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Kein Mann für Hauruck-Aktionen

Dirk Heilmann
Der neue Chef von Glaxo Smithkline schlägt beim größten europäischen Pharmakonzern selbstkritische Töne an. Der 43-Jährige mischt sich gerne mal in gesundheitspolitische Debatten ein.
LONDON. Warm gelaufen hat er sich lange genug, nun muss er ran. Gestern übernahm Andrew Witty vom langjährigen Vorstandschef Jean-Pierre Garnier die Führung des größten europäischen Pharmakonzerns Glaxo-Smithkline. Zur Einstimmung durfte der 43-Jährige am Mittwoch erleben, wie die Aktionäre Garnier noch einmal Dampf machten.Einmal mehr heizten sie ihm wegen eines umstrittenen Bonus-Programms ein. Mehr als ein Drittel der Anteilseigner lehnte eine Sonderprämie von umgerechnet 3,1 Millionen Euro für den Spartenchef Chris Viehbacher ab. Das ist für Hauptversammlungsverhältnisse eine Ohrfeige. Der Leiter des wichtigen US-Pharmageschäfts war im vergangenen Jahr nach einer langen Bewerbungsphase im Kampf um die Konzernspitze unterlegen. Die Prämie soll den wichtigen Mann an Deck halten, nachdem der dritte Kandidat David Stout den Konzern bereits verlassen hat.

Die besten Jobs von allen

Witty war noch nicht einmal der Erste, der die Kritik dafür einstecken musste. Im nächsten Jahr steht er ganz vorn. Er richtete stattdessen im Gespräch mit Reportern am Rande der Versammlung den Blick nach vorne. Mehr Geschäft in Schwellenländern wolle er machen und dafür auf jeden Fall an der Sparte rezeptfreie Medikamente festhalten, bekräftigte er. Viele Pharmakonzerne haben sich davon in den vergangenen Jahren getrennt, denn für diese Sparten werden hohe Preise gezahlt.Damit signalisierte der eloquente Brite, dass er nicht den einfachen Weg gehen will, um sich an der Börse beliebt zu machen. Immerhin könnte ein Verkauf der Sparte Analysten zufolge womöglich 25 Milliarden Dollar einbringen, die sich dann an die Aktionäre ausschütten ließen. Doch Witty will nicht die schnelle Lösung, seine bisherigen Äußerungen lassen eher auf langsamen, tiefgreifenden Wandel als Programm schließen. Viel hat er auf seinen bisherigen Auftritten über die neue Rolle der Pharmaindustrie philosophiert, auch mit selbstkritischen Tönen. ?Wir müssen beweisen, dass neue Medikamente ihr Geld wert sind.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Witty hat in Europa viel überflüssige Doppelarbeit beseitigt Witty war der jüngste der drei Kandidaten für den Top-Job, und er setzte sich in der Abfolge von Bewährungsproben und Gesprächen mit externen Beratern durch. Das verdankte er, wie es heißt, seinem analytischen Verstand und strategischen Weitblick ebenso wie der Fähigkeit, ohne Notizen stundenlang geschliffen vorzutragen.Auch mangelnde Erfahrung kann man Witty nicht vorwerfen. Nach dem Wirtschaftsstudium an der Universität Nottingham startet er schon 1985 bei Glaxo. Erst bekleidet er verschiedene Positionen in seiner britischen Heimat, dann ist er nacheinander Geschäftsführer in Südafrika, Bereichsdirektor für Süd- und Ostafrika, Marketingchef in den USA und Asien-Pazifik-Chef in Singapur.Zuletzt aber wirkt der zweifache Vater als Chef in Europa, was für ein britisches Unternehmen als Kontinentaleuropa zu übersetzen ist. Hier habe er viel überflüssige Doppelarbeit beseitigt und Kräfte von der Verwaltung in die Vermarktung verschoben, heißt es im Konzern. Doch er wirkt auch nach außen, schaltete sich in gesundheitspolitische Debatten um neue Preismodelle für Medikamente und die Rolle der Pharmaindustrie im Gesundheitswesen ein.In dieser Richtung wird wohl noch mehr zu erwarten sein. In den vergangenen Monaten hat sich Witty darauf konzentriert, alle Teile des Konzerns kennenzulernen. Die nächsten Wochen will er nun den Anlegern widmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2008