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Arbeitgeber unterschiedlichster Branchen wollen 2006 mehr als 20 000 Nachwuchskräfte rekrutieren, hat die große karriere-Umfrage unter rund 600 führenden deutschen Unternehmen ergeben. Eine Trendwende am Arbeitsmarkt liegt in der Luft - wenn der Konsum anspringt.
Nein, Angela Merkel hat nicht versprochen, die Arbeitslosigkeit zu halbieren, wie es ihr Ziehvater Helmut Kohl getan hat. Nicht mal von einer signifikanten Senkung spricht sie, wie noch Gerhard Schröder. Die Bundeskanzlerin wird sich hüten. Bevor sie Ende November in Schwarz statt in Apricot zu ihrer Regierungserklärung ans Rednerpult im Deutschen Reichstag trat, wird sie sich daran erinnert haben, wie oft die Medien ihrem Vorgänger dieses Versprechen noch Jahre nach seinem Amtsantritt höhnisch vorgehalten haben. Zielmarken in konkreten Zahlen sind aus ihrem Munde nicht zu erwarten.
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  • Die besten Jobs von allen

    Aber auch Angela Merkel weiß, dass ihre Zeit als erste deutsche Bundeskanzlerin schnell enden könnte, wenn sie die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekommt. "Das drängendste Sozialprogramm, das sich diese Regierung vornimmt", sagte sie in ihrer Regierungserklärung, "ist ein florierender Arbeitsmarkt."Alles auf Wachstum
    Gut möglich, dass sich ihr Wunsch schon im neuen Jahr erfüllt - zumindest was den gut ausgebildeten beruflichen Nachwuchs betrifft. Nur fünf der rund 600 wichtigsten Arbeitgeber in Deutschland, die karriere zu ihren Einstellungsplänen 2006 befragt hat, gaben an, im kommenden Jahr weniger Hochschulabsolventen und Young Professionals anheuern zu wollen als 2005. Fast die Hälfte der von karriere ermittelten 150 Top-Einsteller rechnet dagegen mit einem höheren Bedarf. Insgesamt wollen die Unternehmen im kommenden Jahr 20 341 Nachwuchskräfte rekrutieren - rund 5 000 mehr, als sie bis November 2005 eingestellt haben.
    Besonders gefragt ist der hoch qualifizierte Nachwuchs bei den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die die Folgen der Bilanzskandale zu Beginn des neuen Jahrtausends endlich verdaut zu haben scheinen. Auch Personaldienstleister wie Randstad, Anwaltskanzleien und die großen Management- und IT-Beratungen profitieren davon, dass die Unternehmen sich auf Wachstum einstellen und das Geld wieder lockerer sitzt. "Momentan sehe ich nichts, was ein Wachstum im kommenden Jahr ernsthaft gefährden könnte", sagt Marcus Kerwin, Recruiting-Chef bei der Strategieberatung Bain & Company, die 2006 deutlich mehr Nachwuchsberater sucht. Unternehmer wie Trigema-Chef Wolfgang Grupp sehen nun die Chance, dass die Spirale aus steigender Arbeitslosigkeit und nachlassendem Konsum endlich gestoppt wird.

    Ende der Angststarre
    Neueinstellungen sind zwar nicht zwingend neue Stellen. Der gestiegene Bedarf an jungem Personal ist auch Folge der zurückliegenden massiven Entlassungen älterer Mitarbeiter und einer steigenden Fluktuation unter den Beschäftigten. Gerade Letztere aber spricht dafür, dass die Arbeitnehmer wieder mit besseren Perspektiven rechnen und deshalb eher bereit sind, den Job zu wechseln. Sicheres Zeichen dafür, dass neue Bewegung in den Arbeitsmarkt kommt.

    Dass eine Trendwende bevorsteht, deuten auch die jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) an. So ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland im November völlig untypisch für diese Jahreszeit um 25 000 auf 4,53 Millionen gesunken. Zwar führt die BA den Rückgang teilweise auf statistische Effekte der Hartz-IV-Reform und das milde Herbstwetter zurück. Doch es gibt klare Signale aus der Wirtschaft, dass sich die Phase der Massenentlassungen dem Ende neigt und wieder Stellen geschaffen werden: So verloren seit Jahresbeginn 15 Prozent weniger Menschen ihren Job als im Jahr zuvor.

