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Kein Wettbewerb, keine Elite

Arnis Vilks, 48, ist Professor für VWL und Rektor der Handelshochschule Leipzig, die er 2004 zur internationalen Akkreditierung führte. Vilks lehrte und forschte unter anderem an den Universitäten Hamburg, Köln, Riga, Cambridge und Stanford.
Dass die Elitendiskussion in Deutschland gerade von einem sozialdemokratischen Bundeskanzler neu entfacht wurde, hat viele überrascht - ist doch die politische Linke in wohl allen gesellschaftlichen Bereichen eher egalitär orientiert.
Dass die Elitendiskussion in Deutschland gerade von einem sozialdemokratischen Bundeskanzler neu entfacht wurde, hat viele überrascht - ist doch die politische Linke in wohl allen gesellschaftlichen Bereichen eher egalitär orientiert. Nach wie vor gilt beträchtlichen Teilen der 68er Generation schon der bloße Begriff als suspekt. Die Existenz gesellschaftlicher Eliten positiv zu werten, schien traditionell eher dem konservativen oder liberalen Lager vorbehalten. Tatsächlich ergibt sich das Bekenntnis zur Förderung von Eliten völlig folgerichtig aus dem Bekenntnis zum Wettbewerb - etwas, das man kaum zu den Grundüberzeugungen der politischen Linken zählen wird, das sich aber doch erfreulicherweise auch in der deutschen Sozialdemokratie durchzusetzen scheint. Warum Leistungseliten und Wettbewerb zwangsläufig zusammengehören - ganz gleichgültig, ob man dabei nun den wissenschaftlichen, politischen, künstlerischen, sportlichen oder wirtschaftlichen Bereich im Auge hat -, lässt sich anhand von fünf Thesen erläutern:1. Wo Wettbewerb Organisationsprinzip ist, entstehen zwangsläufig Eliten.
Dass ein Wettbewerbsmechanismus jeweils die Besten auswählt, ergibt sich ja bereits aus dem Begriff selbst. Der Sport mit seinen Systemen von regelhaft wiederkehrenden Wettkämpfen ist ein prägnantes Beispiel dafür, dass durch institutionalisierten Wettbewerb die jeweils Besten erst definiert werden. Der Bereich des Sports zeigt aber zugleich auch deutlich, dass es selbst in einer klar abgegrenzten Sportart nicht "die" Elite gibt: Höchstleistungen lassen sich immer noch verbessern, und Sieg und Niederlage hängen davon ab, welcher Konkurrenz man sich stellt. Dies gilt nicht nur im Sport, sondern ebenso für wissenschaftliche Eliten: Der "deutsche Meister" ist noch lange nicht Europa- oder gar Weltmeister.

2. Systematische Förderung von Leistungseliten erfordert umgekehrt die Implementierung eines Wettbewerbsmechanismus.
Die Entwicklung der Wissenschaft in Deutschland belegt augenfällig, dass Eliten fehlen oder nur unzureichend hervortreten, wo Wettbewerb nicht besteht oder weitreichenden Beschränkungen unterworfen ist: Hochschulen, die keine Möglichkeit - oder keinen Anreiz - haben, sich um die besten Studenten aus dem In- und Ausland zu bemühen, sondern die vielmehr "Hochschulzugangsberechtigte" nach Wartezeitkriterien zugeteilt bekommen, werden kaum eine Reputation als Elitehochschule entwickeln können. Universitäten, die ihre Professoren nach Beamtenrecht besolden müssen, werden nur selten die Professoren erhalten, denen etwa eine amerikanische Spitzenuniversität auch marktgerechte Spitzengehälter zahlt.

3. Wettbewerb und Eliten sind untrennbar miteinander verbunden.
Wenn Wettbewerb also zwangsläufig Eliten produziert und fehlender Wettbewerb Elitenbildung verhindert, heißt das, dass Wettbewerb und Eliten zwangsläufig miteinander einhergehen. Elite ist dabei freilich als Leistungselite zu verstehen. Gelegentlich wird zwar auch von einer Machtelite gesprochen, wenn der Zugang zur Macht durch Geburt und Herkunft geregelt ist - also gerade nicht durch einen Wettbewerbsmechanismus, der grundsätzlich jedem eine Teilnahme ermöglicht. Aber solche Eliten empfindet heutzutage schon das gewöhnliche Sprachgefühl allenfalls als "Elite" in Anführungszeichen.

4. Elitenförderung und Wettbewerb bringen Leistungen hervor, die ohne Wettbewerb nicht hervorgebracht würden - auch bei denen, die es letztlich nicht in den "elitären Kreis" schaffen.
Weder Eliten noch Wettbewerb wird man um ihrer selbst willen befürworten. Wer sich indessen zum Wettbewerb als gesellschaftlichem Organisationsprinzip bekennt, kann seine Überzeugung auf eine vielfältig bestätigte Erfahrung stützen: Dass dort, wo Anreiz und Möglichkeit besteht, "besser" als andere zu sein, Menschen sich Mühe geben, ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, und dass sie damit die Leistungen hervorbringen, die ihnen individuell möglich sind.

5. Ein einmaliges "Preisausschreiben", auch wenn es mit einem hohen Preisgeld verbunden ist, bringt auch nur einmalig besondere Leistungen hervor.
In der Diskussion um "Deutschland sucht die Super-Uni" kann kaum genug betont werden, dass "einen Wettbewerb" auszuschreiben nicht dasselbe ist, wie Wettbewerb zu institutionalisieren. Die Aussicht auf eine großzügige, aber einmalige Finanzspritze für zur "Deutschland-Elite" erklärte Hochschulen wird zwar mit Sicherheit dort besondere Anstrengungen hervorbringen, in den Genuss des Preisgeldes zu gelangen. Aber ein nachhaltiger Effekt, der Deutschlands Universitäten auch im internationalen Vergleich konkurrenzfähig machen könnte, würde die Beseitigung derjenigen Wettbewerbsbeschränkungen erfordern, die dafür verantwortlich sind, dass Deutschlands staatliche Hochschulen international eher ausnahmsweise als Elitehochschulen angesehen werden.



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Dieser Artikel ist erschienen am 22.02.2005