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Keine Chance für Fremde

Von Oliver Stock
Wie heißt eine dieser Lebensweisheiten, die wie die Messlatte eines Stabhochspringers ziemlich weit oben liegt? ?Du sollst gehen, wenn es am schönsten ist.? Von Nestlé bis Roche: In diesem Sommer werden so viele Schweizer Konzernchefs ausgewechselt wie nie.
Stühlerücken in schweizer Vorständen. Foto: dpa
ZÜRICH. Die Chefs der großen Schweizer Unternehmen von Roche bis zur UBS, von Nestlé bis Novartis haben schon davon gehört und verhalten sich wie die Hochspringer: Einige schaffen es, einige reißen die Latte, und manche stolpern beim Anlauf. Beim Zuschauen mutet das ganze an wie ein großes Turnier: Denn noch nie sind innerhalb weniger Wochen mehr Chefs von Schweizer Blue-Chip-Konzernen gegangen oder haben ihre Ablösung angekündigt als in diesem Sommer. Es ist die Zeit des Wechsels, ?in der die 40-Jährigen die 60-Jährigen ablösen?, sagt Rolf Soiron, Multi-Verwaltungsrat im kleinen Nachbarland mit den großen Firmen ? und einer der am besten vernetzten Industrielenker.Diese entspannte Erklärung ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere besteht darin, dass auch an der Schweiz die Diskussion um die Regeln der guten Unternehmensführung nicht spurlos vorübergegangen ist. Besonders die Unternehmenschefs, die gleichzeitig an der Spitze ihres in der Schweiz Verwaltungsrat genannten Aufsichtsgremiums sitzen, geraten unter Druck, ihr Doppelmandat aufzugeben.

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Und noch etwas fällt auf: An die Spitze der Unternehmen gelangen nur Leute aus den eigenen Reihen. Die Schweizer scheuen sich offenbar, einem Außenstehenden die Führung zu überlassen.Der erste Hochspringer verließ im Mai als Gewinner den Platz, genauer den Paradeplatz in Zürich, seinen Wettkampfort sozusagen: Oswald Grübel, Chef der Großbank Credit Suisse, ist gegangen, als es am schönsten war. Er hatte die Bank drei Jahre lang allein und zuvor mit einem eher ungeliebten Partner geführt und von einem notorisch von unliebsamen Überraschungen geplagten Institut zu einem Geldhaus mit einer klaren Strategie umgebaut. Er verabschiedete sich mit einem Rekordgewinn, schloss aus, dass er jemals wie andere Kollegen in mehreren Verwaltungsräten auftauchen werde und ward seither tatsächlich nicht mehr gesehen.Ihm ist Brady Dougan gefolgt. Der ehemalige Chef der Investment-Sparte der Bank hat keinen einfachen Start. Ausgerechnet im Investment-Bereich brauen sich dunkle Wolken zusammen, seit große Hedge-Fonds straucheln und die Finanzierung von Firmenübernahmen als Einnahmequelle keine sichere Bank mehr ist. Dougan könnte also bald erfahren, was es heißt, wenn der Vorgänger geht, wenn es am schönsten ist: Es kann nur schlechter werden. Immerhin trifft auf das Duo Grübel/Dougan die Erklärung vom Generationswechsel zu: Der Abgänger ist 63, der Aufsteiger 47.