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Kein Rost trotz Rast

Es kann jeden treffen: gestern noch hoch geschätzter Mitarbeiter, heute ohne Job. In manchen Branchen wie der Internet-Wirtschaft erscheint ein schneller Wiedereinstieg fast unmöglich. Also auf zu neuen Ufern. Aber wie kann ich meine Arbeitslosigkeit "verkaufen"?
Es kann jeden treffen: gestern noch hoch geschätzter Mitarbeiter, heute ohne Job. In manchen Branchen wie der Internet-Wirtschaft erscheint ein schneller Wiedereinstieg fast unmöglich. Also auf zu neuen Ufern. Aber wie kann ich meine Arbeitslosigkeit "verkaufen"?

Unten auf der Seite finden Sie ein Beispiel-Anschreiben. Wenn Sie auf einen Link am Anfang eines Tipps klicken, gelangen Sie zum dazugehörigen Abschnitt des Beispiels.

Die besten Jobs von allen



Schlecht

1 Wer sich aus der Arbeitslosigkeit heraus bewirbt, hat mit erheblichen Vorurteilen zu rechnen. Gerade Personaler denken da oft in Schubladen. Deshalb sollte die Bewerbung lieber an die Fachabteilung gerichtet werden, in der man arbeiten möchte. Noch besser ist es, sich nach dem Fachbereichsleiter zu erkundigen und ihn persönlich/vertraulich anzuschreiben.

3 Natürlich will die Bewerberin klar machen, dass sie ihre Stelle schuldlos verloren hat. Aber muss sie diese Botschaft gleich im ersten Satz des Anschreibens rüberbringen? Entlassungen sind heute ­ leider ­ wieder an der Tagesordnung, da wird kein Personaler an ihren Worten zweifeln. Die Tatsache, dass sie arbeitslos ist, und den Grund dafür hätte sie besser kurz und knapp an unterster Stelle im Lebenslauf dokumentiert.

7 Hinweise auf irgendwelche "beigefügten Unterlagen" sind immer schlecht. Alle wichtigen Verkaufsargumente des Bewerbers gehören in das Anschreiben. Zu den Anlagen kommt der Leser ohnehin früher oder später. Die Bewerberin verschenkt hier eine wertvolle Zeile im Anschreiben.

9 In einigen Branchen, über denen heute der Pleitegeier kreist, wurden bis vor kurzem horrende Gehälter gezahlt. Bei nüchterner Betrachtung sind viele der entlassenen Mitarbeiter aber nur die Hälfte dieser Beträge wert. Und mehr werden sie in anderen, klassischen Branchen auch nicht verdienen können. Die Gehaltsforderung an der früheren Position festzumachen, ist folglich gefährlich. Tipp: Gehaltsvergleiche in Zeitschriften und im Internet helfen, den eigenen Marktwert einzuschätzen.

Gut

4 Wer länger als drei Monate auf Stellensuche ist, muss dokumentieren, dass er in der Zwischenzeit nicht Däumchen gedreht hat. Am besten machen sich Belege über Aktivitäten, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der angestrebten Position stehen.

5 Die Bewerberin begründet ihren Branchenwechsel nicht in weitschweifiger Prosa ­ wie dies häufig der Fall ist. Statt dessen dreht sie den Spieß um und erklärt, welchen Nutzen sie dem Unternehmen bringen kann.

6 Eine gute Initiativbewerbung führt Schlüsselqualifikationen und berufliche Erfahrungen an, die im neuen Job von Bedeutung sein könnten. Ein lückenloser Nachweis wird allerdings nicht erwartet. Weniger ist mehr, lautet die Zauberformel. Die Auflistung erleichtert die schnelle Aufnahme der Informationen.

Situativ

2 Gerade bei einem Branchenwechsel müssen die Fachbegriffe stimmen. Versteht ein Handelsunternehmen unter Web-Designer das Gleiche wie ein Internet-Provider? Optimal wäre es, im Betreff gleich ein Argument zu liefern, weshalb sich der Empfänger mit dieser Bewerbung auseinandersetzen sollte, zum Beispiel "Optimierung Ihres Online-Shops".