    Die Zahl der Stellenangebote der BA stieg im November um 193 000 gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 422 000. "Der November gibt einen Lichtblick", sagte BA-Vorstand Heinrich Alt bei der Vorstellung der Zahlen. "Die Wirtschaft entlässt weniger Leute und nimmt mehr auf."

    Bremsklotz Politik
    Ob die jüngsten positiven Entwicklungen aber schon eine "Bestätigung für unseren arbeitsmarktpolitischen Kurs" sind, wie Arbeitsminister Franz Müntefering flugs ableitete, wird von Wirtschaftsexperten angezweifelt. Gerade in der Politik sehen sie die größte Gefahr für eine Erholung am Arbeitsmarkt. Die Ökonomen vermissen grundlegende Reformen wie die Schaffung eines Niedriglohnsektors und Einschnitte beim Kündigungsschutz. "Der Koalitionsvertrag", so der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, "geht an den Problemen des Arbeitsmarktes vorbei."

    Entsprechend zurückhaltend formulieren die Institute ihre Prognosen für den Arbeitsmarkt 2006. Während die sechs führenden Wirtschaftsinstitute in ihrem Herbstgutachten noch einen Rückgang der Arbeitslosen um 120 000 vorhergesagt hatten, rechnet das zur BA gehörende Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 2006 im Durchschnitt mit nur 60 000 weniger Menschen ohne Job. Und in der Herbstumfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) überwog sogar noch der Anteil derer, die die Zahl ihrer Beschäftigten reduzieren wollen.

    Wachstumsmotor Export
    Nur eine Minderheit von 15 Prozent rechnet allerdings für 2006 mit einem Produktionsrückgang, woraufhin das IW seine Wachstumsprognose von 1,1 Prozent auf 1,5 Prozent anhob. Auch andere Volkswirte liegen mit ihren Vorhersagen zwischen 1,5 und zwei Prozent deutlich über den pessimistischen Schätzungen des Sachverständigenrates. Der glaubt, dass das Bruttoinlandsprodukt 2006 um gerade einmal ein Prozent wächst.

    So erhöhte die IKB Deutsche Industriebank ihre Prognose auf 1,5 Prozent, nachdem zuletzt die Ausrüstungsinvestitionen, also beispielsweise der Kauf von Maschinen, wieder angestiegen sind. Angetrieben wird die steigende Nachfrage durch die ungebrochen boomende Exportwirtschaft. "Bei weiterhin lebhaften Exporten wäre damit die Basis für eine nachhaltige konjunkturelle Erholung gelegt", sagte IKB-Chef-Volkswirt Kurt Demmer. Sollten die Ausrüstungshersteller in der Folge Arbeitsplätze schaffen, könnten die Deutschen endlich wieder Lust auf Konsum bekommen.

    Geiz schafft Jobs
    Der Konsum macht ungefähr die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsproduktes aus. Springt er an, wird er den entscheidenden Wachstumsimpuls liefern. Paradoxerweise könnte gerade die umstrittenste Maßnahme der neuen Regierung, die für 2007 angekündigte Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent, die Konsumausgaben im kommenden Jahr in die Höhe schnellen lassen. "Diese Ankündigung wird im kommenden Jahr dazu führen, dass die Haushalte deutlich mehr konsumieren werden als derzeit", prognostiziert Andreas Scheuerle, Konjunkturexperte der Deka-Bank.

