Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Keine Angst vor Verlusten

Von Stefanie Bilen
So ein Satz hat Seltenheitswert. ?Es ist nicht schlimm, wenn wir ab und an rote Zahlen schreiben?, sagt Jörgen Bodum. Doch Der Däne hat keine Angst vor Verlusten. Er krempelt den Schweizer Hersteller von Tee- und Kaffeegeschirr kräftig um.
HB DÜSSELDORF. Und seine Stimme klingt warm und geduldig, wenn er mit dänischem Akzent deutsch spricht. ?Dann weiß man, dass man sich wieder mehr anstrengen muss?, fügt der Geschäftsführer und Inhaber des Haushaltswarenherstellers Bodum hinzu.Nun, das vorige Geschäftsjahr hat das in Dänemark gegründete und seit langem in der Schweiz residierende Unternehmen laut Bodum mit Gewinn abgeschlossen. Trotzdem gab ? und gibt ? es für den 57-Jährigen und seine 650 Mitarbeiter reichlich Grund, sich ins Zeug zu legen.

Die besten Jobs von allen

Der Hersteller von Tee- und Kaffeegeschirr hat zu viel Ware über Supermärkte und Discounter verkauft ? und damit den Fachhandel verärgert. ?Die Händler bewundern so eine Maßnahme nicht?, sagt der gebürtige Däne etwas umständlich und schickt ein Grinsen hinterher. ?Zudem tut es der Marke nicht gut.?Der Bundesverband für den ge-deckten Tisch, Hausrat und Wohn-kultur e. V. (GPK) wird deutlicher: ?Bodum verfolgt eine Vertriebspolitik, die keine enge Kooperation mit dem Fachhandel vermuten lässt.? Es ist von verärgerten Händlern die Rede, die den Glauben an das Unternehmen verloren hätten. Traditionell beliefert Bodum rund 80 eigene Shops sowie Fachhändler, Warenhäuser und Möbelgeschäfte. Supermarktkonzerne wie Tengelmann oder Rewe sind jedoch als Vertriebspartner in den vergangenen Jahren immer stärker geworden.Um das Schlimmste zu verhindern, hat Jörgen Bodum die Notbremse gezogen. Er stoppte im vorigen Jahr den Verkauf bei Plus, Penny & Co. und führte die Marke Melior ein. Unter diesem Namen will er ein kleines Sortiment von Kannen und Tassen in Supermärkten und Drogeriemärkten anbieten.Während das Preisniveau der Stammmarke zwischen 30 und 100 Euro rangiert, sind Melior-Produkte für zehn bis 30 Euro erhältlich. Gleichzeitig will der Chef die Stammmarke aufwerten: Weniger Plastik, mehr Edelstahl, edles Glas und Porzellan. ?Wir haben gelernt, dass niemand ein nettes Geschenk auf dem Wühltisch eines Supermarkts wiederfinden möchte?, sagt der Familienunternehmer.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Däne gibt sich bodenständigAußerdem hat er voriges Jahr alle europäischen Vertriebsbüros mit wenigen Ausnahmen in das 3 000-Einwohner-Örtchen Triengen in der Schweiz geholt, wo das Unternehmen seit 1979 seinen Sitz hat. Nicht weit davon entfernt, in Luzern, wohnt Jörgen Bodum mit seiner Frau und seinen vier Kindern im vornehmen Kastanienbaum am Vierwaldstätter See. Das Schweizer Magazin ?Bilanz? zählt Bodum mit einem Vermögen von rund 100 Millionen Franken zu den betuchteren Schweizern.Trotzdem gibt sich der schlanke, nicht besonders große Däne bodenständig. Er gilt als zurückhaltend und wirkt eher wie ein Märchenonkel denn wie ein ausgebuffter Geschäftsmann. ?Ich habe ihn noch nie aus der Haut fahren sehen?, sagt Jürgen Henkel, verantwortlich für Mitteleuropa und seit 1988 im Unternehmen. ?Herr Bodum ist kontrolliert ? und sehr rührig. Er ist der Dynamo des Unternehmens.?Sommers wie winters springt Bodum morgens in den See vor seinem Haus und zieht seine Bahnen. Zuvor hat er seine einstündige Joggingrunde absolviert. Derart sportlich ist auch seine Einstellung im Geschäftsleben: Mal fährt er Verluste ein, mal sinkt der Umsatz. Im vorigen Jahr hat er noch die Kurve bekommen und mit 110 Millionen Euro den Vorjah-resumsatz erreicht, wovon 95 Prozent aus dem Ausland stammen. Der GPK meldet für die Branche ein Minus von 4,5 Prozent. Die Porzellanindustrie erwartet für 2005 dagegen erstmals seit neun Jahren ein leichtes Plus. Der Januar sei auch für Bodum mit einem Umsatzplus von 20 Prozent gut gelaufen: ?In den USA haben wir unser Geschäft verdoppelt.?Jörgen Bodum kam schon früh ins Unternehmen der Eltern. Als sein Vater Peter 1967 starb, übernahm zwar erst dessen Frau Britta die Geschäfte. Doch bezieht sie den Junior schon in die ersten Entscheidungen mit ein. Sie lässt Jörgen aber noch Zeit für eine solide Ausbildung: erst die Lehre in einem Haushaltswarengeschäft, dann ein Wirtschaftsstudium in Kopenhagen und Paris. Mit 26 Jahren wird er Geschäftsführer und macht die Marke groß.Bodum betont gerne, dass sie eine der wenigen internationalen Marken in der Branche sei ? und sieht sich selbst irgendwo zwischen Alessi und Ikea. Sie gilt als modern und ansprechend, nicht richtig hochwertig, aber auch nicht billig. Ein bisschen wie WMF. Jörgen Bodum versteht sich als Verkäufer ? und verbringt die meiste Zeit damit, Kunden und Produzenten zu besuchen. Einmal wöchentlich setzt er sich mit seinen Designern zusammen und bespricht neue Entwürfe.Viele Designs verlassen das Haus ohne Markenname. Die Schweizer beliefern Starbucks mit Kaffeegeschirr und den japanischen Einrichtungshändler Muji. ?In fast allen guten dänischen Restaurants gibt es unsere manuellen Kaffeebereiter?, sagt Bodum stolz. ?Wir sollten im Gastronomiegeschäft allerdings noch viel mehr machen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 17.03.2006