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Katrin Siebenburger

IMD (Lausanne)
Katrin Siebenburger

Die besten Jobs von allen

Fotos vom Campus:
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Liebe Leser und Leserinnen!

So, endlich. Ein IMD Tagebuch. Es sind schon drei Monate vergangen seit ich zum ersten Mal nach meinem Auswahlgespräch zuversichtlich dieses Gebäude wieder betrat, diesmal ausgestattet mit Laptop, Neugier und großen Erwartungen an die IMD MBA-Klasse von 2002. Einige Mitstudenten hatte ich im Vorfeld bei einem inoffiziellen Umtrunk schon kennen gelernt und hatte versucht, mir ein Bild von den kommenden zehn bis elf Monaten zu machen. Mittlerweile kann ich sagen, dass fast alles ganz anders kam, als ich es mir vorgestellt hatte.

Aber erstmal zu meiner Person und den Erwartungen, mit denen ich im Januar das Studium am IMD begonnen habe. Ich bin 30 Jahre alt und komme aus dem Süddeutschen Raum. Nach dem Studium der Biotechnologie an der Ecole Superieure de Biotechnologie de Strasbourg (ESBS) - ein trinationales Programm in Zusammenarbeit der Universitäten Strasbourg, Freiburg, Karlsruhe und Basel - und einer Diplomarbeit in den USA, begann ich als Trainee im International Graduates Program von Boehringer Ingelheim (pharmazeutische Industrie). Nach einiger Zeit wechselte ich zu Numico, einer holländischen Firma, in den Bereich klinische Ernährung und Kardiologie. Hier arbeitete ich als Expatriate an der Produkteinführung und am Aufbau der amerikanischen Untereinheit, die ich 2001 auch leitete. Schon während meines Studiums wurde mir klar, dass meine Vorlieben und Fähigkeiten eher im "Business" liegen würden als in der Laborarbeit - eine Einsicht, die unter anderem auch dadurch begünstigt wurde, dass ich zwei linke Hände im Labor habe. Damals kam mir die Idee eines MBA- Studiums. Die Möglichkeit, einige Jahre internationale Erfahrung im Marketing/Management zu sammeln stellt sich mitlerweile als unbezahlbar heraus, gerade am IMD, wo auf die praktische Erfahrung der Kandidaten sehr viel Wert gelegt wird. Zu recht, denn es fördert das Lernen durch den Austausch mit Klassenkameraden ungemein. Doch dazu später.

Nach reiflicher Überlegung entschloss ich mich für ein internationales, einjähriges und renommiertes MBA-Studium, wobei mir der Studienbeginn im Januar auch sehr gelegen kam. Wichtige Entscheidungskriterien waren ein hoher Praxisbezug, eine Fakultät mit Balance zwischen Akademikern und Professoren aus der Wirtschaft und der Fokus auf integriertes Lernen mit Bezug auf allgemeines Management. Ich erwartete außerdem eine enge Klassengemeinschaft und ausgiebigen Kontakt mit den Professoren.