    Der Grund: 2006 gilt noch der alte Mehrwertsteuersatz. Experten rechnen deshalb damit, dass die Deutschen vor allem bei teuren Anschaffungen wie Autos kräftig zuschlagen werden. Einen zusätzlichen Konsumschub könnte die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land verleihen. Ob es sich dabei um ein Strohfeuer handelt oder die Kauffreudigkeit der Deutschen dauerhaft hoch bleibt, muss sich zeigen.Immerhin hat die Bundesregierung den Unternehmen für 2006 bessere Abschreibungsmöglichkeiten versprochen, was zusätzlichen Anreiz für Investitionen und damit mittelbar für neue Jobs schafft. Wolfgang Twardawa, Chef der Gesellschaft für Konsumgüterforschung, kann sich daher tatsächlich vorstellen, dass die Vorzieheffekte der angekündigten Mehrwertsteuererhöhung die Binnennachfrage über 2006 hinaus anheizen: "Ich sehe darin ein gewaltiges Konjunkturprogramm, das den Staat nichts kostet."?Peter Nederstigt
    Gut erholt: Wirtschaftsprüfer und Berater
    Nach Bilanzskandalen und dem Ende der New Economy mussten viele Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften in den vergangenen Jahren erst einmal sehen, wo sie den vorhandenen Nachwuchs zwischenparken konnten. Das Blatt hat sich gewendet. Die Wirtschaftsprüfer suchen 2006 Hunderte von Nachwuchskräften, vor allem Wirtschaftswissenschaftler mit Kenntnissen in Rechnungslegung und Controlling. Ein Treiber ist die Pflicht börsennotierter Unternehmen, nach den neuen internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS zu bilanzieren.

    "Nun erstellen zunehmend auch mittelständische Unternehmen einen Jahresabschluss nach IFRS", beobachtet Wolfgang Schaum, stellvertretender Vorsitzender des Instituts für Wirtschaftsprüfer. Weitere Aufträge ergäben sich aus der neuen Buchhaltungspflicht der öffentlichen Haushalte, dem neuen Boom von Fusionen und Übernahmen und der Zunahme von Betrugsfällen. So untersucht KPMG die Schmiergeldaffäre bei VW, der Medienkonzern Springer lässt sich bei der beabsichtigten Übernahme von ProSiebenSat.1 von Ernst & Young beraten. Die "Big Four", zu denen noch PricewaterhouseCoopers und KPMG zählen, dürften ihre Marktanteile noch weiter ausbauen: Ab 2006 müssen Prüfgesellschaften im Rahmen des so genannten Peer Review nachweisen, dass ihre Abläufe von externen Kollegen unter die Lupe genommen wurden, sonst dürfen sie keine Jahresabschlüsse prüfen. Ein Aufwand, den vor allem kleinere Kanzleien scheuen dürften.

    Im Gegensatz dazu legten bei den Unternehmensberatungen zuletzt vor allem die mittelgroßen Gesellschaften zweistellig zu, die sich auf Beratungssegmente oder Branchen spezialisierten. Dieser Trend wird sich nach Einschätzung des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) fortsetzen. Doch auch die Top-Beratungen legen zu. So rechnet Roland Berger international mit einem zweistelligen Wachstum. Bain & Company registriert, dass die Unternehmen nach Jahren der Restrukturierung wieder Strategieprojekte verlangen, die das Wachstum vorantreiben sollen.Vor allem IT-Beratungen wie Accenture und Capgemini profitieren davon, dass die Kunden nun Investitionen nachholen, die in den letzten Jahren auf Eis lagen. Wachstumsmotor sei vor allem das Outsourcing, sagt Branchenexperte Dietmar Fink von der Deutschen Gesellschaft für Managementforschung. "Allerdings braucht man dafür nicht nur Akademiker, sondern auch Sachbearbeiter." Insgesamt rechnet der BDU im kommenden Jahr mit 6 000 zusätzlichen Beratern und vier bis fünf Prozent Umsatzwachstum, nach drei Prozent im abgelaufenen Jahr.pnd

    Im Umbruch: Banken und Versicherer
    Deutschlands Banken haben zwar viel Geld, viel verdienen tun sie aber nicht. Laut Postbank-Chef Wulf von Schimmelmann ist der Profit pro Kunde deutlich niedriger als in den USA und dem Rest Europas. Verantwortlich machen die Privatbanken dafür das Drei-Säulen-Modell aus Genossenschaftsbanken, Sparkassen und Privatbanken, das den Wettbewerb anheize und zugleich verhindere, dass in Deutschland nationale Champions entstehen.

