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Kein Freibrief für ?Mr. Siemens?

Axel Höpner
Die Münchener Staatsanwaltschaft hat im Schmiergeldskandal aber bisher nichts gegen den früheren Siemens-Chef Heinrich von Pierer in der Hand.
Heinrich von Pierer sprach bisher über seine eigene Verantwortung im Skandal seit seinem Rücktritt nicht. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Im größten deutschen Schmiergeldskandal ist der langjährige Siemens-Chef Heinrich von Pierer, noch nicht aus dem Schneider. Zwar haben die Ermittler weiter keinen Hinweis darauf, dass der heute 67-Jährige von dem System schwarzer Kassen etwas gewusst hat, das zum großen Teil während seiner Zeit als Vorstandschef aufgebaut wurde. Pierer zählt weder zu den Beschuldigten, noch wurde er auch nur als Zeuge vernommen.Aber einen Freibrief wollen die Ermittler dem prominenten Manager ausdrücklich nicht ausstellen. ?Die Ermittlungen in dem gesamten Komplex dauern noch an?, sagte Oberstaatsanwalt Anton Winkler dem Handelsblatt. ?Sollten sich Anhaltspunkte ergeben, dass von Pierer in die Affäre verwickelt ist, dann werden wir dem natürlich nachgehen.? Pierer selbst wollte sich gestern nicht dazu äußern.

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In den vergangenen Monaten ist es still geworden um den einstigen ?Mr. Siemens?, wie er genannt wurde. Erst im vergangenen Dezember ?sieben Monate nachdem er als Aufsichtsratsvorsitzender hatte abtreten müssen ? wagte er sich mit einem Vortrag über die Globalisierung wieder an die Öffentlichkeit. Die Affären seien bedauerlich und würden energisch aufgearbeitet, sagte er da. Über seine eigene, zumindest ?politische Verantwortung? sprach Pierer seit seinem Rücktritt nicht.Seither war der Franke immer wieder mal bei Fußballspielen zu sehen ? noch immer meist prominent auf der Ehrentribüne platziert. Auch im Aufsichtsrat der Deutschen Bank, als Leiter des Innovationsrats der Bundesregierung und als neu berufener Aufsichtsrat des türkischen Mischkonzerns Koç ist Pierer noch aktiv.Bei Siemens lässt er sich nur noch gelegentlich an seinen Schreibtischen in München und Erlangen sehen. ?Es ist nicht so, dass er hier eine Persona non grata ist?, heißt es im Konzern. Pierers Rolle werde durchaus differenziert beurteilt. ?Er hat auch viel Erfolgreiches geleistet. Das muss man trennen.?Der frühere CSU-Kommunalpolitiker betonte stets, er habe von dem Schmiergeldsystem nichts gewusst. Als Vorstandsvorsitzender sei er auch viel zu weit weg gewesen vom Tagesgeschäft, um von der Affäre Wind bekommen zu können. Eine Denkweise, die es unter seinem Nachnachfolger Peter Löscher im Konzern nicht mehr geben soll. Der Österreicher hat die gesamte Führungsstruktur radikal umgekrempelt. Sein Hauptziel: klare Verantwortlichkeiten zu schaffen.Pierer war einst einer der höchst angesehenen deutschen Manager, gar als Unionskandidat für das Bundespräsidentenamt im Gespräch. Er hatte den trägen Industrie-Dampfer ins Zeitalter der Globalisierung manövriert und unter anderem die Abspaltung der Halbleitersparte Infineon eingeleitet.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Staatsanwaltschaft kündigt noch zwei Anklagen an Doch heute wird bei Siemens vor allem auf die Schattenseiten seiner Ära verwiesen ? auch unabhängig vom Schmiergeldskandal, der den Konzern Milliarden und viel Reputation kostet. Denn schon Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld hatte klargemacht, dass ein guter Teil des Geschäfts ein Sanierungsfall war, als er die Führung übernahm.Von Seiten der Staatsanwaltschaft hat Pierer ? derzeit ? nichts zu befürchten. Dennoch kommen die Ermittler mit ihren Untersuchungen voran. ?Wir gehen davon aus, dass wir im ersten Halbjahr noch zwei Anklagen rausbringen?, sagt Winkler. Laut Branchenkreisen handelt es sich bei den Kandidaten aber nicht um Prominente, sondern um Manager der zweiten oder dritten Führungsreihe.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.04.2008