90 MBA-Studenten aus 37 Nationen wurden im Januar für die folgenden zehn Monate hier im beschaulichen Lausanne direkt am Genfer See zugelassen. 2002 hat das Dekanat gewechselt, und Sean Meehan, ein durchsetzungsstarker Ire, hat es sich zur Aufgabe gesetzt, das gesamte MBA-Programm umzustrukturieren und etwas Einmaliges zu schaffen. In diesem Tagebuch werde ich versuchen, meine Eindrücke von diesem Jahr festzuhalten, einen Überblick über das MBA-Studium zu geben und von den Hoch - und Tiefpunkten auf dem Weg zu berichten.
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"Wulf! Wulf! Wulf! Take off your shirt!" war an einem Montag im Juni, der Schlachtruf im Auditorium. Der Ruf hallte noch für Tage durch das Auditorium, angefeuert durch die Nachfrage der Professoren nach dem Abschneiden der Klasse bei den MBA Olympics an der HEC in Jouy en Josas in Frankreich.
Was war passiert?
Die Klausuren über die Fächer der ersten fünf Monate am IMD fielen auf die dritte und vierte Mai Woche. Direkt im Anschluss, nach ein paar Tagen Ausruhen, machten wir uns - fast vollständig und viel weniger trainiert als geplant - in zwei Bussen auf den Weg nach Jouy en Josas and die Haute Ecole de Commerce (HEC), wo traditionell seit Jahren die MBA Olympics stattfanden. Der HEC Campus ist wie geschaffen für ein Wochenende, an dem sich im Mai eine illustre Anzahl europäischer Business Schools zu Sport, Party und Socializing treffen.Die LBS rückte zahlreich und mit einem grossen roten Doppeldecker Bus voller Bier an. Die IESE beeindruckte durch die Anzahl der anwesenden Studenten, und die Qualität ihrer Athleten, die in vielen Sportarten unter den Medalisten waren. Das INSEAD blieb ziemlich unauffällig, hauptsachlich dadurch, dass die Teilnehmer keine speziellen Trikots trugen und auch nicht besonders zahlreich erschienen waren. Ausserdem anwesend waren: SDA Bocconi, ESADE, Rotterdam School of Management, Manchester Business School, und die Michael Smurfit Graduate School of Business.Wie jedes Jahr stellte die HEC das Organisationskommittee und natürlich auch ein ansehliche Anzahl von Athleten. Der IMD MBA Jahrgang - zusammen mit Partnern - schafften es, in fast allen Sportarten Teilnehmer zu stellen. Wir schlugen uns wacker, wenn man bedenkt, dass wir bis eine Woche vor den MBA Olympics völlig mit Projekten und Klausuren überhäuft waren, und sehr wenig Zeit zum Trainieren hatten, da die meisten Wochenenden mit Unterricht am Samstag und Gruppenarbeiten am Sonntag ausgefüllt waren. Das fiel besonders bei unserer Fussballmannschaft, dem Kletter-Team und dem Ultimate Frisbee Team auf. Gerade deswegen muss ich sagen, dass ich ausgesprochen beindruckt war von den Leistungen meiner Mitstudenten.Ich hatte ja keine Ahnung, dass sich "Spiderman" (alias Nicolas Lee, Amerikaner) unter uns befindet, ein begnadeter Kletterer. Oder Alan Triggs, Ire, der alle Läufer im Staub stehen liess. Nicht zu vergessen Inez Colyn, Belgierin, die von Badminton zu Tischtennis zu Beach Volleyball hetzte und überall einmalige Leistungen zur Schau stellte. Zu erwähnen ist ausserdem, dass unser IMD Ruder Team in allen Wettbewerben Gold holte und wir nur um haaresbreite in einem harten Badminton Match von der LBS geschlagen wurden. Es gelang uns, in der letzten Minute ein Petanque Team (Boule, Ihr wisst schon: silberne Kugeln in den Sand werfen, kritisch Abstände messen, hauptsächlich aber Pastis trinken) zusammenzubekommen, dass zwar die Regeln vor Antritt des Wettkampfes nicht kannte, aber dennoch erst im Halfinale geschlagen wurde. Für die meisten von uns war das Wochenende eine perfekte Gelegenheit, im Rahmen eher körperlicher als geistiger Betätigung das wunderschöne Wetter zu geniessen, Mitstudenten näher kennenzulernen, und Kontakte zu anderen Schulen zu knüpfen.Ein Höhepunkt der Veranstaltung war das Armwrestling am Samstagabend. In Gruppen zusammengerottet standen die MBA'ler gröhlend um zwei Tische herum, an denen muskulöse (oder auch nicht...) Oberarme und Körper zur Schau gestellt wurden - von Männern und Frauen. Die beiden IMD Frauen - ich unter anderem - wurden schämlich in der ersten Runde niedergerungen, den IMD Männern erging es auch nicht so viel besser - bis auf Wolfgang ("Wulf"), unserm deutschen Hühnen. Er schaffte es, einen Iren, der direkt aus dem Pub zu kommen schien, zu besiegen. Die Anfeuerungsrufe und die Ektsase stiegen ins Unermessliche als Wulf, schon beinahe die Tischplatte mit dem Handgelenk berührend, einen Urschrei ausstiess und den Sieg an sich zog (oder eher drückte). Dafür, und weil er im Finale einem aussgesprochen muskulösem Schwarzen von der SDA Bocconi weichen musste, wurde Wulf auf unseren Schultern zur Party getragen... und muss nun mit dem Ruf des Kraftprotzes leben, der sich weit über die Grenzen des Klassenraums hinweg am IMD verbreitet hat.Die Stimmung bei den MBA Olympics war nicht nur wegen dem herrlichen Wetter so ausgelassen. Die Prüfungen der vorausgehenden Woche waren ein absoluter Härtetest gewesen: Kaum Zeit für Vorbereitungen da wir bis zum Wochenende zuvor mit Industry Analysis beschäftigt waren, ein Fach, in dem einge der berühmten IMD Frameworks gelehrt werden. Innerhalb von 10 Tagen, wärend dessen der Unterricht fast im normalen Rhythmus, d.h. 8 Stunden Vorlesung pro Tag, weiterlief, hatten die Studiengruppen eine detaillierte Präsentation über einen bestimmet Industrie vorzubereiten. Meiner Gruppe wurde "Logistik" zugeteilt. Diese Aufgabe an sich erforderte schon viel Nachforschung, besonders auch mit Hilfe primärer Quellen. Der schwierigste Part war allerdings, als die Präsentationen jeweils zweier Gruppen integriert werden mussten. Was hat "Logistik" mit "Retail Textil Industrie" zu tun? Nach eingem Kopfzerbrechen, langen Nächten, und Gruppendynamik der plötzich angewachsenen Gruppe von 14 bis 18 Studenten, produzierten wir die Präsentation und den erforderten Report für Ralf Boscheck, den deutschen Professor für Industry Analysis (und Economics).Samstag Nachmittag - und vier freie Tage um sich den Stoff für acht Unterrichtsfächer anzueignen. Ich weiss immer noch nicht, ob es hilfreich war, dass der siebentägige Prüfungsmarathon mit einer ziemlich schweren Accounting Klausur und am nächsten Tag einer achtstündigen Prüfung in Financial Management begann. Die Tage vergingen wie in Trance: Aufstehen, um 8 Uhr Prüfung, gegen 12 Uhr Mittagessen, dann entweder eine weitere Prüfung oder an ein ruhiges Plätzchen, um sich für den nächsten Tag vorzubereiten. Da ich meistens am IMD lernte, traf ich mich abends in den grossteils verlassenen Studienräumen mit anderen IMD "Bewohnern" Alessandro (Italiener) und Vinay (Inder), um das aufsteigende Unwohlsein vor Process and Operations Management zu bekämpfen, oder