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Kaufmann vom Scheitel bis zur Sohle

Von Tanja Kewes
Horst Wortmann, Chef der Wortmann-Gruppe, einer der größten Schuhhersteller in Europa, weist wieder einmal gute Ergebnisse aus - natürlich auch im abgelaufenen Geschäftsjahr - und das, obwohl seit Jahren die heimische Schuindustrie auf der Stelle tritt.
DÜSSELDORF. Flacher Absatz, hoher Absatz, Rauleder, Glattleder, zum Reinschlüpfen oder mit Schnalle am Knöchel. Vielfalt in der Form, nur farblich wird die Saison 2006 eintönig. Braun, Ocker, Oliv, warme Erdfarben, dominieren. ?Das?, sagt Horst Wortmann und nimmt eine grazile Sandale in Größe 37 vom Glasbord, ?ist mein Favorit. Ein Kunstwerk aus verschiedenen Ledern mit Stickereien.? Der 64-Jährige mit dem akkuraten Seitenscheitel und den hellblauen Augen strahlt, wie eigentlich nur Frauen mit neuen Schuhen strahlen.Nur einen Moment bleibt Wortmann bei seinem ?Kunstwerk?. Hastig eilt er weiter, greift nach dem nächsten Modell. Auch ein ? Juwel?. Ein halbes Dutzend Damenschuhe weiter, erneuter Zugriff. ?Ein Traum von einem Schuh, nicht wahr??

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Wortmanns Kaufmannslehre liegt zwar fast ein halbes Jahrhundert zurück. Doch im geschäftigen Trubel, wie vergangene Woche auf der Schuhmesse GDS in Düsseldorf, ist er wieder ganz in seinem erlernten Metier. ?Verkaufspreis 49,95 Euro. Wir bieten das absolut beste Preis-Leistungs-Verhältnis!?Gelernt ist gelernt, einmal Kaufmann, immer Kaufmann. Der Chef der Wortmann-Gruppe, einer der größten Schuhhersteller in Europa, kehrt morgen quasi zu seinen Anfängen im Handel zurück. Der gediegene ältere Herr im Dreiteiler mit Krawatte und Einstecktuch eröffnet in Berlin seinen ersten Schuhladen, ein Geschäft seiner Marke ?Tamaris?. Weitere sollen folgen.Wortmann herrscht vom Städtchen Detmold in Ostwestfalen-Lippe aus über ein wahres Schuhimperium. Im Ende Mai abgelaufenen Geschäftsjahr 2004/2005 steigerte die Wortmann-Gruppe, die auch für die Lifestylemarken ?S.Oliver? und ?Comma? produziert, ihren Umsatz um 14,6 Prozent auf 532 Millionen Euro. Konkrete Angaben zum Gewinn macht der Mittelständler traditionell nicht. Das Jahresergebnis sei ?sehr zufrieden stellend?, heißt es.Das Plus ist umso bemerkenswerter in einer Branche, die seit Jahren auf der Stelle tritt. 2004 ging der Umsatz im Schuheinzelhandel in Deutschland um drei Prozent zurück, die heimische Schuhindustrie verlor sogar 5,5 Prozent an Umsatz. Auch absolut deklassiert Wortmann die Konkurrenz. Weltweit setzte der Lipper im vergangenen Jahr knapp 60 Millionen Paar Schuhe ab, in der Mehrzahl Damenschuhe. Bei Konkurrenten wie Ara sind es rund acht Millionen und bei Gabor nur 6,6 Millionen.Lesen Sie weiter auf Seite 2Das Geheimnis des Wortmannschen Erfolgs liegt fern der deutschen Provinz. Als einer der ersten Schuhhersteller verlagerte er bereits 1969 Teile der Produktion nach Fernost. Anders als klassische Hersteller wie etwa Peter Kaiser, Damenschuhmacher mit Fabriken in der Pfalz und in Portugal, fertigt Wortmann nur noch zu fünf Prozent selbst. Kaum einer der 650 ?Wortmänner? arbeitet noch in der Produktion. Die Mitarbeiter sind in der Verwaltung, im Vertrieb oder in der Entwicklung im Schuhtechnologiezentrum in Pirmasens beschäftigt. Genäht und geklebt werden die Schuhe von 27 000 Menschen bei Zulieferern weltweit. ?Streng genommen, ist Wortmann gar kein Hersteller mehr, sondern Großhändler, der bestellt und weitervertreibt?, sagt ein Wettbewerber auf der GDS.Einziges Manko Wortmanns war bisher die Gesichtslosigkeit. Mit der Marke Tamaris geht Wortmann jetzt in die Offensive. Begeistert wie ein kleiner Junge, berichtet er von der Öffentlichkeitswirkung der Werbekampagne. ?Auf dem Weg vom Flughafen zur Messe habe ich den Taxifahrer gefragt, ob er Tamaris kennt.? Wortmanns Stimme überschlägt sich: ?Kannte er!? Wortmann erzählt die Anekdote ganz. ?Der Taxifahrer meinte, dass mindestens so viele Werbeplakate von Tamaris in Düsseldorf hängen wie Wahlplakate von Kanzler Gerhard Schröder.?Jetzt eröffnet der Hersteller und Vertreiber von Millionen Paar Schuhen im Einkaufszentrum Eastgate in Berlin-Marzahn seinen ersten eigenen Schuhladen. ?Tamaris? prangt über der Tür. Als Systempartner liefert er die Kollektionen, die Ladeneinrichtung und das Marketing. Warenpräsentation und Personal organisiert der Einzelhändler vor Ort. Mit 90 Quadrametern Verkaufsfläche ist der erste Standort kein Flaggschiff. ?Die Tamaris-Läden sind schlagkräftige Einheiten, die profitabel arbeiten und mit denen wir schnell expandieren können?, wirbt Wortmann. In diesem Jahr sollen fünf Läden in Deutschland folgen. Laufen diese gut, startet Ende 2006 die ?Großoffensive?.Die Branche beäugt Wortmann ehrfürchtig. Wie kein anderer habe er es geschafft, den Markt mit modischen, gut verarbeiteten Schuhen zu mittleren Preisen um die 50 Euro aufzurollen, heißt es. ?Wortmann ist ein Mittelständler vom Scheitel bis zur Sohle ? engagiert, weit blickend und ohne Allüren?, berichtet Philipp Urban, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Schuhindustrie.Heinrich Deichmann, Geschäftsführer von Europas größtem Schuheinzelhändler und langjähriger Geschäftspartner Wortmanns, lobt die Leidenschaft: ?Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Horst Wortmann Schuhe liebt. Genau das hat ihn erfolgreich gemacht.?Schuhverrückt zu sein ist im Hause Wortmann denn auch keine Beleidigung. Der Chef selbst gibt zu, 20 Paar im Schrank zu haben. Bei seiner Frau seien es schätzungsweise 50. Unter die Sohlen seiner edlen, blank polierten Schuhe will er sich aber nicht schauen lassen. Welche Marke er selbst trage, bleibe sein Geheimnis. ?Ich mache doch keine Werbung für Konkurrenten.?
Dieser Artikel ist erschienen am 29.09.2005