    Trotz der Übernahme des Bausparfinanzierers BHW durch die Postbank und des Kaufs der Hypothekenbank Eurohype rechnen Experten weiterhin vor allem mit Übernahmen durch ausländische Investoren wie dem Kauf der HypoVereinsbank durch die Unicredito. Dass die Kreditnachfrage von Unternehmen und Konsumenten zuletzt spürbar anzog, macht die Banken hierzulande sogar noch attraktiver als Übernahmeziel, nachdem sie in den vergangenen Jahren bereits deutlich wettbewerbsfähiger geworden sind, indem sie faule Kredite abgeschrieben und Personal reduziert haben. So sank die Zahl der Beschäftigten seit 1994 um zehn Prozent auf knapp über 700 000. Kein Wunder, dass die führenden Kräfte wie Commerzbank und Deutsche Bank ihren Einstellungsbedarf allenfalls mäßig erhöhen.

    Eine Entwicklung, die den Versicherern noch bevorsteht. So befürchtet die Gewerkschaft Verdi im kommenden Jahr einen massiven Stellenabbau, nachdem die Versicherungsgruppe Ergo den Abbau von 2 000 bis 3 000 Stellen bis 2007 verkündet hat, Gerling vom Konkurrenten Thalanx geschluckt wurde und die Allianz ihr Deutschland-Geschäft umbaut, weshalb der Marktführer auch nicht an unserer Umfrage teilnahm. Erstmals seit Jahrzehnten kam es deshalb Ende November wieder zu Warnstreiks im großen Umfang. Die Versicherer leiden noch immer unter dem Einbruch der Aktienmärkte und dem Wegfall des Steuerprivilegs für die Lebensversicherung. Die gilt mittlerweile als Auslaufmodell. Dagegen werden die Finanzdienstleister insgesamt von der zunehmenden Bedeutung der privaten Altersvorsorge profitieren. So boomte zuletzt die ehemals ungeliebte Riester-Rente. Großes Potenzial sehen viele Experten bei der betrieblichen Altersvorsorge. Berater wie MLP stellen sich auf höhere Nachfrage ein und akquirieren weiter Mitarbeiter.

    pnd

    Im Kommen: Law Firms
    Die zuletzt schwer gebeutelten Juristen können aufatmen: "Das Geschäft zieht wieder an", berichtete Peter Neuberger von Hemmer Consulting schon im Oktober gegenüber karriere. "Insbesondere im Bereich Mergers & Acquisitions gibt es vermehrt Einstellungen." Unsere aktuelle Umfrage bestätigt die Beobachtung des Kanzleiberaters: Die Sozietäten und Law Firms rechnen für 2006 mit einem höheren oder zumindest gleich bleibenden Personalbedarf. Der Arbeitsmarkt kann Entspannung gebrauchen: Jährlich strömen bis zu 10 000 neue Juristen auf den Markt, die Arbeitslosigkeit ist überproportional hoch. Der schnelle Durchmarsch zum Partner dürfte aber zumindest in Großkanzleien auch weiter blockiert sein. Die amerikanisch geprägten Sozietäten müssen ihre Profitabilität steigern und benötigen daher mehr Associates, die Stunden abrechnen. Alternativen bieten sich dem Rechtsnachwuchs in mittelständischen Kanzleien, den Rechtsabteilungen von Unternehmen oder in der Rechtsberatung für Vereine und Verbände.

    pnd

    Auf Sparkurs: Automobilindustrie
    Auch wenn die Pkw-Neuzulassungen hierzulande zuletzt wieder leicht angestiegen sind und die deutschen Autobauer ihren Marktanteil in Westeuropa ausbauten, erkennt man selbst ohne Mechaniker, dass der Motor der deutschen Wirtschaft stottert. Die wichtigsten Automärkte Europa und Amerika sind gesättigt, China und Osteuropa produzieren mittlerweile mehr als sie brauchen, und die deutschen Hersteller werden zunehmend von der Konkurrenz aus Asien abgehängt. "In der Oberklasse hat Deutschland noch einen gewissen Vorsprung. Aber die Frage ist, ob man gegen die wachsende Macht der Koreaner ankommt", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach.

