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Kein Showman mehr

Von Tanja Kewes
Als der Amerikaner Mark Lee die Verantwortung für die Luxusmarke Gucci übernimmt, weiß er, was von ihm verlangt wird. Der 43-Jährige soll das italienische Traditionshaus zu dem machen, was sie immer sein wollte: eine der Top-Adressen für feinste Lederwaren, Tuche und Geschmeide. Doch das ist keine leiche Aufgabe.
Mark Lee ist nicht das Gesicht der italienischen Luxusmarke Gucci, sondern der Kopf dahinter.
BERLIN. Lees Vorgänger, erst die Familie und ab Mitte der 90er-Jahre das Design- und Management-Duo Tom Ford und Domenico De Sole, hatten Gucci in himmlische Höhen schießen und wieder in teuflische Tiefen rauschen lassen. Der Amerikaner mit den millimeterkurzen braunen Haaren macht nicht viele Worte um das, was er seit 2004 in Norditalien getrieben hat. ?Gucci ist kein zehnjähriger Junge, Gucci ist ein 86-jähriger Greis und damit europäische Kulturgeschichte?, sagt er im Gespräch mit dem Handelsblatt in Berlin. Sein gerader Blick aus dunklen, schmalen Augen lässt keinen Zweifel daran, dass er den Wandel in den vergangenen Jahren in Angriff genommen hat. Konsumentenbefragungen, Produktkampagnen und Retrochic ? der 43-Jährige, der sich selbst als ?Vermarkter? bezeichnet, kennt keine Berührungsängste. In Florenz lässt er kaum einen Stein auf dem anderen.Mark Lee zählt zur Riege der jungen Stillen im internationalen Luxusgeschäft. Der schlanke, mittelgroße und im schlichten Anzug Gewandete ist nicht das Gesicht von Gucci, wie es Tom Ford und Domenico De Sole immer sein wollten, sondern der Kopf dahinter. Er ist wie sein Counterpart bei Louis Vuitton, der gleichaltrige Philippe Schaus, ein Markenmanager. Der Luxemburger Schaus hat seine Aufgabe einmal plakativ umrissen: ?Als Manager einer Luxusmarke haben Sie kein Ego, Sie haben der Marke zu dienen.? Auch Lee nimmt sich völlig zurück. Er zeigt sich ?stolz? und ?glücklich?, nicht nur die Marke zu führen, sondern sie auch von Hals (Hemd und Krawatte) bis Hand (Armbanduhr) zu tragen. Seine Funktion bezeichnet er als ?Caretaker?, als Markenpfleger.

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Gucci ist die nach Louis Vuitton zweitgrößte Luxusmodemarke der Welt. Das bis zum Jahr 1993 in Familienhand geführte Haus machte im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 2,1 Milliarden Euro einen operativen Gewinn von 612 Millionen Euro. Und das Geschäft soll weiter wachsen ? und zwar zweistellig. Auch in Deutschland verzeichnet Gucci eigenen Angaben zufolge ? und das bestätigen Marktanalysen wie die High-End-Fashion-Studie 2006 von Roland Berger ? hohe Wachstumsraten. Hier zu Lande betreibt Gucci sechs eigene Läden, ein weiteres Franchise-Geschäft in München und bestückt 2 300 Quadratmeter Verkaufsfläche im Fachhandel.Das Haus mit dem doppelten ?G? als Logo war nicht immer so gut bestellt. Erst unter dem texanischen Designer Tom Ford, der 1994 zum Kreativdirektor aufgestiegen war, und dem 1995 ernannten Vorstandschef Domenico De Sole etabliert sich die Marke in der ersten Luxusliga. Der Shootingstar aus Italien weckt die Gelüste des Franzosen Bernard Arnault, Gründer und Vorstandschef der bis heute weltgrößten Luxusgütergruppe LVMH. Die Pläne vereitelt im Jahr 1999 jedoch dessen Landsmann, der Gründer und Vorstandschef des Konglomerats PPR. François Pinault bringt mit Gucci Glanz in sein Konzernportfolio.