die Cases zu besprechen, die wir in Startegie, Technology, und Marketing jeweils am Tag vorher bekamen. Zwischen 2 und 4 Uhr morgens dann todmüde ins Bett, nach ein paar Stunden Schlaf dasselbe von vorne. Andere Mitstudenten setzten auf mindestens 7 Stunden Schlaf, ein Luxus der wie immer den disziplinierteren und effektiveren Komilitonen vorbehalten war. In den Klausuren selbst war meistens mindestens die Benutzung des Laptops erlaubt (zum Tippen), oft auch von Unterlagen und Büchern, und in manchen hatten wir sogar Zugang zum Internet. Die Zeit ist allerdings kurz und vier Stunden vergehen wie im Flug - wenigstens ein Vorteil der Klausuren.Nach der letzen Prüfung hatte Felippe (Columbianer) ein Party Boot auf dem Genfer See organisiert, auf dem wir uns zahlreich am Abend wiederfanden, anfangs noch trunken von den Erfahrungen der letzten Tagen und Wochen, später dann trunken vom Alkohol. Den rest der Woche verbrachte ich zusammen mit Jan (Holländer), Nicolas (Amerikaner), Börre (Norweger), Bart (Belgier), Pim (Holländer) und seiner Frau Victoria (Uruguay), und Anand (Inder) in Interlaken mit Rafting und Canyoning.Nach vier sorglosen Tagen waren wir alle wieder im Auditorium versammelt. Die zweite Etappe des Programms startete offiziell genau wie die erste: mit "Leadership". Diesmal handelte es sich darum, dass wir die Mitglieder der drei Gruppen, in denen wir während der letzten Monate gearbeitet hatten, bewerten sollten. Diese "peer evaluation" ist schon immer Teil des MBA Programms. Dises Jahr wird jedoch zum ersten Mal versucht, Qualitäten wie "leadership" in einem Prozess zu erfassen, und zu beurteilen. Dazu gehört ein "Leadership Paper", ein Aufsatz, den jeder MBA Student über seine "home group" von sieben bis acht Mitstudenten schreiben (und überarbeiten) musst. Die schriftliche Bewertung, eine Benotung auf verschiedenen Ebenen wie z.B. Initiative, Arbeitseinsatz, Beitrag zum Lernen der anderen Mitglieder etc., stellte den nächsten Schritt dar.In der Tat sorgte das ziemlich detaillierte Feedback Formular zu Unruhe unter uns, ja fast sogar Meuterei. Wir fühlten uns alle überfordert, solch detailliertes und persönliches Feedback zu den Gruppen in Entrepreneurship und Dynamik Learning Networks (DLN) zu geben, in denen wir pro Woche nur ca. 4 Stunden verbracht hatten und wo der Austausch mit Mitstudenten im Vergleich zu der "study group" oft relativ oberflächlich blieb. Ausserdem war wiederholt kommuniziert worden, dass jeder einzelne in "Leadership" die Note 5 (auf einer Scala von 1 bis 6) erzielen müsste. Wir einigten uns auf ein vereinfachtes Formular und einigen Grundregeln zum Verteilen der Noten. Unsere offensichtliche Unzufriedenheit mit dem Prozess wurde am nächsten Tag überschattet von der Kundgebung, dass zwei unserer Mitstudenten leider die erste Hürde nicht geschafft hätten und das Programm verlassen müssten. Mindestens eine der betroffenen Personen hatte ausgezeichnete Beurteilungen in "Leadership" von ihren Gruppen erhalten. Trotz grosser Bemühungen von unserer Seite konnten wir während der nächsten Tage die Professorenschaft leider nicht zu einem Wiederruf der Entscheidung bewegen.Die Klausuren markierten das offizielle Ende der "study groups". Unsere "home group", die jeder in den vergangenen fünf Monaten kennen und (meistens) lieben gelernt hatte, wurde ohne grosse Umstände aufgelöst und durch verschiedene andere Gruppen ersetzt. Hauptsächlich durch das ICP Team, welches im August und September jeweils ein International Consulting Project (ICP) bearbeiten wird. Wir konnten Präferenzen für bestimmte ICP's äussern, wurden aber auch nach Qualifikationen und Erfahrung in bestimmten Industrien ausgewählt. Mehr zu den ICP's später an dieser Stelle, ich will nur bemerken, dass die Firmen und Industrien so verschieden sind wie man es sich nur vorstellen kann: Von einem Projekt mit Holcim, in Zement und Ost - Europa, zu Siemens Österreich in Security Consulting und Biometrie.Die letzten Tage verbrachten wir in relativ unstrukturierter Umgebung, fast ohne vorgegebenen Zeitplan, was besonders durch die starke Strukturierung des Studienplans in den ersten fünf Monaten auffiel. Wir haben erfolgreich unsere DLN's gelaunched, virtuelle Plattformen zu bestimmten Themen, z.B. Innovation, IT and Business Strategy, Corporate Philantrophy oder M&A. Die Entrepreneurship Teams hielten ihre Präsentationen vor Professoren und Unternehmensgründern. Zum Abschluss werden wir im Oktober noch einen Report schreiben müssen.Ausserdem bereiten wir unser ICP vor, definieren Rollen im Team, sammeln Information, und bereiten einen Arbeitsplan einschliesslich Budget vor. Career Services hat seit einigen Wochen damit begonnen, uns an die Realität der Job Suche heranzuführen. Alumnis vom letzten und vorletzten Jahr hatten sich bereit erklärt, uns von einige Erfahrungen bei der Job Suche zu berichten. Desweiteren konnten wir simulierte Vorstellungsgespräche durchlaufen. Firmen haben nun begonnen, sich auf dem Campus zu präsentieren. Meine persönlichen Highlights bis jetzt waren: J.M. Huber, ein amerikanischer Hersteller von Spezial-Baumaterialen, Chemikalien, und Holz und Papier, der sehr an IMD MBA's interessiert ist und ein eindruckweckendes Team präsentierte. Die World Bank und International Finance Corporation (IFC). Und ATP PEP, der Private Equity Arm des grössten dänischen Pension Funds, mit einer überzeugenden und aggressiven Strategie für die demographischen Veränderungen der kommenden Jahrzehnte.All dies wird überschattet von zwei wichtigen Etappen im 2002 MBA Programm: Die nächste Woche verbringen wir in Bosnien und Slovenien im Rahmen unseres Political Economy Lehrplans. Dort werden wir uns mit Foreign Direct Investment (FDI) und der Rolle der Internationalen Organizationen im Balkan beschäftigen.Im Anschluss daran verstreuen wir uns in alle Herren Länder während unserem vierwöchigen Urlaub vom IMD. Ich werde zuerst Freunde in Deutschland besuchen, und dann für ein paar Tage an den Garda See zum Mountainbiken fahren. Gekröhnt wird der Urlaub von einem Abend in der Freilicht Oper von Verona, wo ich mich mit Virginia (Australierin und ex-Studiengruppen Mitglied) treffen werde. Später werde ich dann für mein ICP zu einem Meeting in Wien zu reisen, wahrscheinlich gefolgt von ein paar Tagen bei Jennifer (Neuseeländerin) in London. Vielleicht schlafe ich auch ersteinmal ein paar Tage und mache dann Pläne für den Rest des Monats. Ich werde Euch auf dem Laufenden halten...Katrin
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Yieks! Die Zeit rennt. Es sind nur noch 3 Wochen bis zu den Klausuren, die den ersten Abschnitt des MBA Porgramms am IMD markieren. Wir haben soeben den Klausurenplan erhalten:

