungspartnerschaften wie die mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) sorgen für internationalen Wissensaustausch. Und das nächste große Projekt? Natürlich gibt es viele. Aber der Chef hat jetzt ausnahmsweise keine Lust mehr, über die Agentur zu reden, greift in die Innentasche und präsentiert seinen ganzen Stolz: Fotos von Söhnchen Arthur, der erst wenige Monate alt ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.12.2003