    Nachdem in den vergangenen Jahren die amerikanischen Autogiganten vorausgefahren sind, gehen jetzt auch die deutschen Hersteller daran, ihre Überkapazitäten abzubauen. Nach Opel wollen nun auch VW und Ford sowie Premiumhersteller Mercedes Tausende von Stellen streichen, weshalb sie auch in unserer Tabelle fehlen. Viele dieser Jobs werden für immer verloren sein, prognostiziert die Fachzeitschrift Automotive News Europe. Daran dürfte auch nichts ändern, dass die deutschen Hersteller mittlerweile bei verschlafenen Trends wie dem Rußpartikelfilter und dem Hybridantrieb wieder Boden gutmachen und die Absätze aufgrund der für 2007 angekündigten Mehrwertsteuererhöhung kurzfristig in die Höhe schnellen könnten. "Wir können für die nächsten Jahre kein massives Wachstum erwarten", sagt Autoexperte Andreas Schlosser von der Beratungsgesellschaft Capgemini. Ein Teil der Jobs dürfte von den Herstellern zu den Zulieferern wandern.

    Zwar rechnen Marktbeobachter wie Stefan Bratzel in den kommenden Jahren auch hier mit einem weiteren Konsolidierungsprozess, dem vor allem kleinere Betriebe zum Opfer fallen werden. Doch Schwerlaster in der Branche wie der größte Automobilzulieferer Bosch profitieren offensichtlich von dem Trend, wie die Zahl der geplanten Einstellungen zeigt. Einen wachsenden Nachwuchsbedarf sehen Schlosser und Bratzel gegenwärtig vor allem in den Bereichen Software und Elektronik, die zunehmend Einzug in die Fahrzeuge halten. Wirtschaftswissenschaftlern wiederum könnte der Professionalisierungsbedarf bei den Autohändlern neue Jobs bringen.

    pnd

    Außen hui: Maschinen/Elektro
    Das dritte Rekordjahr in Folge - der deutsche Maschinenbau brummt. Für 2005 erwartet der Branchenverband VDMA einen Umsatz von 144 Milliarden Euro, vier Prozent mehr als im Vorjahr. Und 2006 seien noch einmal zwei Prozent drin. Susanne Krebs, Arbeitsmarktexpertin des VDMA, jubelt dennoch nicht: "Von Beschäftigungsaufbau keine Spur. Die Unternehmen schöpfen die Möglichkeiten aus, die Arbeitszeitkonten und Zeitarbeit bieten." Tatsächlich zählt die mittelständisch geprägte Branche heute mit 858 000 Beschäftigten 7 000 weniger als ein Jahr zuvor. Wenn Jobs geschaffen werden, dann nur im Ausland. Dieses Ungleichgewicht spiegelt sich in den Auftragsbüchern wider: Während die Inlandsnachfrage stagniert, wächst der Export, der bereits über 70 Prozent des Geschäftsvolumens ausmacht.

    "Außen hui, innen pfui", gilt genauso für die Elektroindustrie. Deren Spitzenverband ZVEI geht von 165 Milliarden Euro Umsatz in diesem Jahr aus, anderthalb Prozent mehr als im Vorjahr, was angesichts von fünf bis sechs Prozent Wachstum am Weltmarkt mager ist. Wenigstens reicht die Branche in ihrer Prognose für 2006, nämlich plus zwei Prozent, an den Maschinenbau heran. Die Elektroindustrie hat aktuell 798 000 Mitarbeiter, 9 000 weniger als Ende 2004. Das für 2006 vorausgesagte Umsatzwachstum "wird bestenfalls ausreichen, den Beschäftigtenabbau zum Stillstand zu bringen", sagt Ulrich Scheinost, Konjunktur- und Statistikchef beim ZVEI. Der Bedarf an hoch qualifizierten Fach- und Führungskräften nehme aber zu. Wie der Hohenheimer Wirtschaftsprofessor Ansgar Belke meint, können nachhaltige Jobimpulse nur aus dem Hochtechnologiesektor kommen. Die Hoffnungen richten sich auf Mikro- und Nanotechnik sowie die Brennstoffzelle, wohingegen Robotik und Automation etwas in den Hintergrund treten. Bleibt die starke Auslandsnachfrage erhalten, haben weder Maschinenbau noch Elektro viel zu befürchten.