Donnerstag, 16. Mai: Accounting, 8-12 Uhr
Freitag, 17. Mai: Finance, 8-12 Uhr und 14-18Uhr
Samstag, 18. Mai: Process and Operations Management, 8-12 Uhr
Sonntag, 19. Mai: Political Economy, 8-12 Uhr
Montag, 20. Mai: Technology, 8-12 Uhr und Strategy, 14-18 Uhr
Dienstag, 21. Mai: Economics, 8-12 Uhr
Mittwoch, 22. Mai: Marketing, 8-12 Uhr

Eine kurze Übersicht: Wir haben in der Tat eine achtstündige Klausur in Finance. Und wir haben sogar am Sonntagmorgen eine Klausur. Und am Montag dann gleich zwei. Ach ja, falls ich es vergaß zu erwähnen: Wir haben bis drei Tage vor den Klausuren voll Unterricht, d.h. 8 Stunden am Tag. Und als ob das noch nicht genug wäre ist unser Zwischenbericht über unser Start-up Projekt in 2 Wochen fällig (dieses Projekt läuft neben dem normalen Unterricht her). Und am 11. Mai kommt unser Industry Analyis Projekt zum Abschluss, mit Präsentation vor einer Jury aus Professoren und Studenten. Industry Analysis, gelehrt von unserem Economics Professor Ralf Boscheck, ist mit das interessanteste Fach für mich, da ich keinen Consulting Hintergrund aufweisen kann. Dieses Fach eröffnet uns eine sehr systematische Vorgehensweise, um einen Markt oder einen bestimmten Industriezweig zu analysieren. Ich wünschte nur, es wäre schon im Februar gelehrt worden. Vielleicht haben ja unsere Vorschläge zur Verbesserung der Programmstruktur einen Einfluss, schließlich ist dies das erste Jahr, dass das komplett umgestellte Programm am IMD gelehrt wird.

Nach dem ersten Schock über den Klausurenplan ist schnell die Routine wieder eingekehrt. Letzte Woche waren einige Einzel- und Gruppenarbeiten abzugeben: ein Accounting Aufsatz, eine Economics Aufsatz und ein Technology Aufsatz. Zusammen mit zwei anderen Mitgliedern meiner Study Group, Jan (Holländer) und Taku (Japaner), habe ich die ganze letzte Woche eine Technology-Präsentation für letzten Samstag vorbereitet. Unser Thema war Sony's Leadership. Jeder der zwölf Study Groups hatte eine innovative Technologie-Firma aus einer Liste ausgewählt und eine fünfzehnminütige Präsentation über das Leadership der Firma vorbereitet, welche den Abschluss der 16 Sessions im Fach Technology markierte. Am letzten Samstag gaben die Gruppen ihre Präsentation vor der Studentenschaft und einigen Professoren: unter anderem dem MBA Program Director Sean Meehan, unserer Organizational Behaviour Professorin Jeannie Kahwaij, und natürlich unserem Technology Professor, Bill George, Amerikaner, Chairman und ehemaliger CEO of Medtronic, dem führenden Hersteller von Herzschrittmachern und anderer Medizintechnik. Bill George ist seit diesem Jahr eine Neuheit in der Fakultät. Er hielt eine Vorlesung über Technologie Firmen, weihte uns aber hauptsächlich auch in seine Ansichten zu Leadership, strategische Entscheidungen unter hohem Druck und Innovation ein. In seinem Unterricht konnten wir in Gruppenpräsentationen oft praktisch unsere Kreativität demonstrieren.

Seine Abschlussvorlesung vor Studenten und deren Partnern, gefolgt von einem gemeinsamen Lunch, war sehr beindruckend. Er sprach von der Leidenschaft welche ein Feuer in der Seele entfacht und unentdeckte Flügel verleiht (Zitat von Pablo Neruda). Sein Vortrag war allerdings auch ziemlich auf das männliche Modell von Leadership zugeschnitten, und er zitierte nur männliche Beispiele, was einige der 20 weiblichen MBA Studentinnen zumindest bemerkenswert fanden.

Apropos bemerkenswert: Seit einigen Wochen trudeln die ersten mündlichen Noten ein. Meistens ist die Endnote pro Fach aufgeteilt in: 1/3 mündliche Mitarbeit, 1/3 Assignments - hauptsächlich in der Study Group zu bearbeiten - und 1/3 Klausur. Besonders die mündlichen Noten scheinen manchmal ziemlich wahllos. Studenten, die selten etwas im Unterricht beitragen bekommen zum Teil gute Noten. Nicht ganz verständlich - bis sich herumsprach, dass es oftmals eine gute Strategie ist, dem Professor nach dem Unterricht einige Gedanken und Fragen zu mailen. Manche Studenten hatten wohl im Voraus mehr Information als andere. Chi Shing (Holländer) hält momentan den Rekord mit seiner voll animierten und künstlerisch gestalteten Präsentation über das Thema Leadership, welche er buchstäblich zwei Minuten nach dem Strategieunterricht an die Fakultät und Studentenschaft mailte. Das die Noten begleitende Feedback ist im Allgemeinen nicht zu überschwänglich, allerdings vermute ich, dass dies eine wohlüberlegte Strategie des MBA Office ist, um zu verhindern dass wir selbstgefällig werden. Persönlich mache ich mir nicht zu viele Sorgen um die Noten, nehme das Feedback aber als eine gute Gelegenheit, etwas über mein eigenes Verhalten und den Eindruck, den ich vermittle, zu lernen.

Jedenfalls änderte sich seit den ersten Noten das Verhalten vieler Studenten im Unterricht dramatisch. So sehr, dass Duncan Coombe (Südafrikaner) im IMD MBA Diary vorschlug, eine Unterrichtsfach "Strategy of Class Participation" einzuführen. Hier einige Auszüge der Beobachtungen: Nicht jede Strategie ist für jede/n Professor/in angemessen. Sean Meehan zieht einen gesunden Grad an Meinungsverschiedenheit vor. Andere Professoren/innen bitten uns, nicht von einem Thema zum anderen zu wechseln. Customization ist das Schlagwort, der Professor ist der Kunde und deswegen König, man ist ja schließlich kundenorientierte/r Student/in. Außerdem ist es sehr wichtig, dass man, wenn man einmal aufgerufen wird, einen einprägsamen Beitrag liefert. Hier einige der Strategien aus einer besonders hart umkämpften Unterrichtsstunde: Knut (Norweger) glänzt mit sogenannten "B/S bingo" Aussagen wie "Incremental change is evolution, a Big Bang is revolution", wofür er einen Applaus bekam. Keine Ahnung, was sein Beitrag danach war, doch das ist wohl Sinn und Zweck. Peter (Engländer) versuchte mal wieder den alten Zitat Trick, jedoch bin ich nicht sicher, ob Lyndon Johnson wirklich sagte "Better to be on the inside pissing out than on the outside pissing in". Vinnay "-the-axe-" Khanna (Inder) zieht Aufmerksamkeit auf sich mit seinen rigorosen downsizing Vorschlägen. Edoardo (distinguierter Italiener) versucht, Professoren und Studenten gleichsam in seinen Bann zu ziehen mit Aussagen wie "Leider muss ich meinem guten Freund und Landsgenossen Allesandro widersprechen...." Raul (Brazilianer) lernte hier, wie wichtig es ist, den Fall gelesen zu haben bevor man einen Beitrag macht. Es ist immer ein wenig peinlich, wenn der Professor den Namen des Hauptcharakters im Fall erwähnt und Raul fragen muss wer das denn sei. Ach ja, und am Ende der Stunde noch ein Killerbeitrag von Knut: "There is a time for evolution and a time for revolution. Evolution is when you change the way you do things and revolution is when you change the things you do" (?). Der Fairness halber muss gesagt werden dass der obige Bericht aus der Hochzeit der Frustration mit den Noten für Mitarbeit stammt. Ein bis zwei Wochen später hat sich die Aufregung wieder gelegt und Ruhe ist eingekehrt. Wir sind einfach zu beschäftigt mit den Studienarbeiten, Vorbereitung auf Klausuren und Trainieren für die MBA Olympics. Außerdem wird die Klassengemeinschaft mit jedem Tag stärker, geteiltes Leid schweißt eben doch zusammen.

