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Kein Schonraum mit rosa Schleife

Von Katrin Terpitz
Homosexuelle fühlen sich im Job oft zurückgesetzt ? allen Gesetzen und Diversity-Programmen zum Trotz. In konservativen Branchen wie der Industrie und in Großunternehmen zeigen sie sich am verschlossensten. Wer ganz nach oben will, wagt selten, sich zu outen. Doch die Situation bessert sich langsam.
Jake Gyllenhaal (l) und Heath Ledger in "Brokeback Mountain". In dem Film stellen die beiden zwei Schwule dar, die sich nicht trauen, ihre Homosexualität in der Öffentlichkeit zu zeigen. Foto: dpa
DÜSSELDORF. ?Jetzt geben Sie doch endlich zu, dass Sie schwul sind?, mit diesen Worten wurde Frank Pietzka, Projektcontroller in einem Berliner Großunternehmen, eines Tages von seiner Chefin überrumpelt ? und zwangsgeoutet. ?Sie war absolut tolerant, aber mein Schwulsein verbreitete sich danach wie ein Lauffeuer in der Firma.? Schlüpfrige Anspielungen auf Teamsitzungen parierte Pietzka mit Humor. Irgendwann aber spürte er, dass er als Homosexueller in den geschlossenen Karrierezirkeln außen vor blieb. Seit drei Jahren ist der 45-Jährige als Immobilienberater sein eigener Chef. ?Ich wollte mich frei entfalten können.?Indem sie Ausgrenzung und Benachteiligung tolerieren, vergraulen viele Unternehmen wertvolle Mitarbeiter ? nur weil sie anders leben als der Mainstream. Dreiviertel aller Homosexuellen hier zu Lande haben wegen ihrer sexuellen Orientierung Ungleichbehandlung im Job erlebt. Jeder Zehnte hat sich sogar schon stark diskriminiert gefühlt ? etwa durch Psychoterror oder körperliche Gewalt.

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Das ist das Ergebnis einer Befragung von 2 230 Schwulen und Lesben ? jeder Dritte davon in Führungsposition ? durch das Psychologische Institut der Universität Köln. ?Out im Office?!? ist die erste umfangreiche Studie über die Arbeitsplatzsituation Homophiler seit zehn Jahren und die erste seit Bestehen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes. Dies verbietet Benachteiligung wegen der sexuellen Identität sowie sexuelle Belästigung.?Heute kann ich offener mit meiner sexuellen Orientierung am Arbeitsplatz umgehen als vor zehn Jahren? ? davon sind die meisten Befragten überzeugt. Trotzdem: ?Die Hälfte der Schwulen und Lesben ist im Job verschlossen, das heißt, sie offenbaren sich keinem oder nur ganz wenigen?, berichtet Studienautor Dominic Frohn. Überraschend: Nur 13 Prozent der Homophilen bekennen sich in der ganzen Firma zu ihrer sexuellen Identität ? genauso wenige wie vor zehn Jahren. Michael Stuber, Diversity-Berater von Ungleich Besser: ?Die deutlich gestiegene Offenheit beim Thema sexuelle Orientierung hat noch nicht zu einer spürbaren Akzeptanz im Arbeitsleben geführt.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Je höher in der Hierarchie, desto offener geben sich Homosexuelle.Wo haben Schwule und Lesben am meisten Angst vor einem Coming-out? In konservativen Branchen wie der Industrie und in Großunternehmen zeigen sie sich am verschlossensten, hat Frohn ermittelt. Aus eigener Erfahrung weiß Pietzka: ?Wer sein Schwulsein verschweigt, verschanzt sich in einem Gebäude der Angst.? Verschlossene Homosexuelle verwenden bis zu 20 Prozent ihrer Energie im Job darauf, ihre Neigung zu vertuschen oder gar einen Phantompartner zu erfinden, weiß Berater Stuber. Zudem haben sie laut Studie mehr psychosomatische Beschwerden und fühlen sich ihrer Firma weniger verbunden.Auffällig: Je höher in der Firmenhierarchie, umso offener geben sich Homosexuelle. Frohn: ?Viele offenbaren sich erst dann, wenn sie etwas erreicht haben und sich sicher fühlen.? Wie auch Thomas Norpoth, Abteilungsleiter für Arzneimittelhaftung bei Bayer-Schering in Berlin. Der 55-Jährige outete sich erst, als er Besonderes im Job geleistet hatte. ?Seht her ? ich bin schwul, aber das schmälert nicht die Qualität meiner Arbeit.?