    cst

    Groß im Geschäft: Pharma/Chemie
    Allen graut es vor der alternden Gesellschaft. Nur der Pharma-Industrie nicht. So zynisch es klingt: Die zunehmende Zahl an chronisch kranken Patienten bedeutet für sie Konjunktur. Das Zukunftssegment Health Care verspricht zudem neue Wachstumsmärkte in Seniorenbetreuung, Wellness und Fitness. Jobchancen haben in der Pharma-Industrie also nicht nur die Forscher in den Konzernlaboren von Bayer, Boehringer oder Schering, sondern auch alle medizinischen Professionen. "Gesucht werden Mediziner mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, die als Klinikleiter oder bei Krankenkassen tätig sind", sagt Rolf Badenhoop, Pharma- und Health-Care-Experte und Partner beim Beratungshaus Arthur D. Little.

    Die Einstiegsgehälter in der Branche liegen je nach Unternehmensgröße zwischen 32 000 und 41 000 Euro. Ein fest angestellter Pharmareferent verdient im Durchschnitt 52.000 Euro jährlich. Sobald er Personalverantwortung übernimmt, steigt das Gehalt auf gut 70 600 Euro pro Jahr. Topverdiener sind Produktmanager mit Personalverantwortung. Sie verdienen jährlich knapp 83 000 Euro.

    Weniger in Deutschland als im Ausland wird 2006 die Schwester der Pharmabranche wachsen: die Chemie. Sie hat die Potenziale in Osteuropa und Asien erkannt. Zudem beherzigen die Konzerne inzwischen, was schon die alten Römer wussten, als sie ihren Gladiatoren Melisse gegen Magenkrämpfe verkauften: Der Kunde ist König. Also werden verstärkt Serviceleistungen mit Produkten kombiniert und vermarktet. Jobs gibt es überall dort, wo Kunden oder Kundenindustrien eine Rolle spielen: in Marketing, Vertrieb oder Supply Chain Management. Wegen der Internationalisierung müssen sich Bewerber auf Mobilität einstellen: Wer Fachwissen mitbringt, Sprachen kann und längere Auslandsaufenthalte nicht scheut, hat beste Chancen.

    mse

    Kreativdruck: Konsumgüter
    Die Player der deutschen Konsumgüterindustrie sind ungefähr so präzise zu benennen wie die Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft - es sind immer andere. Sprechen wir von der Textilbranche, sind es Adidas, Puma oder Escada, in der Kosmetik Beiersdorf oder Henkel, bei der Ernährung Dr. Oetker oder Nestlé. Dazu kommen zahlreiche ausländische Konzerne von Coca-Cola bis Unilever. Ein weites Feld, diese Industrie, und dennoch eine Familie, deren Wohlstand auch 2006 davon abhängig sein wird, wie locker den Deutschen das Geld sitzt. Die Binnennachfrage wird 2006 nur mühsam auf Touren kommen, glaubt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Er geht bislang von einem bescheidenen Wachstum um 1,8 Prozent aus. Die Fußballweltmeisterschaft könnte den privaten Konsum zumindest kurzfristig ankurbeln - wenngleich die Effekte mehr psychologischer als direkt kommerzieller Natur sein dürften.

    Für Harald Münzberg, Vice President für Konsumgüter und Handel bei Capgemini, heißt das Stichwort der Zukunft "Ausverkauf": Wie schon bei der Übernahme von Wella durch Procter & Gamble werden auch 2006 und später internationale Player die deutschen schlucken. Auch deswegen rät Münzberg Bewerbern, sich breit aufzustellen und mit Flexibilität auf diese Entwicklung zu reagieren. "Die einstigen linearen Karrieremuster in der Markenartikelindustrie vom Trainee über den Marketingdirektor zum Sprecher der Geschäftsführung werden immer seltener", weiß der Branchenfachmann.