So, es ist schon wieder Mitternacht und ich sollte endlich nach Hause gehen und mich mit Accounting beschäftigen. Diesen Samstag haben wir nicht nur die normalen vier Stunden Unterricht, sondern auch drei Stunden "Nachhilfe" von Stewart Hamilton, unserem Accounting Professor. Auf unsere Motivationslosigkeit am Samstag Nachmittag, mit 44 Stunden Unterricht in der Woche hinter uns, kommentierte er letzte Wochen trocken, dass das ja wohl der Preis sei, den wir für ein einjähriges MBA Programm bezahlen müssten und dass wir uns das Leid selbst zuzuschreiben hätten. Hmmm. Klingt wie ein geeignetes Gesprächsthema, zusammen mit gestrigem Strategie Thema über work-life balance versus work-life integration. Alles über einem Bier in unserer Stammkneipe "White Horse" - nach dem 22. Mai!
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Eine IMD-Besonderheit: Am ersten Tag wurden wir in Studiengruppen aufgeteilt, die aus sieben bis acht Leuten bestehen. Diese Gruppe wird von nun an die "home group", deren Mitglieder sich regelmäßig abends treffen, um Fallstudien und andere Aufgaben zu besprechen. Bis zu den großen Prüfungen im Mai sind 80 Prozent der Aufgaben in der Gruppe zu lösen, und entsprechend wird auch nur eine Note für alle Gruppenmitglieder vergeben. Diese Fokusierung auf Gruppendynamik entspricht dem erklärten Ziel des "Leadership Trainings" am IMD. Die Studenten werden angehalten, sich über das eigene Verhalten in einer Gruppe Gedanken zu machen, über Motivation und Zusammenarbeit, über die Rolle, die man selbst natürlich (und meistens unbewusst) in Gruppen einnimmt und darüber, was im praktischen Sinne "Leadership" für eine Gruppe und für einen selbst bedeutet. Der erste Monat des Studiums ist fast ausschliesslich dem sogenannten Organizational (Mis)Behavior gewidmet, der Lehre von Gruppen und Organisationen. >> Bildergalerie


Schnitzeljagd durch Lausanne, Bongo Trommeln, Team Building Outdoor Exercise, Fische unterm Tisch und Personal & Professional Identity Statement

Erster "richtiger" Tag. Einführung. Zuerst wurden unsere Laptops mit einer 10 MB always-on wireless Netzwerkarte ausgestattet. Das heißt effektiv, dass wir im ganzen Gebäudekomplex Zugang zum Internet, zu E-Mail und zur Datenbank haben, auch im Auditorium. Yippie.

Wir fanden in unseren Postfächern - hier "pigeonholes" genannt, weil sie grau und schmal sind - am Ende vom Tag einen Zettel mit einer Studiengruppennummer, sechs bis sieben Namen, und eine Anleitung für eine Schnitzeljagd durch Lausanne, die dazu diente, die Mitglieder der Studiengruppe, die Besetzung des MBA Sekretariates, und einige Professoren kennenzulernen. Es war wahrscheinlich für viele das erste und letzte Mal, etwas von Lausanne in diesem Jahr zu sehen. Im Ernst. Die Schnitzeljagd endetet im Olympischen Museum mit einem Buffet und einem Vortrag von Jacques Rogge, Vorsitzender des International Olympic Committee. Die Atmosphäre war sehr beindruckend, eine gute Mischung aus Teamwork, Wettkampf und globaler Gemeinschaft.

Der Abend jedoch war noch lange nicht zu Ende, denn wir wurden in unseren Studienraum zurückbeordert, um die erste Fallstudie des Jahres zu lösen. Und so saßen wir in unseren Gruppen bis ein Uhr nachts und bereiteten eine Präsentation für den nächsten Morgen vor. Das erste, aber bei weitem nicht das letzte Mal, dass die Uhr unnachgiebig tickte, während wir diskutierten, rechneten, frustriert aufgaben, um dann doch wieder einen neuen Ansatz zu versuchen, die Gruppenmitglieder zusammen lachten und maulten, und am Ende mit müden Augen nach Hause trotteten für ein paar wenige Stunden Schlaf.

Die ersten Wochen zogen sich dahin wie Jahre. Es gibt so viel Neues zu lernen. Wir lernten viel über das Lernen selbst: Die wichtigsten Elemente sind diejenigen, die nicht gerade offensichtlich sind, man muss wachsam sein, um sie nicht zu verpassen. Lernen erfordert Experimentieren - und vor allem Versagen. Lernen erfordert Interaktion, Lernen hat jeder selbst in der Hand. Die Studiengruppe und die regen Diskussionen in der Klasse während dem Unterricht tragen entscheidend dazu bei, dass sich mein Horizont exponentiell erweitert. Ich beginne, Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen und bin gezwungen, meine Meinungen nicht nur lautstark zu äußern (ein grosser Teil der Note besteht aus class participation), sondern sie auch argumentativ zu vertreten. Manchmal finde ich, dass wir zu viel Zeit mit Diskussionen in der Klasse verbringen und die Pofessoren zu wenig Initiative ergreifen, wenn Studenten vom Thema abkommen und Monologe halten. Oder vielleicht sind wir auch einfach zu nett zueinander - eine Hypothese, die vielfach in den Gängen diskutiert wird. Die Stimmung während des Unterrichts ist immer noch sehr gepflegt, obwohl die notorischen Vielreder und die "I have no point but I am saying something nevertheless" - Studenten schon ab und zu einmal von Klassenkameraden zur Ruhe gerufen werden.