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Aber irgendwo im mittleren Management ist für bekennende Homosexuelle meist Endstation ? einmal abgesehen von Kreativbranchen. Diversity-Experte Stuber konstatiert: ?Homosexualität ist eine klare Karrierebremse.? Pietzka weiß, warum: ?In der Firma schwingen oft diffuse Ängste mit. Wie mögen Mitarbeiter oder Geschäftspartner auf einen schwulen Top-Manager reagieren?? Norpoth: ?Sozial angepasst zu sein, ist immer noch ein wichtiges Kriterium, um Karriere zu machen.? Wer in den Olymp des Top-Managements aufsteigen will, muss bestimmten sozialen Rollenbildern entsprechen ? und den richtigen Netzwerken angehören. Homosexuelle stoßen hier an dieselbe gläserne Decke wie Frauen. Pietzka: ?Schwule haben eben keine Gattin, die im Garten artig Schnittchen serviert, mit der Frau des Geschäftspartners Tennis spielt und so die Karriere ihres Mannes fördert.?Doch das starre Ideal vom betont männlichen Macho-Manager beginnt zu bröckeln. Headhunter Klaus Leciejewski von KDL Consulting in Köln beobachtet: ?Je jünger die Verantwortlichen in einem Unternehmen sind, umso unproblematischer ist der Umgang mit homosexuellen Führungskräften.? Immer mehr Firmen beginnen, Vielfalt als Chance zu begreifen. Denn Schwule und Lesben können als Querdenker viele Impulse geben. ?Monokulturelle Unternehmen, die Vielfalt nicht zulassen, sind einfältig?, bringt es Stuber auf den Punkt. Was den Betrieben verloren geht, wenn sie Anderssein ausblenden, darauf macht der Völklinger Kreis ? eine Art ?Rotary Club der Schwulen? ? aufmerksam. Dort haben sich 700 homosexuelle Führungskräfte und Selbstständige zusammengetan. Norpoth, zugleich Bundesvorsitzender des Kreises, betont: ?Menschen, die sich in ihrer Gänze akzeptiert fühlen, sind viel produktiver.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Ein Kuschelprogramm für Schwule und Lesben funktioniert nicht."Entscheidend ist wie immer die gelebte Unternehmenskultur. Diversity-Moden schön und gut. ?Ein Kuschelprogramm für Schwule und Lesben funktioniert nicht. Sie brauchen keinen Schonraum mit rosa Schleife. Was sie brauchen ist unverkrampfte Normalität?, betont Stuber, der viele Konzerne über Vielfalt berät. In toleranten Firmen haben sich Homosexuelle in den letzten Jahren organisiert. Bei 15 Prozent der Befragten gibt es solche Netzwerke, davon ist aber nur die Hälfte in den Betrieben selbst anerkannt wie bei Ford, IBM oder der Deutschen Bank. Stuber: ?Wichtig ist, dass solche Netzwerke nicht zum Zufluchtsort werden und isolieren.?Queerdirect, die Schwulen- und Lesbengruppe der VW Bank, gibt sich selbstbewusst und offen für alle. Die Braunschweiger Bank wurde für ihre Toleranz und ihr Engagement im Oktober vom Völklinger Kreis mit dem Max-Spohr-Managementpreis ausgezeichnet. Psychologin Barbara Rupprecht, Diversity-Managerin der VW Bank, engagiert sich für die Akzeptanz des Andersseins unter den 3 500 Mitarbeitern. Seit fünf Jahren ist die Bank Hauptsponsor des Braunschweiger schwulen ?Sommerloch Festivals?. ?Unsere Mitarbeiter fahren auf einem bunten Wagen mit Firmenlogo in der Parade mit ? das ist selbst für eine moderne Bank ein mutiger Schritt?, betont Rupprecht. Das alles ging nur mit Rückendeckung des obersten Managements.Inzwischen konnte die Diversity-Expertin auch die Marketingabteilung vom Konzept der Vielfalt überzeugen. So schaltete die VW Bank Werbung in einschlägigen Magazinen und warb in der Lokalzeitung mit rosa Anzeigen für das Schwulenfestival ? mit viel Resonanz. Rupprecht: ?Unternehmen, die sich offen gegenüber Homosexuellen geben, gewinnen fast automatisch neue und zahlungskräftige Kunden.? Die Studie belegt: Dreiviertel der Schwulen und Lesben bevorzugen Produkte von Firmen, die ?gay-friendly? sind.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.04.2007