    Aber auch Spezialisten werden noch gesucht - vor allem in den Bereichen Ernährung und Körperpflege. Ideenreiche und fantasievolle Marketingleute sind ebenfalls gefragt. Münzberg: "Das Schwert des Marketings ist deutlich stumpfer geworden. Nicht nur Produktinnovationen, sondern auch Innovationen im Marketing wie das Verstehen der Kundenbedürfnisse sind dringend nötig."

    mse

    Full-Service: IT und Telekommunikation
    Schlecht war das Jahr 2005 für die Branche weiß Gott nicht. Nach langer Durststrecke haben IT- und Telekommunikationsindustrie laut Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) 25 Prozent Wachstum hingelegt, insbesondere Software-Anbieter und IT-Dienstleister. Die Hardware-Märkte tun sich dagegen wegen des scharfen Preiswettbewerbs schwerer. Nach diesem gewaltigen Schub ist erst mal Atem holen angesagt: Vier Prozent Wachstum sind 2006 in Sicht. Speziell die Anbieter schneller Internetzugänge werden Gewinne machen, glaubt der IT-Branchenverband Bitkom. Die Telekommunikation konzentriert sich weiterhin auf Datenübertragung und Mobilfunk. Damit kann das Festnetz wohl langsam, aber sicher einpacken.

    Die IT-Unternehmen sehen ihre Expansionschancen an der Schnittstelle zu anderen Branchen - zum Beispiel Medizintechnik, Logistik, Maschinenbau oder Automobilindustrie (Navigationssysteme, Steuerung der Verbrennungsvorgänge, Sicherheitstechnik). Jobchancen ergeben sich daher gerade an diesen Schnittstellen sowie im Mobile Computing, in Breitband-Technologien und in der IT-Sicherheit.

    Vor allem Mitarbeiter für IT-Beratungs- und Systemintegrationshäuser sind gefragt, am liebsten mit speziellen Branchenkenntnissen. Neben fundiertem Technologie-Know-how - da sind IT-Personaler inzwischen unerbittlich - muss der Kandidat Team- und Konfliktfähigkeit, interkulturelle Kompetenz, Präsentationssicherheit und Sprachkenntnisse mitbringen. Mit internationalen Partnern zusammenzuarbeiten, ist eben in einer Branche, in der der Anteil ausländischer, global agierender Unternehmen so hoch ist wie in kaum einem anderen Wirtschaftsbereich, von zentraler Bedeutung.

    mse

    Spannend: Energie
    "Mehr Wettbewerb!", fordert die EU-Kommission seit Jahren von den Stromversorgern. Durch das neue Energiewirtschaftsgesetz ist Deutschland diesem Ziel ein gutes Stück näher gekommen: Die Unternehmen müssen ab sofort ihre Strom- und Gasnetze getrennt von den anderen Betriebsteilen führen, was Quersubventionierung erschweren soll. Christoph Weber, Professor für Energiewirtschaft an der Uni Duisburg-Essen, leitet daraus "neue Chancen" für Fachkräfte ab, "die fundiert technische, ökonomische und juristische Aspekte verknüpfen". Auf jeden Fall werde 2006 "ein ereignisreiches und spannendes Jahr", verspricht Branchenexperte Stephan Werthschulte von Accenture.

    Nach einer Studie, die die Beratungsgesellschaft gemeinsam mit der International University Bremen durchgeführt hat, gibt es im liberalisierten Markt vier Erfolgsmodelle: den Global Player, den lokalen Champion, den Prozessverbesserer und den Netzwerker, der mit der Konkurrenz zusammenarbeitet.Schlechte Karten unter den 1 600 deutschen Strom- und Gasnetzbetreibern haben dagegen mittelgroße, nicht spezialisierte Anbieter, für die das Innovationstempo, etwa im Stromhandel, zu hoch ist. Sie bauen weiter Personal ab - wie die Branche insgesamt. Anfang der 90er Jahre gab es rund 200 000 E-Werker, heute sind es noch 126 700. In der Peripherie sieht es besser aus: "Positive Beschäftigungsimpulse gehen von den Zulieferbetrieben des Kraftwerks- und Netzbereichs aus, wo stark investiert wird", sagt Werthschulte. Die Großen der Branche - Eon, RWE, Vattenfall, EnBW - versuchen ihre Schlagkraft durch Fusionen und Akquisitionen, vor allem im Ausland, zu erhöhen. Eon beispielsweise will Scottish Power kaufen.

    cst

    Dieser Artikel ist erschienen am 27.01.2006