Dumm dah duhmm duhmm dah dah duhmm duhmm dah duhmm duhmm dah dah duhmm. Bongo Trommeln. Neunzig Stück, verteilt im Sportsaal und dem Vorraum. Am ersten Samstag des Programms. Plus Sewa Beats of England, die Eigner der Bongo Trommeln, die uns einen ganzen Morgen in die Geheimnisse der Bongos und der Rhytmen einführten. Waren viele frischgebackenen MBA-Studenten am Anfang skeptisch, so waren sich alle Teilnehmer am Ende des Morgens einig: Das ist in der Tat Lernen durch Experimentieren. Wir saßen in kleineren Gruppen mit unseren Trommeln, durften abwechselnd dirigieren, kreiieren und folgen - kurz gesagt: uns austoben. Zwei Dirigenten schafften es sogar, ein Opus mit der gesammten Klasse zu erschaffen, welches alle umstehenden Professoren in seinen Bann zog. Sogar unser rauhbeiniger MBA-Dekan wurde gesehen, wie er eingenommen vom Rhytmus mit beiden Händen auf die Balustrade trommelte.

Das intensive Kennenlernen der Mitglieder der eigenen Studiengruppe und der Klassenkameraden wurde außer durch den nächstliegenden Pub "White Horse" vor allem durch einen Outdoor Exercise-Tag gefördert: So fand ich mich also an einem Freitag in den Bergen wieder. Erkennbar zughörig zu meiner Studiengruppe durch die Farbe meines Helmes, in warme Skikleidung gehüllt, mit Schokolade und Kaffee gestärkt, bin ich bereit zu neuen Abenteuern. Der Tag war ausgefüllt mit ziemlich vielen kniffligen Aufgaben. So mussten wir z.B. eine 30-Liter Kanne voller Wasser im Team über ein imaginäres Minenfeld transportieren, als Hilfsmittel gabs nur drei lange, schwere Eisenstangen und ein Seil. Natürlich mussten wir es schaffen, ohne in die Luft gejagt zu werden, was nicht wirklich gelang. Andere Aufagben waren, blind aus einem zusammengeknotetem langen Tau mit dem Team ein gleichseitiges Dreieck zu bilden und die Spitze zum IMD auszurichten (ich würde ja nicht mal wissen, wo Norden ist) oder alle aneinandergeketteten Teammitglieder und einen Eimer Wasser über einen Hindernisparcours zu manövrieren.

Auch wenn mir am Anfang des Trainings nicht unbedingt klar war, wozu man bei so etwas "Leadership" braucht, blieb am Ende des Tages kein Zweifel übrig: Ohne Leadership und ohne eine Strategie, wie im Team Leadership verteilt wird, geht gar nichts - oder nur sehr wenig. Außerdem ist jeder automatisch mit sich selbst und dem eigenen Verhalten in der Gruppe konfrontiert, und es wird dabei sehr schnell deutlich, welche Verhaltensweisen funktionieren und welche nicht. Besonders, wenn man die nächsten Tage damit verbringen muss, sich selbst und die Gruppe auf Video anzuschauen um eine Präsentation über die "key learnings" vorzubereiten. Peinlich.

Der Organizational Behavior (OB) Lehrplan umfasst
- Rollenspiele (zum Beispiel die "Subarctic Survival Exercise", bei der die Gruppenmitglieder einen Konsens erreichen müssen, welche Gegenstände zum Überleben wichtig sind und der "Drawbridge case", in welchem entschieden werden muss, welche beteiligten Personen die grösste Schuld am Tod einer Baronin trifft)
- Persönlichkeitstest (Meyer-Briggst Test)
- Anschaungsmaterial

Ausserdem geht es in OB um den "Fisch unter dem Tisch" - also um Dinge, die nicht unbedingt offen gesagt werden, sondern im Verborgenen vor sich hinrotten. Je länger der Fisch sich unter dem Tisch befindet, desto stärker der Gestank.

Die OB-Professoren, die als "facilitator" für die Gruppen fungieren, sind ein wesentlicher Bestandteil des Lernens, und sind dafür verantwortlich, individuell und für die Gruppe Feedback zu ermöglichen. Eingefahrene und unbewusste, aber nicht unbedingt nützliche Verhaltensweisen, non-verbale Kommunikation, Charakterstärken - all dies wird ins Bewusstsein gerückt. Ich war darauf gefasst, in diesem MBA-Studium etwas über Business, Finanzen, Strategie, Marketing, ja sogar Produktionsprozesse zu erfahren. Wer hätte gedacht, dass ich nach einigen Wochen etwas so viel Wichtigeres lernen würde?

Über den Verlauf der ersten Monate wurde eines deutlicher denn jeh: Haben wir alle unsere diversen persönlichen und beruflichen Gründe, hier am IMD ein MBA-Studium zu absolvieren, so scheint dennoch allen gemeinsam zu sein, dass wir auf der Suche nach Veränderung sind - nicht nur in unserem Beruf, unserer Karriere, sondern hauptsächlich eine Veränderung des Geistes.

Allerdings wäre da dann noch die Kleinigkeit des Lehrplans, der Ende Januar scheinbar harmlos mit Political Economy beginnt, sich aber schnell zu einem Schlafräuber entwickelt. Accounting, Financial Management, Process and Operations Management, Economics, Entrepreneurship und Marketing werden in rasendem Tempo eingeführt, gefolgt von Strategy, Technology & Leadership und Industry Analysis. Und hopla, dann stehen auch schon die Klausuren vor der Tür, mitlerweile sind es weniger als acht Wochen bis dahin.


