Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Kehraus in der Werkstatt

Mark C. Schneider
Michael Kern fegt seit vier Wochen als neuer Chef des kriselnden Autofilialisten ATU durch die Montagehallen ? spätestens in fünfzehn Monaten will er die Wende schaffen. Der 52-Jährige versucht vor allem, mehr Firmen mit ihren Fahrzeugflotten als Kunden zu gewinnen.
Der ehemalige Kamps-Chef Michael Kern gilt als ehrgeizig. Beim Autofilialisten ATU will er in den kommenden Monaten kräftig aufräumen. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Michael Kern ist das, was sie in Bayern ein gestandenes Mannsbild nennen, jemand, der zupacken kann. Freimütig gibt er zu, dass er einem guten Essen nur schwer aus dem Weg geht. Da ist er an seiner Wirkungsstätte in Bayern erheblich besser aufgehoben als im ehemaligen Zonenrandgebiet Niedersachsens.Fragt man Vertraute von Michael Kern nach den Beweggründen für seinen Wechsel von Wolfsburg zu Deutschlands größter, unabhängiger Werkstattkette nach Weiden in der Oberpfalz, lautet die Antwort: ?Ehrgeiz?. Zuletzt Vertriebschef der Marke Volkswagen, wollte der ehemalige Boss der von VW verkauften Mietwagentochter Europcar seit langem zurück in den Chefsessel eines Unternehmens. ?Michael Kern ist vom Typ her eher Unternehmer als Manager?, sagt ein Weggefährte.

Die besten Jobs von allen

Der Karriereschritt ist aus Kerns Sicht verständlich ? zumal Volkswagens Konzernchef Martin Winterkorn ihm den Posten des Vertriebschefs auf Konzernebene versagte. Für die Wolfsburger könnte er sich allerdings als Bumerang erweisen. Vor allem die VW-Händler wundert, dass der Autokonzern ihn sang- und klanglos gehen ließ. Die Händler ärgern sich angesichts hoher Fixkosten ihrer Komplettwerkstätten schon jetzt über die wesentlich günstigere Konkurrenz durch ATU, Pitstop und Co.?Und jetzt haben die zu allem Überfluss auch noch einen Insider an der Spitze?, wundert sich ein Händlervertreter. Kern durfte sogar früher aus seinem VW-Vertrag ? und bereits am 1. März anfangen, statt wie vorgesehen erst am 1. April.Vier Wochen ist Kern also jetzt im Amt. Rund 20 Filialen von gut 600 hat er bereits besucht. Oftmals anonym, mit seinem privaten Golf oder dem Dienstwagen, einer E-Klasse 320 CDI von Mercedes, berichten Mitarbeiter. Die Analyse fällt durchwachsen aus. Das Sortiment sei viel zu sehr in die Breite gegangen, zog Kern intern Bilanz. ?Vogelhäuschen haben in unseren Shops nichts zu suchen?, zitiert ein Mitarbeiter den neuen ATU-Chef. Die Konsequenz ist klar: Kern verlangt, dass sich ATU wieder auf Kernprodukte rund ums Auto konzentriert. Dem Unternehmen sei das Profil verlorengegangen, heißt es in der Weidener Zentrale.ATU soll in den Augen der Kunden wieder flächendeckend als die Meisterwerkstatt früherer Tage wahrgenommen werden: guter Service zu berechenbaren Preisen. Zudem will Kern eine bessere Grundauslastung erreichen, indem ATU mehr Firmen und ihre Fahrzeugflotten ins Haus holt. Zunächst sollen die Werkstätten besonders Mittelständler ins Visier nehmen. Dabei dürften dem Autoprofi seine Erfahrungen im Flottenmanagement zugute kommen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Im Autoglas-Geschäft trifft er auf seinen alten Arbeitgeber Doch die Offensive wird schwer. Auch die Hersteller konzentrieren sich immer intensiver auf ihre kommerziellen Kunden und machen ihnen attraktive Paketpreise. Das weiß kaum einer in Deutschland so gut wie Kern, der ehemalige VW-Vertriebler. ?Die Autohersteller versuchen so lange wie möglich, die Kontrolle über die Fahrzeuge zu behalten?, sagt ein ATU-Manager.ATU konzentriert sich deshalb nicht auf Neuwagen, sondern auf Autos, die mindestens vier Jahre alt sind. Selektiv will Kern auch das Filialnetz ausbauen, sowohl in Deutschland als auch in Europa, etwa in Italien. Im Vordergrund steht aber mehr Profit auf gleicher Fläche.Auch in der neuen Sparte Autoglas wird er auf seinen alten Arbeitgeber treffen. Die VW-Händler ärgern sich darüber, dass sie das lukrative Geschäft mit dem Wechsel von Windschutzscheiben kampflos Spezialketten wie Carglass überlassen haben. ?Da greifen wir an?, heißt es in Händlerkreisen von VW.Intern hält Michael Kern seine Mitarbeiter mit einem neuen Marketing auf Trab. Er fordert eine Definition des Notwendigen, um dann durch intelligente Schritte die Popularität zu steigern. Als Erstes hat er sich von der zentralen ATU-Werbefigur verabschiedet, dem mehrmaligen Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher. Dem Mehrheitseigentümer Kohl Kravis Roberts & Co. (KKR) war die Verpflichtung des ehemaligen Ferrari-Piloten ohnehin stets ein Dorn im Auge.Kern gibt seiner Mannschaft jetzt ein Jahr Zeit, um das Image von ATU aufzupolieren und das Geschäft auf neue Füße zu stellen. Spätestens aber in 15 Monaten will er Erfolge sehen.Erst einmal müssen 350 Mitarbeiter gehen, weil das Geschäft mit Winterreifen schlecht lief. Es wird vor allem viele der 1200 Mitarbeiter treffen, die im vergangenen Jahr neu hinzugekommen sind.KKR steht bei den Banken im Wort, die Verschuldung schnell abzubauen. Kern sieht den Eigentümer aus dem Private-Equity-Sektor gelassen. Intern verweist er deshalb darauf, dass KKR seine Beteiligungen im Schnitt 7,1 Jahre hält ? ATU gehört noch nicht einmal vier Jahre lang zum Portfolio. Da bleibt noch etwas Zeit.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Beim Backfilialisten Kamps bleibt er nicht lange Michael Kern 1955Er wird am 16. Juli in Wuppertal geboren. Michael Kern startet 1981 nach der Promotion im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wuppertal beim Tierfutterhersteller Effem in Verden. Ab 1984 arbeitet er bei Mars in Viersen.1988Kern wechselt zu Benckiser, wo er später Personaldirektor wird. Vier Jahre später wird er Generalbevollmächtigter der Kaufhof-Holding.1995Er geht zur Autovermietung Europcar, wo er 2000 zum Chef des Konzerns aufsteigt.2003Er wird Vorstandschef der Backkette Kamps in Düsseldorf.2004Er geht zu VW, wo er Markenvorstand für Vertrieb und Marketing Pkw wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2008