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gucci plant die Rolle rückwärts.Doch der Hype ist nicht zu halten, die Franzosen von PPR und die Italiener von Gucci geraten aneinander. Zudem ändern die Terroranschläge des Jahres 2001 die Vorzeichen im von Emotionen getragenen Geschäft. Luxus wird nicht mehr so ostentativ zur Schau getragen. Das Duo infernale Ford und De Sole gilt als zu wild, zu abgehoben. ?Gucci war die Marke der ,nouveaux riches?. Gucci war das diamantene Hundehalsband, und Gucci war ? und das war vielleicht das Allerschlimmste ?, Gucci war Tom Ford?, sagt der Strategieberater Franz Schmid-Preissler. Dem Streit bei Gucci-PPR folgt im Frühjahr 2004 die Trennung, Ford und De Sole gehen.Der Mann der neuen Bescheidenheit bei Gucci ist Mark Lee. Der Ex-Vorstandschef von Yves Saint Laurent soll die Marke wieder näher an den Kunden bringen. Eine seiner ersten Taten: Er beauftragt das amerikanische Marktforschungsinstitut Fallon mit Kundenbefragungen. Die 600 Interviews in Mailand, New York und Tokio bestätigen, dass die Marke nicht für ihr Selbstverständnis wie ?made in Italy? und die Qualität ihrer Produkte steht, sondern für Glamour. Für Lee, der sich noch gut an sein erstes Paar schwarze Schuhe erinnert, das er bei Gucci in New York kaufte, ein Unding.Kurz und schmerzhaft räumt er auf. Frida Giannini, zunächst Kreativchefin für die Accessoires, schafft es, historische Motive wie das Muster Flora, das Material Bambus und das Hufeisen-Logo modern zu interpretieren. Lee macht sie zur Kreativdirektorin. Ihre Kollegin Alessandra Facchinetti, die bis dahin die Damenmode entworfen hatte, weigert sich, Altes neu aufzulegen, und kann gehen. Auch in der Werbung geht Lee neue Wege. Er lässt die Produkte, also die Schuhe und Taschen von Gucci, inszenieren und betont die Eigenproduktion und -kreation in Italien. ?Ich bin kein Showman?, erklärt er in Anspielung auf frühere Kampagnen, die Modeschauen und Prominente ins Visier nahmen. Werbechefin Karen Joyce verlässt das Haus. Mark Lee mag und macht Tempo. ?Er hasst großes Palaver?, heißt es.Die Rolle rückwärts von Gucci gilt jedoch als kein leichtes Kunststück. ?Gucci hat nicht die Tradition von Häusern wie Louis Vuitton, Hermès, Ferragamo oder die Substanz einer Marke wie Chanel?, sagt Schmid-Preissler. Die Strategie von Lee, in die Archive abzutauchen und alte Codes wiederzubeleben, sei zwar sicher die richtige, doch bleibe fraglich, ob es dort genug zu entdecken gebe: ?Gucci war schon immer eine etwas leichte Marke der Parvenüs.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Gucci als Vorreiter im Online-GeschäftDas Manko kennt auch Lee ? und geht deshalb progressiv vor. Gucci soll die erste Luxusmarke sein, die weltweit online verkauft. Und um sich nicht von der neuen Konkurrenz ? den schnellen und designorientierten Modeketten Zara oder COS von Hennes & Mauritz ? vorführen zu lassen, erhöht Lee die Anzahl der Kampagnen pro Jahr von zwei auf vier. Das Risiko, mehr Kollektionen aufzulegen, wie es andere Luxusmodemarken wie Escada tun, will er nicht eingehen: ?Unseren Ruf und unsere Qualität setzen wir nicht mehr aufs Spiel.?
Mark Lee1964: wird Lee in San Francisco geboren. Mit 17 geht er zum Studium nach New York.1989: übernimmt er für fünf Jahre das Handelsgeschäft des Modedesigners Giorgio Armani in den USA. Danach baut er die US-Tochtergesellschaft der deutschen Modemarke Jil Sander auf.1996: startet er als Geschäftsführer Damenmode bei Gucci. Schon ein Jahr später steigt er zum Merchandising Director International aller Gucci-Produktgruppen auf.1999: rückt er auf den Chefsessel der französischen Luxusmarke Yves Saint Laurent.2004: wird er Geschäftsführer, dann Chef von Gucci. Er pendelt zwischen New York und dem Rest der Welt.2007: treibt er die Internationalisierung in China und Indien voran. Gucci soll die erste Luxusmarke mit weltweiter Online-Präsenz sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.05.2007