Der Alltag: Unterrichtsfächer und Zusatzprojekte en masse

Sean Meehan, Dekan des MBA-Programs und Marketing-Professor hat die Ehre, den fachlichen Lehrplan einzuführen. Nicht ganz uneigennützig, wie sich herausstellt, denn er verwendet die ersten Minuten darauf, uns einige Regeln wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das wichtigste: Unterrichtsbeginn ist um 8 Uhr morgens und 13.30 Uhr mittags - und keine Minute später. Ich beschließe, dies als einmalige Gelegenheit zu nutzen, meine leidige Gewohnheit des Zu-spät-Kommens ein für alle Mal abzulegen. Die Zeit nach dem Unterricht ab 17.30 Uhr kann für Gruppenarbeit und hauptsächlich auch für die Vorbereitung des nächsten Tages genutzt werden. Dann heißt es Fallstuden bearbeiten, Unterrichtsmaterial lesen, Zusatzaufgaben erledigen. Es bleibt fast keine Zeit mehr zum e-mailen, glücklicherweise kann ich ganz gut multitasken: chat und Fallstudie gleichzeitig. Todmüde falle ich gegen 1 Uhr morgens ins Bett., um meistens zwischen 5 und 6 Uhr morgens wieder aufzustehen.

Sean wurde von unserem nicht minder rauhbeinigen schottischen Accounting-Professor Stewart Hamilton abgelöst, der seit über 20 Jahren Accounting lehrt. Ich werde mich in meinen Vor- und Nachbereitungen künftig intensiv mit Accounting beschäftigen - und nicht nur, weil mein Sitzplatz in der vordersten Reihe ist.

Nach Marketing und Accounting und einem 3-Gänge Menü in der ausgezeichneten Kantine erlebte ich meinen ersten intellektuellen Schock: Political Economy bei Jean-Pierre Lehman ("JP" genannt). Man muss wissen: Trotz bester Vorsätze kann ich mein globales geopolitisches Wissen nur äußerst lückenhaft nennen, eine Vermutung, die sich sofort bestätigte: Jean-Pierre verteilte einen kleinen "Test". Die 20 Fragen waren nicht einfach, und die Klasse war hinterher sichtbar weniger vom eigenen geopolitischen Wissen überzeugt. Hier mal ein kleiner Auszug:

· Wer is Obasanjo?
· Japan und China sind kürzlich wegen welchen Produkten in Handelskonflikt geraten?
· Welche Staaten sind Mitglieder von Mercosur?

Außerdem verkündete Jean-Pierre, wie auch schon im Unterrichtsmaterial angekündigt, dass pro Stunde eine Gruppe eine zehnminütige Präsentation über ein vorgegebenes Thema (für einen Kontinent pro Unterricht) vorbereiten muss, wobei die präsentierenden Gruppen von ihm zufällig ausgewählt werden. Im Durchschnitt verbringen wir 4 - 6 Stunden mit der Vorbereitung solch einer Präsentation. Jean-Pierre Lehman bewirkte, dass sogar ich nun einen einigermaßen passablen Überblick über current international affairs habe.

In schneller Folge wurden im Februar die Fächer Process und Operations Management (POM), Economics, Financial Management, und Entrepreneurship zum Lehrplan zugefügt, während der OB-Unterricht auslief. Im März kamen Strategie, Technologie & Leadership und Industry Analysis hinzu. Im Allgemeinen bearbeiten wir zwei bis drei Fallstudien pro Tag, wobei es jeweils eine Reihe Fragen zu beantworten gilt, die in manchen Fächern auch schriftlich vor dem Unterricht eingereicht werden müssen. Außerdem bekommen wir zweiwöchentliche Zusatzprojekte. Meistens müssen wir ein Paper schreiben oder Finanzverhandlungen erstellen, welche meistens in der Gruppe bearbeitet werden können. Zusätzlich fällt das Lesen von einer Unmenge von Artikeln und Lehrbüchern an. Deshalb bleibt überhaupt keine Zeit, auch nur irgendeinen Unterrichtsstoff nachzuarbeiten, was ich als deutlichen Nachteil dieses Programms empfinde. Außerdem ist viel zu wenig Zeit, sich mit Klassenkameraden außerhalb der Studiengruppe zu unterhalten und Erfahrungen auszutauschen.

Ach ja, bevor ich es vergesse, die Antworten zu den obigen Fragen:

· Obasanjo ist Präsident von Nigeria
· Japan und China haben sich um Shitake Pilze, Lauch und Tantami gestritten
· Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay sind Mitglieder von Mercosur


Mixtur der Unterrichtsfächer

Ich werde später auf die einzelnen Fächer ausführlicher eingehen, hier nur ein kurzer Überblick:

· POM:
Beschäftigt sich mit industriellen Produktionsprozessen, Ineffizienzen in der Fertigung, Just-in-Time Management, Fabrikstandorten usw. Alles ausgesprochenes Neuland für mich. Die Fallstudien sind komplex und meistens sehr lang.

· Financial Management und Accounting:
Alles was man über Zahlen wissen muss. Durch die Umstellung des Programms wurde anscheinend Jim Ellert's Financial Management Unterricht etwas gekürzt. Daraufhin machte er aus dem "5 Minute Financial Toolkit" vom letzten Jahr kurzerhand den "3 Minute Financial Toolkit". Das heißt nicht, dass man denselben in 3 Minuten lernen kann, sondern dass wir nach diesem Jahr in der Lage sein müssten, die meisten Fiannzprobleme in drei Minuten abzuschätzen. Ich bin gespannt.

· Entreprenurship:
Ein sehr interesanter und handfester Überblick über Venture Capital, Firmengründung, Start-Ups etc.

· Econcomics und Industry Analysis:
Von Ralph Boschek, unserem deutschen Professor gelehrt. Auch "chalkboard challenge" genannt: Ohne Worte....

· Marketing
Von verschiedenen Professoren gelehrt, mit Präsentationen von Gastsprechern gewürzt, alles über customer value, customer satisfaction, und Marketing Mix.

· Strategy
Strategie, mit Fallstudien und "real life" Beispielen, viele Gastsprecher.

· Technology&Leadership
Gelehrt von Bill George, ehemaliger CEO von Medtronic, der führenden Firma für Herzschrittmacher und andere hochtechnische medizinische Geräte. Fallstudien im Bereich High-Tech, lebhafte Diskussion in der Klasse, Zitate von Wayne Gretzky, Canadischer Eishockey-Spieler, und Anekdoten aus Bill George's Leben ("Neulich, als ich Golf spielte mit Michael".... Michael Dell, of course...? Oder, beim Microsoft case: "Ich habe Bill neulich zum Frühstück getroffen und er sagte....." Bill Gates, of course?..)