8 Wer sich aus einer ungekündigten Anstellung bewirbt, braucht kein Arbeitszeugnis beizufügen. Denn dieses müsste ja der Vorgesetzte oder die Personalabteilung verfassen, und die würden selbstverständlich sofort Lunte riechen. Anders bei Bewerbern, die bereits eine gewisse Zeit arbeitslos sind: Hier wird das Abschlusszeugnis erwartet. Fehlt es, sollten plausible Gründe aufgeführt werden ­ wie es an dieser Stelle im Anschreiben ja auch getan wird.

Fazit

Arbeitslosigkeit ist keine Schande und erst recht kein Grund, auf Knien in die Personalabteilung zu rutschen. Die Mitleidstour zieht ohnehin nicht. Wenige Worte zur persönlichen Situation des Bewerbers, quasi als Fußnote im Lebenslauf ­ und basta. Ansonsten müssen arbeitslose Bewerber mehr als andere durch Fakten überzeugen. Je länger die Arbeitslosigkeit anhält, umso wichtiger ist es, sinnvolle, berufsnahe Aktivitäten im Anschreiben und im Lebenslauf zu präsentieren. So lässt sich dem "Hängematten-Verdacht" beim Leser wirksam vorbeugen. Bernd Andersch Bernd Andersch, ist Inhaber von act! Andersch Consulting & Training in Aachen.

Beispiel

Bewerbung als Web-Designerin

1) AB-Warenhauskonzern AG
Personalabteilung
Ulf-von-Berhorst-Rieder-Str. 77

80797 München
14.12.2001

2) Bewerbung als Web-Designerin

Sehr geehrte Damen und Herren,

3) im Frühjahr dieses Jahres verlor ich meine Arbeitsstelle als Web-Designerin bei einem Web-Provider. Auf Grund wirtschaftlicher Probleme fusionierte mein damaliger Arbeitgeber mit einem größeren Provider. Im Rahmen eines Stellenkürzungsprogramms wurden 50 Prozent der Belegschaft freigesetzt. Auch ich war Opfer des Personalabbaus. Nach meiner Entlassung eignete ich mir in den letzten sechs Monaten sehr gute betriebswirtschaftliche Kenntnisse an. Ich besuchte Vorlesungen zum Thema Betriebswirtschaft für den Handel an der Universität München und absolvierte das Intensivprogramm für Professional Management am Wirtschaftskolleg Freising 4).

5) Auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung habe ich mich für das Gebiet Online-Shopping entschieden. Ich glaube, dass gerade auf diesem Gebiet noch erhebliche Optimierungspotenziale bestehen. Diese möchte ich gerne für Ihr Unternehmen ausschöpfen und bewerbe mich daher um eine Anstellung in Ihrer Internet-Abteilung. Für diese Tätigkeit bringe ich folgende Erfahrungen und Qualifikationen mit:

6) · Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in einem Handelskonzern
· FH-Studium der Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Organisation und IT
· Zusatzausbildung Web-Design beim EDP-Institut in Dortmund
· Konzeption und Realisierung im Bereich Screen-Design
· Optimierung von Organisationsabläufen und Projektmanagement

7) Vertiefende Informationen zu meinem Werdegang finden Sie in den beigefügten Bewerbungsunterlagen. 8) Bedauerlicherweise fehlt das Arbeitszeugnis meines letzten Arbeitgebers. Der Grund ist die hohe Belastung der Personalabteilung durch die Entlassungswelle. Ich werde das Zeugnis aber so bald wie möglich nachreichen.

9) Ich habe in meiner letzten Position 130 TDM pro Jahr verdient und möchte mich auch zukünftig nicht wesentlich verschlechtern. Überzeugt Sie meine Bewerbung? Gerne stelle ich mich bei Ihnen vor.

Mit freundlichen Grüßen

Mona Gerber

Bewerbungsunterlagen
Dieser Artikel ist erschienen am 15.02.2002