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Keine Geranien für Spanien

Von Stefan Ernst
Es gibt Dinge, die passen einfach nicht zueinander. Oder doch? Über Dichtung und Wahrheit, Fußball und Lyrik und die Kunst des Schlag(-zeilen)reims.
?Rudi, haudi Saudi? titelte die Bild-Zeitung vor dem Spiel der deutschen Recken unter Rudi Völler gegen Angstgegner Saudi-Arabien. Ausgerechnet das Flaggschiff des teutonischen Boulevardjournalismus verhilft einer sich in Agonie windenden Kunstform zu angemessener Bedeutung: der Lyrik. Mit ?Kahn & Klose...der Rest war tote Hose?, erhöht das Blatt nach dem Unentschieden gegen die ?Irländer? (Rudi Völler) die Schlagzahl. Zur Erweiterung der Zielgruppe taugt die Reim-Offensive allemal. Nicht nur traditionell boulevard-skeptische Freunde der verquasten Poesie dürften in Zukunft häufiger zu der Zeitung mit den großen Buchstaben greifen, sondern auch rappende, hip-hoppende und sonstwie reimelnde Jugendliche.Wir dürfen gespannt sein, was den Headlinern der Redaktion in den nächsten Tagen einfällt: Gut vorstellbar im Falle eines Sieges gegen die nach Selbstauskunft ?unbezähmbaren? Löwen aus Kamerun: ?Kahn: Nix zu tun gegen Kamerun?. Darüber hinaus bieten sich Metaphern unterschiedlichster Provenienzen an; etwa aus dem Bereich der Werbewirtschaft (?Ramelow macht Rudi froh?). Vor dem Spiel sind eher appelativ gefärbte Schlagreime wie ?Alles klar dann, Hamann?, ?Bring?s Frings? oder - aus geographischer Sicht nicht ganz astrein - ?Aloha Asamoah? zu befürchten.

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Aber halt! Fußball und Lyrik. Das hatten wir doch schon mal. Ausgerechnet ein Italiener war's, der, zwar ungereimt und kryptisch, aber erfrischend emotional die deutsche Dichtungslandschaft förmlich zerpflügte und mit gezielt gewagten Spitzen ("Was erlaube Struuunz?") direkt ins Herz des deutschen Fußballfreundes traf. So weit, wie es scheint, liegen sie also gar nicht auseinander, die Künste der Versmaß- und der Ballbehandlung.Aber bitte, meine Herren von der schlagzeilenden Zunft: "Rudi, haudi Saudi" klingt doch ganz arg nach einer Aufforderung zum Schweinemetzeln. Trotz super Zweitverwurstungspotenzial im Society-Ressort ("Effe haut die Claudi") - ein wenig mehr inhaltliche Genauigkeit scheint dringend angeraten. Deshalb hier mein Titel-Brüller für den möglichen deutsch-iberischen Gipfel im Achtelfinale ? präzise und trotzdem sturzmetaphorisch: "Keinen Topf Geranien für die Jungs aus Spanien!"
Dieser Artikel ist erschienen am 10.06.2002