Projekte "für nebenbei " mit schlaflosen Nächten

Neben dem normalen Unterricht sind wir noch zwei Zusatzprojekten zugeteilt: Dynamic Learning Networks (DLN) und das Entrepreneurship Projekt. Die Projekte werden in Gruppen von sechs bis sieben Studenten bearbeitet, wobei die Gruppen andere sind als die Studiengruppen. Beide Initaitiven sind in diesem Jahr neu eingeführt worden, wir dienen also als Versuchskanninchen. Pro Woche sind je zwei Stunden pro Projekt vorgesehen - ein Zeitpensum, welches wir leicht um das vierfache überschreiten müssen, um überhaupt zu sinnvollen Ergebnissen zu gelangen.

In DLN beschäftigen wir uns mit dem Aufbau einer virtuellen Knowledge Management Platform. Jeder konnte sich sein bevorzugtes Thema auswählen, nachdem die Klasse Themen vorgeschlagen hatte.

Die Entrepreneurship-Projekte werden in Zusammenarbeit mit Unternehmern aus Lausanne und Umgebung durchgeführt, wobei Größe und Aufgabe variieren. Manche Projekte bestehen aus nichts weiterem als der reinen Idee, andere umfassen Firmen, die die zweite Finanzierungsrunde anstreben oder Firmen, die einen Marketingplan für ihr beta-Produkt erstellen müssen. Im Allgemeinen sind die Firmen Start-Up's in frühen Phasen. Dies steht im Kontrast zu den International Consulting Projects im Sommer, die mit großen, etablierten Firmen durchgeführt werden.

Das dritte, und bis jetzt letzte Projekt außerhalb des regulären Unterrichts ist die sogenannte "Discovery Expedition", eine einwöchige Studienreise im Juni. Dieses Jahr geht es nach Bosnien-Herzegovina. Jean-Pierre Lehman und Sean Meehan sind schon eifrig damit beschäftigt, die Treffen mit Politikern und Geschäftsleuten zu arrangieren. Wer bei "Studienfahrt" an "wenig Arbeit, Spaß und Alkohol" denkt, hat leider dieses Tagebuch nicht richtig gelesen - zumindest was "wenig Arbeit" angeht. Wir hatten bereits eine Einführung zu Bosnien-Herzegovina. Eine Glegenheit, die nicht nur mit einem Seminar zu Präsentationstechniken verbunden war, sondern auch mit einem dieser "Projekte", bei dem die Studiengruppen donnerstags abends eine Aufgabe gestellt bekommen und samstags morgens mit einer Präsentation vor Klasse und Professoren parat stehen müssen. Was spätestens seit dem ersten Tag des MBA-Programms klar ist: Diese "Projekte" erfordern meistens entweder extrem effiziente Gruppenarbeit oder - und das ist häufiger der Fall - sehr sehr kurze Nächte.

Die bisher intensivste Erfahrung in diesem Sinne war die sogenannte "Integrative Exercise" Anfang März. Dieser ging ein erster "crunch" vorraus: 11 intensive Fallstudien in dreieinhalb Tagen! Dann: Donnerstagnachmittag, die Gruppen bekamen einen case ausgehändigt, mit der Anweisung, eine Produkteinführungsstrategie für ein motorisiertes Fahrrad in China zu erarbeiten. Die erste Präsentation vor einer Professorenjury war am nächsten Morgen fällig, gefolgt von der "defense", einer 40-minütigen Frage-Antwort-Runde. Die Gruppe hatte anschließend bis zum nächsten Morgen Zeit, die Präsentation zu überarbeiten, um sie vor einer größeren Audienz zu präsentieren.

Der Platz reicht hier nicht aus, um die emotionalen Wallungen zu beschreiben, die damit einhergehen, einen Fall zu bearbeiten, der vorsätzlich als aussichtsloses Unterfangen konzipiert ist. Und das alles auf der Basis von 10 Stunden Schlaf - pro Woche! Anscheinend hatten unsere Professoren das Gefühl, sie müssten unser Lernen noch intensivieren. Für uns bleibt, geplagt von Schlafmangel und Frustration, untereinander wenig Raum für Nettigkeiten und "Fische unter dem Tisch".

In meiner Gruppe haben wir annehmbares Finanzwissen, aber offensichtlich nicht genug, um die Zahlen auch nur annährend passend zu machen. Nicht unsere Schuld, wie sich herausstellte, denn nicht mal die Investment Banker unter uns kamen ohne blaue Flecken davon. Unser Accounting-Professor, Stewart Hamilton, hat uns so richtig auseinander genommen. Die Präsentation am folgenden Tag war glücklicherweise annehmbar, so dass wir mit einer zufriedenstellenden Note davonkamen. Nicht jede Gruppe war so glücklich, besonders, wie es scheint, die mit den Investment Bankern.

Samstag vormittags haben wir gewöhnlich Unterricht, Samstagnachmittag und Sonntag sind frei - "reading day". Irgendwann muss man ja die bestellten Bücher und die im Duchschnitt 30 - 60 Seiten Material pro Tag lesen.

Was Dekan Sean Meehan nicht erwähnte: Samstagabends ist auch Feiern oder ein gemütliches Abendessen bei Klassenkameraden angesagt - besonders, wenn die Partner der verheirateten Studenten die zweimonatlichen Motto-Parties organisiert haben. >> Bildergalerie

Samstags ist außerdem Sport angesagt: Wer Lust hat, trifft sich zum nachmittäglichen Joggen entlang des Genfer Sees. Der Sport ist auch notwendig, wenn man lange Nächte mit einem unbeschreiblichen Arbeitspensum gemeinsam mit Unmengen an Milchschokolade verbringt. Besonders die unverheirateten Studenten werden oft spät abends in den Studienräumen gesichtet, umgeben von Kräutertees, Kaffee, Bergen von Schokolade und Snack Foods.

A propos Sport: Die MBA-Olympics rücken näher, und die ganze Klasse wird sich Anfang Juni der Herusforderung in Paris stellen. Ich bin nicht nur im Organisationskommittee, sondern habe mich auch für Klettern und Cross Country Lauf eingeschrieben. Was einen wirklichen Konflikt heraufbeschwört, denn wie soll ein normaler Mensch Zeit zum Trainieren haben, wenn man bis nachts über dem Finance Case für Montag sitzt?

Über die drohenden Prüfungen im Mai werde ich mir besser auch erst Gedanken machen, wenn es soweit ist. Ich frage mich manchmal, ob das so eine optimale Strategie ist, habe aber noch niemanden getroffen, der eine bessere Lösung anzubieten hätte - zumindest nicht am IMD.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.04.2002