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Dramen zwischen KonkurrentenNicht zugetroffen hat diese Erklärung auf die Konkurrenz von der zweiten Großbank, der UBS, die ebenfalls rund um den Paradeplatz ihre Spieler ausgewechselt hat. Peter Wuffli hat im vergangenen Monat über Nacht die Brocken hingeschmissen, Marcel Rohner ersetzt ihn. Der eine ist 49, der andere 42, was die Bank nicht daran hinderte, dennoch die Mär vom ?Generationenwechsel? zu erzählen.Tatsächlich dürfte anderes dahintergestanden haben: Eine Reihe von Quartalsergebnissen fiel nicht zur Zufriedenheit aus. Und der bevorstehende Wechsel Wufflis an die Spitze des Verwaltungsrats stieß bei anderen Mitgliedern des Gremiums nicht gerade auf Wohlwollen.Ein ähnliches Drama zwischen zwei ausgemachten Konkurrenten wie in Zürich bahnt sich in Basel an. Dort sind es nicht Banken, sondern mit Roche und Novartis zwei Pharmafirmen, die darum um die Wette eifern, wer die Nummer eins am Platz ist. Eigentlich war es Novartis. Dessen Chef Daniel Vasella war viele Jahre stets der smartere, jüngere und erfolgreichere Firmenlenker im Vergleich zu Franz Humer, seinem Kollegen von Roche. Doch während Vasella nur alles richtig machte, hat Humer in den vergangenen drei Jahren vieles besser gemacht.Vasella hat Novartis breit aufgestellt und setzt darauf, auch bei Nachahmer-Medikamenten eine führende Rolle zu spielen. Humer hat Roche vor allem auf Krebsmedikamente spezialisiert und alles, was in der Apotheke als nicht verschreibungspflichtig über die Ladentheke geht, verkauft.Die Folge ist, dass Novartis gut verdient, Roche aber besser und sich Humer eines steigenden Aktienkurses erfreuen kann, während Vasella ein stagnierender Kurs zunehmend unter Druck bringt.Beide Chefs stehen gleichzeitig auch an der Spitze ihrer Kontrollgremien, was Aktionärsvertreter nun gar nicht mehr gut finden. Humer hat die Kritik lange Jahre einfach ausgesessen.Lesen Sie weiter auf Seite 3:?Latte gerissen?, würden Sportreporter notieren.Dann, vor zwei Wochen, setzt er bei einem Frühstück mit Journalisten Severin Schwan an seine Seite. Der Chef der Diagnostik-Sparte soll nächstes Jahr Vorstandschef werden. Humer bleibt an der Spitze des Verwaltungsrats. Der Altersunterschied beträgt 22 Jahre. Generationswechsel geglückt, Verfechter von Corporate Governance ruhiggestellt ? kann Roche verkünden und Vasella wieder in den Schatten stellen. Der Novartis-Chef hat in der Öffentlichkeit den Zeitpunkt zum freiwilligen Rückzug verpasst. ?Latte gerissen?, würden Sportreporter notieren.Etwas abseits der beiden Hauptschauplätze der Schweizer Wirtschaft liegt das beschauliche Vevey im Westen der Alpenrepublik. Dort sitzt einer, der beim Anlauf ziemlich gestolpert ist und es nun zum zweiten Mal versucht: Peter Brabeck-Letmathe führt den Nahrungsmittelriesen Nestlé und macht seine Sache an sich gut: Die Margen steigen, und mit dem Ausbau der Wassersparte und dem Einstieg in medizinisch anspruchsvolle Ernährung setzt er auf die richtigen Trends. Umso unverständlicher war es, als Brabeck und sein Aufsichtsgremium vor zwei Jahren bei der Suche nach einem neuen Verwaltungsratspräsidenten nur einen Kandidaten präsentierten: nämlich Brabeck. ?Der Kandidat muss eben ein Profi sein, der zur Wertschöpfung des Unternehmens beiträgt?, begründete er selbstbewusst die Entscheidung. Das Doppelmandat, das nicht in die Zeit passt, hat ihm viel Kritik eingebracht.Mit gebührendem Abstand, so dass niemand einen Zusammenhang herstellt, wird Brabeck nächstes Jahr seinen Posten als Konzernchef aufgeben. Bereits nächsten Monat will er seinen Nachfolger präsentieren. Gute Chancen werden Finanzchef Paul Polman eingeräumt. Der 50-Jährige wechselte erst kürzlich von Procter & Gamble zu Nestlé.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.08.2007