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Kein Programm ist auch ein Programm

Von Thomas Ludwig, Handelsblatt
Globale Erwärmung ist viel heiße Luft ? zumindest, was die von Menschen verursachte Erwärmung angeht. Mit dieser These seines Thrillers ?Welt in Angst? eckt Michael Crichton derzeit international an.
KÖLN. Viele Klimaforscher ? nicht alle ? werfen ihm vor, Informationen selektiv aufbereitet zu haben und damit ein unrealistisches Bild wissenschaftlicher Fakten zu zeichnen. Umweltschützer sehen sich als ?Ökoterroristen? verunglimpft und verstehen den Roman als Freibrief zur Umweltzerstörung.Dass ihm die Leser in Deutschland nun weglaufen könnten, fürchtet der Starautor dennoch nicht. ?Mit jedem Buch verlierst du Leser. Und mit jedem Buch gewinnst du neue hinzu?, sagt Crichton an diesem Abend in einer Kölner Buchhandlung. Das Licht ist gedimmt, die 300 Zuschauer lauschen andächtig. Hier sitzt die Gemeinde ? im Spotlight der Hohepriester. Dunkler Anzug, bordeauxrote Krawatte, weißes Hemd. Sparsame Gestik. Sonore Stimme. Britisch unterkühlt, obwohl er doch Amerikaner ist. ?Hüten Sie sich vor Menschen mit zementiertem Weltbild?, so die professorale Message.

Die besten Jobs von allen

?Phantastisch?, ?professionell?, ?perfekt?, werden Zuhörer später sagen. Eine Stunde haben sie dem Großmeister des Wissenschaftsthrillers gelauscht. Wie er es liebt, hat er auch diesmal nicht aus seinem Roman vorgelesen, sondern die Früchte seiner Recherche zum Thema Klimakatastrophe vor seinen Fans ausgebreitet. Hat die Zuhörer schier erschlagen mit Grafiken und Schaubildern per Beamer. Hat Thesen widerlegt und neue aufgestellt.Noch Fragen? Kritik? Nein ? zu mächtig ist die Wirkung der Fleisch gewordenen Legende. Die freilich nimmt es mit Mark Twain ironisch: ?It?s a terrible death to be talked to death!?Lesen Sie weiter auf Seite 2 über das Geheimnis seines Erfolgs Crichton weiß, wie weit er gehen kann. Er ist ein Profi, seit mehr als 30 Jahren im Geschäft. Die mediale Mehrfachverwertung seiner Plots hat er zur Perfektion getrieben. Die Vermarktung in eigener Sache schnurrt. Aus dem unter Pseudonym tätigen Startup-Schreiber, ist eine millionenschwere Ich-AG geworden. Spätestens seit ?Dino Park? von 1990 zählt der inzwischen 62-Jährige zu den ?brand names? in der Branche. Zu jenen Autoren wie Stephen King oder John Grisham, die den Verlagen mit jedem neuen Schmöker Auflagen von mehreren hunderttausend Exemplaren garantieren und dafür Vorschüsse in Millionenhöhe kassieren. ?Welt in Angst? ist in Deutschland kaum drei Wochen auf dem Markt, da ist die erste Auflage von 90 000 Büchern fast verkauft; der Verlag druckt schon nach. Weltweit hat Crichton seit den 60er-Jahren 100 Millionen Bücher an den Mann gebracht.Das Geheimnis des Erfolgs? In seinen Geschichten setzt sich der Sohn eines Journalisten mit der Relativität naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und den Gefahren technologischer Errungenschaften auseinander. Crichton fühlt den Puls der Zeit, formuliert diffuse Ängste, jongliert mit Vorurteilen und Stereotypen ? sprich, er holt die Menschen dort ab, wie es so schön heißt, wo sie stehen. Und unterhält sie dabei glänzend.Wie in seinem jüngsten Werk, verschmelzen Wirklichkeit und Fiktion actionreich: Weil die Klimakatastrophe ausbleibt, versuchen Ökoterroristen nachzuhelfen. Crichtons Alter Ego John Kenner will das verhindern. Stets sind die Figuren aufs Wesentliche beschränkt, um nicht zu sagen wie mit der Schablone gestanzt. Gefühlslandschaften kümmern den Autor nicht. Bisweilen bürstet er gängige Sichtweisen gegen den Strich. Als Crichton in den 90er-Jahren beispielsweise in ?Enthüllung? die Vergewaltigung eines Mannes durch seine Chefin thematisierte, erntete er viel Kopfschütteln nicht nur von der Fraktion der Frauenbewegten.Über allem thront die Recherche. Da gilt Crichton als Freak. Für ?Welt in Angst? will er in drei Jahren 200 Bücher und Studien zum Thema Klimawandel durchgeackert haben. Das macht selbstbewusst: ?Ich behaupte, dass die meisten Prinzipien des Umweltschutzes (zum Beispiel nachhaltige Entwicklung und das Vorsorgeprinzip) die wirtschaftlichen Vorteile des Westens erhalten und somit gegenüber der Dritten Welt eine Form des modernen Imperialismus darstellen.? Die Menschheit müsse nichts fürchten als die Furcht selbst.Lesen Sie weiter auf Seite 3, ob Chichtons Thesen Umweltignoranten in die Hände spielenIst aus dem ?good guy? von einst, der vor Missbrauch von Technologien warnte, also ein ?bad guy? geworden, dessen Thesen zur globalen Erwärmung Umweltignoranten und Neokonservativen à la US-Präsident George W. Bush in die Hände spielen?Die Angelegenheit ist kompliziert. ?Ich weiß mit Gewissheit, dass es zu viel Gewissheit in der Welt gibt?, sagt Crichton. Politisierte Wissenschaft ist ihm ein Gräuel. Langfristige Prognosen seien in erster Linie Spekulationen über die Zukunft, die auf unsicheren Faktoren basieren. Deshalb sollte man sie nicht zum Ausgangspunkt des Handelns machen und Unsummen Geldes dahinein versenken. Daten seien schließlich interpretierbar. Genau das aber ist Crichtons Dilemma. Denn auch er versucht, die Menschen auf seine Seite zu ziehen ? mit Hilfe von Daten.Einst antwortete er dem ?Stern? auf die Frage, ob der Mensch nicht zu oft Gott spiele und sich dabei die Finger verbrenne: ?Sicher. Bei uns im Westen wird technischer Fortschritt viel zu optimistisch beurteilt. Was fehlt, ist die warnende Stimme.? Vorbei. Heute begreift Crichton technologischen Fortschritt als Hoffnung für künftige Herausforderungen.?Alle haben ein Programm. Nur ich nicht?, sagt Crichton. Das ? mit Verlaub ? ist natürlich Blödsinn. Als Bewunderer des für seine Ironie bekannten Mark Twain wird der Starautor das auch selbst wissen.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.02.2005